Der Preis des Feierabendkicks für KMU
Fussballverletzungen beschäftigen auch Arbeitgeber – und belasten KMU. Zuletzt registrierte die Suva schweizweit rund 40000 Fussballunfälle und 680000 Ausfalltage. Besonders bei Grümpelturnieren und im Firmenfussball stellt sich deshalb die Frage: Lohnt sich das Verletzungsrisiko für den Teamgeist?
16. September 2026 Mark Gasser
Da Grümpelturniere als Plauschevent gelten, bereiten sich viele nicht ernst genug auf die Belastung vor.
Pascal Stüssi, Präsident des Gewerbevereins Limmattal und Vizepräsident des FC Dietikon, hat im Firmenfussball lange Jahre mitgemischt und an vielen Grümpelturnieren teilgenommen. Sein Verdikt: «Als Teamevent sind Grümpelturniere nicht mehr so tauglich, weil es heute ein Überangebot an spannenderen, risikoärmeren und weniger zeitaufwendigen Events gibt. Und es wird immer schwieriger, Freiwillige zu finden.»
Ein Fussballunfall verursacht heute im Schnitt 15 Ausfalltage – drei mehr als vor zehn Jahren. Bei 600 bis 1000 Franken Kosten pro Ausfalltag summiert sich das auf rund 9000 bis 15 000 Franken pro Unfall.
Heute sei das Aufwärmen zwar professioneller, auch die Sensibilität für die Gesundheit, die Prävention vor Verletzungen, die Ausrüstung und die Regeln hätten sich gewandelt, sagt Stüssi. Aber dem stehe eine viel höhere Spielintensität gegenüber. Club-Vizepräsi Pascal Stüssi ist auch OK-Präsident vom «Schüeli», dem grössten Fussballschülerturniers schweizweit in Dietikon. Und da sieht er einen grossen Kontrast zu den Turnieren mit Erwachsenen. Das Schülerturnier mit rund 300 Mannschaften und rund 3000 Spieleinheiten an einem Wochenende hat erstaunlich wenige Unfallmeldungen von den Sanitätsposten: «Neben einigen Schürfungen und Stauchungen oder zwischendurch einem Bienenstich haben wir keine ernsthaften Verletzungen», sagt Stüssi. Das liege klar an der weniger intensiven Spielart und Einsatzhärte der Kinder und Jugendlichen – und sie könnten mehr wegstecken als unfitte Erwachsene.
Der Bauunternehmer Josef Wiederkehr erinnert sich auch an die Grümpi-Zeiten in seinem Betrieb: Vor über 20 Jahren hatte seine Firma in Dietikon und Würenlos jeweils ein eigenes Team. «Das war Ehrensache, wir hatten auch eigene Trikots. Aber man konnte Gift drauf nehmen: Am Montag haben immer zwei, drei gefehlt. Dasselbe übrigens nach dem Skitag.» Irgendwann habe er aufgehört, die Teilnahme an solchen Turnieren aktiv zu unterstützen. «Aber wir gaben keine Anweisungen oder gar Verbote.»
Das sieht man in vielen Firmen mittlerweile nicht mehr so locker: Pascal Stüssi schätzt, dass rund 20 bis 30 Prozent ihren Mitarbeitenden die Teilnahme untersagen oder zumindest von einer Teilnahme abraten. «Nehmen wir ein Bauunternehmen mit 25 bis 30 Leuten, die meisten davon Männer, meistens aus südlichen Ländern, alle fussballaffin. Die gehen in ihrer Freizeit aufs Ganze und wollen gewinnen. Und am Montag fehlen dann drei – sei es wegen Verstauchungen, Quetschungen, Zerrungen, da sagt man als Firmeninhaber irgendwann: Das gibt es nicht mehr.» Er kennt zahlreiche Firmen, die das ihren Mitarbeitern gar verbieten, und hat den Widerstand selber in einem Autokonzern erlebt, bei dem er vor seiner Selbständigkeit tätig war. Doch er versteht die Haltung aus Sicht eines Firmeninhabers. «Wenn zehn Mitarbeiter an einem Turnier mitmachen, ist die Chance relativ hoch, dass sich einer mittelschwer verletzt und sicher eine Woche nicht einsatzfähig ist.»
Gemäss Wiederkehr kämen die häufigsten Verletzungen im Knöchel- oder Kniebereich vor. «Dann kommt es eben zu Ausfällen bei uns, wo der grösste Teil körperlich arbeitet», so Wiederkehr. «Im Büro kann man vielleicht mit Gips noch arbeiten. Auf dem Bau nicht.» Ins Geld gehen können solche Ausfälle nicht nur wegen der Ausfallzeit, sondern auch wegen der Unfallversicherung: «Jeder Unfall bedeutet höhere Prämien oder zumindest nicht tiefere.»
