«Scheitern ist Teil der Reise»

Jung, wild, mutig: Nach dem Sieg an den EuroSkills in Danzig in der Disziplin «Entrepreneurship» im Zweierteam hat der Fehraltorfer Ralf Boltshauser vor allem einen Plan: Er will gründen. So absurd es klingt, ohne vermarktbare Idee bereits an eine Gründung zu denken, so normal ist das in der Startup-Welt.

Bild SwissSkills

Gold: An den EuroSkills in Danzig 2023 stellten Ralf Boltshauser (r.) und Raymond Tea ihr Business-Flair unter Beweis.

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Der 21-jährige Applikationsentwickler aus Fehraltorf gewann in Danzig (PL) 2023 mit Raymond Tea Gold im Skill «Entrepreneurship und Business Development». Er nennt als Hobbys: Neue Technologien ausprobieren, Sport (Gym, Spikeball), und Lesen.

Für einen Informatiker sei es eine gute Eigenschaft, wenn man etwas faul sei, meint Ralf Boltshauser augenzwinkernd: «Denn man sucht immer Abkürzungen, Automatisierungen und Wege zur schlanken Problemlösung.» Geistig ist der 21-jährige Fehraltorfer alles andere als faul. Er sprüht vor Startup-Ideen. Diese sei er laufend «am Validieren und Ausprobieren», sagt der junge Applikationsentwickler (eine Spezialisierung der Informatiklehre). Für Boltshauser ist aber auch klar: Viele Startups sind zum Scheitern verurteilt und nur wenige überleben die Sturm-und-Drang-Phase, um im Markt zu bestehen oder lukrativ veräussert zu werden.

Er versuche, jeden Tag drei Ideen aufzuschreiben. «Das sind meistens schlechte Ideen: Dann muss ich sie evaluieren und filtern. Viele Ideen zu haben, ist an sich etwas Gutes. Aber solche, für die sich ein Commitment lohnt, kommen nicht im Wochenrhythmus.» Der deutsche Industrielle Alfred Krupp hatte es bereits vor rund 150 Jahren in anderen Worten formuliert: Geniale Einfälle sind nie das Ergebnis rationalen Nachdenkens. Man muss sie aber aufschreiben, sobald sie einem kommen, sonst vergisst man sie. Auch Thomas Edison betonte die Bedeutung der harten Arbeit und Ausdauer bei der Verwirklichung von Ideen: Geniale Einfälle sind demnach nur eine Frage von 1 Prozent Inspiration, aber 99 Prozent Transpiration.

«Viele Ideen zu haben, ist an sich etwas Gutes. Aber solche, für die sich ein Commitment lohnt, kommen nicht im Wochenrhythmus.»

Ralf Boltshauser, Applikationsentwickler und EuroSkills-Sieger

och was qualifiziert Ralf Boltshauser, über die Business- und Markttauglichkeit einer Idee, also über deren Genialität, zu urteilen? Da wäre zum Beispiel Folgendes: Boltshauser war bei der Schweizer Medaillenflut (12-mal Gold) an den EuroSkills 2023 in Danzig einer der zwei Sieger im Skill «Entrepreneurship/Business Development». Gemeinsam mit seinem Wettkampfpartner Raymond Tea besuchte er auch die Eröffnung der Berufsmesse Zürich im November, wo sie auf Nachfrage von KGV-Präsident Werner Scherrer den neudeutschen Skill mit Inhalt füllten: Sie hatten an den EuroSkills drei Tage Zeit, zu einem der «Sustainability Development Goals» (SDG), also den international anerkannten Nachhaltigkeitszielen, ein ihnen zugeteiltes Problem zu lösen. «Daraus mussten wir dann ein Business machen, so die Vorgabe. Das reicht vom Businesskonzept über ein Businessmarketing und das Definieren von Target Groups, hin zur Präsentation und Dokumentation des Business Cases.» Erstmals rekrutierte SwissSkills junge Berufsleute für diese neue Spezialdisziplin, nicht zuletzt, um unternehmerischem Denken und Handeln zur Anwendung zu verhelfen.