Grümpis im Abwärtstrend
Die Popularität von Grümpelturnieren ist aber am Schwinden. Viele organisierende Fussballklubs klagen über den grossen Aufwand bei der Organisation im Verhältnis zum Ertrag und zur Organisation freiwilliger Helfer. Zudem ist es schwieriger geworden, spontane Hobbymannschaften und Firmenteams zu rekrutieren, nicht zuletzt wegen der Skepsis von Firmen, aber auch weil sich weniger Mannschaften an heissen Sommertagen auf dem Kleinfeld verausgaben wollen. Die Konkurrenz durch andere Freizeitangebote (oft mit spontaner Teilnahmemöglichkeit) ist gross. Dann sei die Sponsorensuche auch schwieriger geworden, und die Verletzungsgefahr und das zunehmend aggressive Verhalten von Teams bei nicht professioneller Spielführung seien weitere Faktoren, findet Stüssi.
Gerade im Juniorenfussball – auch auf Vereinsebene – sei das Aggressionspotenzial vieler Eltern hoch, oft seien sie daher schlechte Vorbilder am Spielfeldrand. «Wenn die Angehörigen beginnen, einen Junioren-Schiedsrichter zu beleidigen, dann versteht man, warum es auch bei Grümpis zu aggressiven oder gar gewalttätigen Ausbrüchen kommt», so Stüssi.
«Bierflaschen-Liga»
Gewerbepräsident Stüssi war auch jahrelang Präsident des Firmen-Fussballclubs FC Swissôtel. Er erinnert sich an zwei unschöne Phänomene, die auch die Verletzungsgefahr steigerten: Die unterste Klasse im Firmenfussball sei als «Bierflaschen-Liga» bekannt gewesen: Da «stärkten» sich Mannschaften oft vor dem Spiel, in der Pause und nach dem Spiel mit Bier statt Wasser oder Tee. Oft würden im Gegensatz zum Vereinsfussball die Trainings auch schlecht besucht.
In negativer Erinnerung blieben ihm einige Müsterchen vom Firmenfussball bis heute: Bei einem Gegner (ein Regionalteam eines Grossverteilers) musste sich sein Team einmal in der Kabine verbarrikadieren und die Polizei alarmieren. Der Aggressivste von allen sei der Filialleiter gewesen. «Er wurde nach einem üblen Angriff entlassen», sagt Stüssi. Er sei immer wieder erstaunt, wie Menschen, die gute Positionen im Job innehätten, austicken könnten, sobald es auf dem Platz ums runde Leder gehe. Fernab der Vereinsstrukturen rotte sich so manches Team zusammen, das dem Namen nicht gerecht werde. «Das ist eine andere Mentalität als im Vereinsfussball.» So habe er im Firmenfussball ganz schwere Verletzungen wie Brüche, Kreuzband- oder einen Achillessehnenriss nach einem Kopfballduell beobachtet.
Firmenturnier als Versuch
Im kommenden Jahr wird Stüssi anlässlich des grössten Schülerfussballturniers in Dietikon einen Versuchsballon starten: ausgerechnet in einem Firmenfussballturnier. Ist das nach all den Erfahrungen und Gründen für die Grümpi-Baisse nicht fahrlässig? Im Gegenteil, findet Stüssi.
Die Festwirtschaft als wichtige Einnahmequelle könnte gerade bei Unternehmen florieren: Denn Firmen, so Stüssis These, könnten eher sitzen bleiben und etwas trinken als junge Amateurfussballer. Und die Aggression und die Verletzungsgefahr? «Im Limmattal kenne ich die Leute – da sind sie vielleicht etwas vorsich-tiger mit Ausrasten. Vielleicht kommt auch der Chef zuschauen oder spielt selber mit. Da halten sich vielleicht viele eher zurück.»
Blick nach vorne
Bauunternehmer Josef Wiederkehr favorisiert mittlerweile weniger riskante Teambuildinganlässe: ab und zu werde ein Ausflug mit Wanderung gemacht, da gebe es höchstens Blasen oder einen Muskelkater, keine Arbeitsausfälle. Weiter nennt er eine Baustellenbesichtigung, ein Essen in den Bergen, Gokartfahren, oder Bowling.
Wenn ein Mitarbeiter aber mit der Belegschaft an einem Grümpelturnier mitmachen wolle und die Veranstalter ein professionelles Setting hinsichtlich Unfallprävention gewährleisten könnten, würde er sich nicht dagegen sträuben. «Ich selber habe beide Knie kaputtgemacht beim Skifahren – und könnte daher nur noch eingeschränkt mitmischen.»
Umfrage zu Grümpelturnieren: Grümpi-Umfrage: Teamgeist oder Risiko?
Tipps vom Oberarzt: Nicht untrainiert ans Grümpelturnier
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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