Die beiden Informatiker brachten wichtige Qualifikationen bereits mit: So erklärten sie ihre von Hause mitgebrachten technischen Fähigkeiten als Basis, um sich im Zuge der Digitalisierung etwa als Intrapreneur innerhalb einer Firma zu verwirklichen – um etwa intern neue Produkte zu lancieren. Aber genauso seien ihre in der Berufslehre und später mit weiteren Coachings angelernten unternehmerischen Fähigkeiten eine gute Grundlage, um sich als Entrepreneurs selbständig zu machen und selber ein Produkt oder eine Dienstleistung zu lancieren. Ein Beispiel: Mit Janik Meier, den er an den SwissSkills kennengelernt hat, hat Boltshauser eine Zeitlang AI-Kurse gegeben.

Gekündigt, um zu scheitern?

Zurück zur Karriereplanung. In dieser widerspiegelt sich die Leichtigkeit des Seins, welche die Generation Z auszeichnet – im Kontrast zu Ungewissheit, Selbstverwirklichung und Work-Life-Balance, die eben auch viele jüngere Berufsleute beim Blick in die Zukunft umtreibt. Zur Zeit dieses Gesprächs ist Ralf Boltshauser als Informatiker noch bei SwissRe tätig. Doch auf Ende Februar hin hat er gekündigt, denn: «Ab nun will ich all meine Skills anwenden, um maximalen Wert zu erschaffen. Dies erreiche ich nur mit einem Startup.»

Eines seiner ersten Learnings sei gewesen: Die Angst vor dem Scheitern sei oft ein grösseres Problem als das Scheitern selber. «Aber davon darf man sich nicht beeindrucken lassen.» Menschen, die sich nie ans Unternehmertum gewagt hätten, verstünden dieses Denken nicht. Wenn ein Unternehmen, ein Startup scheitere, zeigten viele mit dem Finger auf einen. Gerade in der Schweiz sei die Angst vor Fehlern und Scheitern weit verbreitet. «Aber im unternehmerischen Denken ist das Scheitern Teil der Reise.»

Hat er also gekündigt, um mit der Verwirklichung der ersten Idee zu scheitern? Das zumindest nimmt er in Kauf, denn schliesslich liegt ein Scheitern bei seiner Art, seine meist auf IT-Lösungen und Applikationen fixierten Ideen zu finanzieren, auch drin. «Ich bin ein Fan von Bootstrappen – also vom Selber-Finanzieren.» So überrascht kaum, dass er zwar bereits viele Coachings über Pitches genossen hat, selber aber noch nicht bei einem Investor oder einer Investorin vorstellig geworden ist.

Eine mit KI geschaffene Korrekturhilfe, für Lehrpersonen individualisiert programmierbar, ist eine Idee, für die er noch vor wenigen Monaten Feuer und Flamme war, die er aber mangels Businesstauglichkeit wieder verworfen hat.

Jüngst hat er für sich selber einen «Landing-Generator» kreiert, den man mit einer Business-Idee füttert, worauf er eine Landingpage, ein Logo, ein auf die Unternehmung zugeschnittenes Online-Servicezentrum (Customer Service) sowie eine Business-Analyse macht. «Ich muss nur die Idee eingeben, und er macht mir den ganzen Case.»

«Ist das Problem gross genug, dann wollen sie eine Lösung dafür. Und das lässt sich überprüfen, bevor man angefangen hat, viel Geld zu sammeln oder zu investieren.»

Ralf Boltshauser, Applikationsentwickler und EuroSkills-Sieger

Wie schnell die Entwicklung digitaler Möglichkeiten voranschreitet, zeigt ein drittes Beispiel für eine Business-Idee. So war Boltshauser noch mit der «Zürcher Wirtschaft» im Gespräch über die Vermarktung individualisierter Chatbots für Firmen. Dafür gibt es viele Anwendungen: Customer Service, interne Hilfe, aber auch die Generierung von Ideen. Die bestehenden Tools der generativen KI, etwa ChatGPT, kennen das Unternehmen nicht und machen folglich viele Fehlschlüsse, Verallgemeinerungen oder falsche Assoziationen. «Eine Möglichkeit, das zu umgehen, ist es, ChatGPT das Unternehmen zu erklären – ihm einen Kontext geben – und so bessere Antworten zu erhalten», sagt Boltshauser. Zuerst stiess er bei diesem Lösungsansatz auf Retrieval Augmented Generation (RAG) – eine Technik in der KI, die versucht, bessere Antworten zu generieren, indem sie Informationen aus grossen Datensätzen abruft und verwendet. Doch er stellte fest: RAG-Systeme werden vielleicht schon bald nicht mehr gebraucht, «da die Kontextspanne der Large Language Models sich immens erhöht.» Für andere Anwendungen werde RAG aber wohl spannend bleiben.

Denn mittlerweile ermöglicht die Verwendung von Vektorrepräsentationen, mit Daten zu arbeiten und Muster zu erkennen, indem sie mathematische Operationen auf diesen Vektoren durchführen. So können KI zum Beispiel lernen, Bilder zu erkennen oder Texte zu verstehen.

Prozesse automatisieren

Woher kommt die Lust, eigene Ideen zum Fliegen zu bringen? «Ich wollte eigentlich schon immer Probleme lösen und Dinge automatisieren.» Und bei der Selektion geht er pragmatisch vor: «Wenn ich merke, dass Kunden sind nicht so bereit sind zu zahlen, beginne ich mit etwas Neuem. Sobald etwas resoniert, fahre ich fort.» Mit «Kunden» meint er in dieser Phase nicht Investoren. Denn sein «Lean Approach» – auf Deutsch: schlanke Herangehensweise, ein Ansatz, der vom Lean Management abgeleitet ist, setzt die Eliminierung aller überflüssigen oder verschwenderischen Tätigkeiten voraus.

Womit wir mitten in der Theorie über modernes Management wären. «Beim Lean Startup geht es darum, so früh wie möglich mit Kunden zu sprechen und herauszufinden, ob sie an einem Produkt interessiert sind. Ist das Problem gross genug, dann wollen sie eine Lösung dafür. Und das lässt sich überprüfen, bevor man angefangen hat, viel Geld zu sammeln oder zu investieren.»

Allgemein zeigt er sich offen gegenüber der Automatisierung des Entrepreneurship, seien das Geschäftsprozesse, Data Mining und Analyse, Kundenservice und Support, Marketing und Werbung oder Produktentwicklung und Innovation. Die rasante technologische Entwicklung werde in einzelnen Branchen aber auch Jobs kosten. «Ich habe wie erwähnt ein Programm geschrieben, das mir eine automatisierte Landingpage inklusive Customer Service generiert. Der Kollege, den ich früher dafür brauchte, wird nicht unterstützt, sondern der ist dann weg.» Brutal, aber ehrlich und ohne romantische Tech-Schwärmerei. Die KI werde uns nicht alle Arbeit ab- und wegnehmen, aber vielleicht müssten viele ihre Arbeit umdenken. «Es gibt sehr gute Anwendungszwecke, wo die KI extrem wertvoll ist, weil sie eine 80-Prozent-Lösung generieren kann. Aber es gibt auch viele Fragestellungen, bei denen sie keine zufriedenstellende Lösung bringt.»

Technologieskeptiker gab es immer, bei jeder technischen oder technologischen Revolution fehlen auch die Dystopien nicht. Ähnlich wie bei Finanzblasen stelle sich hier die Frage: «Ist es diesmal anders?» Meistens sei die Antwort Nein. «Falls ja, wird es richtig spannend.» Spannend wird es gleichsam, zu verfolgen, wo seine vielen Startup-Ideen Ralf Boltshauser hintragen werden.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft