Besuch bei den Hütern der Normen

Normen stecken überall – von der Schraube bis zur globalen Lieferkette. Und doch haftet ihnen der Ruf des Trockenen an. Ein Besuch bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung in Winterthur zeigt: Hinter den Standards, die Märkte ordnen und Innovation ermöglichen, stehen Menschen, Interessen – und ein überraschend lebendiger Alltag.

Bild Mark Gasser

Sereina Schär, Kommunikationsmanagerin der SNV, an ihrem Arbeitsplatz – von hier aus vermittelt sie die oft unterschätzte Bedeutung von Normen für Wirtschaft und Alltag.

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Sereina Schär, Kommunikationsmanagerin der SNV, an ihrem Arbeitsplatz – von hier aus vermittelt sie die oft unterschätzte Bedeutung von Normen für Wirtschaft und Alltag.

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Es gibt sogar eine Tee-Norm, nämlich ISO 3103: Sereina Schär, Kommunikationsmanagerin der SNV.

Stets fällt bei der Erwähnung von Normen das Paradebeispiel: Die Standardisierung der Container in den 1950er-Jahren. Dieser Meilenstein in der Geschichte der Normung war tatsächlich der wohl wichtigste Motor der Globalisierung – unter anderem, weil sie die Normung der Logistiksysteme ab da von lokalen auf neue globale Standards (ISO) hievte.

Doch man muss nicht so gross denken, um Normen anzutreffen. Von der Schraube über Maschinenrichtlinien bis zu Qualitätsprozessen: Hinter unzähligen Abläufen und Produktionsprozessen in Schweizer Unternehmen stecken Normen – schweizerische, europäische oder globale. Ein Blick hinter die Kulissen der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV) zeigt die Menschlichkeit der vermeintlich trockenen Welt der Normen: Sie hat mehr mit Praxis, Technik und Unternehmertum zu tun, als ihr Ruf vermuten lässt.

Wer schafft eigentlich Normen?

Wer sich die «Schutzengel der Normenwelt» als eher unauffällige graue Bürokraten, als gleichgeschaltete «Normmenschen» mit identischem Skillset vorstellt, täuscht sich: ganz unterschiedliche Fähigkeiten sind hier gefragt – so ist eine Person für alle Fragen rund um Schutzkleidung zuständig (nebst vielen anderen Bereichen), eine andere für Uhren. Da gibt es vom Geologen zur Politikwissenschafterin über den IT-Spezialisten ganz verschiedene Typen.

«Technischer Hintergrund hilft – viele Normen sind im technischen Bereich angesiedelt.»

Sereina Schär, Kommunikationsmanagerin SNV

Ortstermin am Hauptsitz der SNV im Industriepark in Winterthur. «Es gibt keinen Studiengang für Normung», sagt Sereina Schär, Marketing & Communications Managerin bei der SNV, mit einem Schmunzeln. Eine Qualität vereinen aber viele Mitarbeitende: Sie kommen oft aus technischen Berufen. «Logisch, technischer Hintergrund hilft – viele Normen sind im technischen Bereich angesiedelt», sagt Schär. Schärs eigene Aufgabe zeigt: Normen muss man tatsächlich vermarkten. Finanziert wird die SNV zu 90 Prozent durch die Wirtschaft – die Cash Cow (total 73 Prozent des Umsatzes) ist der Verkauf, weitere 15 % erwirtschaften Mitgliedsbeiträge. Hinzu kommen Beiträge durch das Mandat des Bundes (10%) und von der grössten beteiligten Branche, dem Verband Swissmem (2%).
Knapp 40 Mitarbeitende aus den Abteilungen Normung, Verkauf, Academy, ICT, HR, Marketing/Kommunikation und Finanzen sind im Hauptsitz tätig. Viele davon arbeiten im Grossraumbüro, doch sind an diesem Dienstag die meisten im Homeoffice.

Alltag in der Normen-Zentrale

Eines der Büros teilen sich Ramesh Luther, Membership Manager, und Martin Stähelin, Leiter der hauseigenen Academy, des Membership Management und Marketing. Ersterer kümmert sich administrativ um die Mitglieder und deren Funktionen, etwa in den Normenkomitees. «Wir decken vom Kinderspielzeug bis hin zum Atomkraftwerk alles ab», sagt Luther. Er erzählt, dass etwa die landläufig bekannte Qualitätsnorm ISO: 9001–2015 neu überarbeitet wird. Auch werden derzeit sehr viele Normen zu KI und Umweltthemen über- oder neu erarbeitet (siehe Infobox S. 13). Und da sind in den internationalen Komitees oft Vertreter aus der Schweiz dabei. Luther ist etwa Ansprechperson, wenn es um Offerterstellungen geht, er rekrutiert neue Mitglieder oder betreut Mitglieder, die in den Normierungskomitees mitarbeiten – ein wichtiger Grund, um bei der SNV mitzuwirken. Luther sorgt auch für die Durchlässigkeit zwischen Normung und Mitgliedschaft, kurzum: Er kennt den Puls der Mitglieder und kann so den «Normungsbedarf» einschätzen: Stösst ein Thema auf grosses Inte-resse, klärt er ab, ob daraus ein Normierungskomitee entstehen soll.

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Membership Manager Ramesh Luther (l.) und Academy-Leiter Martin Stähelin.

Hauseigene Normen-Academy

Viele Firmen wollen ihren Mitarbeitenden auch Sinn und Anwendung von Normen vermitteln. Dafür gibt es eine eigene Akademie: Diese leitet Luthers Bürokollege Martin Stähelin seit Dezember 2022. Der Ausbildungsbereich der SNV umfasst Seminare und Workshops rund um Normierungsfragen, vom firmeninternen Normen-Refresher über Mittag zum mehrtägigen Seminar für eine ganze Branche – auch für KMU oft eine gute Adresse, um sich im Normendschungel zurechtzufinden. Gegen 1000 Personen holen sich hier jährlich Wissen über den Normendschungel. Denn dieser sei – gerade bei der interdisziplinären Normung – für viele Laien unübersichtlich. «Und für jede Norm könnte man eine Schulung geben», so Stähelin. Also filtern er und die Dozenten jeweils, welche Normen die Unternehmen besonders tangieren.

«Wir decken vom Kinderspielzeug bis zum Atomkraftwerk alles ab.»

Ramesh Luther, Membership Manager der SNV

Einige Bereiche, die besonders oft abgedeckt werden, sind Umweltmanagement, Qualitätsmanagement, Maschinenbauindustrie und Medizintechnik/Gesundheitswesen. Seminare der SNV können online oder physisch gebucht werden. Zu diversen Themen gibt es auch E-Learning-Angebote. Oft gehen die Referenten auch zu grösseren Firmen – oder es kommt zu einem gemeinsamen Anlass mehrerer kleinerer Firmen. «Momentan sind Firmenseminare sehr stark nachgefragt», sagt Stähelin.

Die weiteren Räume bestehen aus Sitzungs- und Seminarbüros, Pausen- und kleineren Räumen für Bereiche wie IT und Innovation, flankiert vom hellen Grossraumbüro. Dieses wird unter anderem von zwei Standards Managern belegt. Eine davon ist Ruth Schneider. Standards Manager betreuen die Mitglieder in den Normenkomittees und «erledigen das Kleinzeug» für diese, wie Schneider erklärt. Das klingt einfacher, als es ist. Standards Manager organisieren unter anderem die Komitee-Sitzungen. Und die sind, obwohl sie an grauen Büroalltag erinnern, elementar wichtig in einer globalisierten Wirtschaft – und für die Beteiligten. Denn wer an Normen mitarbeitet, hat einen Wettbewerbsvorteil.

Vermehrt chinesischer Einfluss

Doch wie kommt es überhaupt zu einer neuen Norm? Zwar spricht man hier bei der Entstehung einer Norm von einem «demokratischen Prozess», weil auch jede Firma in einem Normenkomitee nur eine Stimme haben kann. Doch gleichzeitig ist die Teilnahme an Normierungskomitees politisch – und, so würden manche Kleinunternehmen argumentieren, marktverzerrend. Gerade chinesische Firmen drängen vermehrt in Komitees oder versuchen, diese zu leiten, um ihre Normen international durchzusetzen. Denn auch für sie gilt schliesslich das Credo von Lukas Keller, CEO bei der SNV: «Wer die Norm hat, hat den Markt.»

Trotz «demokratischem» Entstehungsprozess existieren vermehrt Normen «made in China». Wie ist das möglich? In den internationalen Normenorganisationen ISO und IEC wird nicht automatisch festgelegt, welches Land ein Komitee leitet. Stattdessen können sich die nationalen Normenorganisationen – etwa die SNV – um den Vorsitz und das Sekretariat eines technischen Komitees bewerben. Über die Vergabe entscheidet das zuständige Leitungsgremium der ISO.

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Standards Managerin Ruth Schneider im fast leeren Grossraumbüro.

usschlaggebend ist dabei vor allem, ob ein Land genügend Fachwissen sowie ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen kann, um die Arbeit eines solchen Komitees zu organisieren. Eine feste Länderquote für die Leitung oder die Besetzung der Gremien gibt es nicht. Expertinnen und Experten aus allen interessierten Ländern können in den Komitees mitarbeiten.

China ist dennoch im Vorteil: Die chinesische Normenorganisation SAC verfügt über grosse personelle und finanzielle Mittel und kann deshalb häufiger die Leitung solcher Komitees übernehmen. Viele kleinere Länder hätten zwar ebenfalls die nötige Fachkompetenz, können aber die dafür nötigen Ressourcen oft nicht im gleichen Umfang bereitstellen.

An der Mitgestaltung an einer Norm haben KMU wesentlichen Anteil: Die 488 Firmenmitglieder der SNV aus Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitenden machen 80 Prozent der Klientel aus – und sie besetzen letztlich auch viele der Normenkomitees.

Möglichkeiten mitzuarbeiten

Aber die Mitgestaltung kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen. Die niederschwelligste Form der Beteiligung ist das Kommentieren von Normentwürfen als Fachexpertin oder Fachexperte. Als Beispiel: Rolex sieht, dass eine neue Norm in Erarbeitung ist. Wenn die Firma ihre Meinung einbringen möchte, kann sie eine Person delegieren, die den Entwurf kommentiert. Zweite Stufe ist das Abstimmen: Das ist möglich, wenn man Mitglied in einem nationalen Normenkomitee ist. Der nächste Schritt wäre das aktive Erarbeiten eines internationalen Normentwurfs in ISO- oder CEN-Arbeitsgruppen (weltweit vs. europäisch).

Höchste Stufe der Mitarbeit ist die Leitung eines solchen Komitees. 14 Schweizer Expertinnen und Experten haben derzeit diese Funktion bei CEN, 49 bei ISO. International ist die Schweiz gut vertreten: Bei allen Themenfeldern ist die Quote an Experten oder Leitung von Komitees aus der Schweiz stets auf Rang 20 oder besser. Und das geschieht natürlich nicht uneigennützig, denn: Wer die Norm macht, hat den Markt. Zum Vergleich die Top 3: Spitzenreiter Deutschland leitet 134, die USA 92 und China 89 Komitees. Was damit auch heisst: überdurchschnittlich viele Normen tragen deutsche Handschrift.

Normen werden in verschiedene Bereiche gebündelt. Den weitaus umfangreichsten Anteil macht der Interdisziplinäre Normenbereich aus, der bei der SNV-Geschäftsstelle erarbeitet und überprüft wird – also der branchenübergreifende Bereich technischer und funktionaler Standards. Dieser besteht wiederum aus rund 60 Normenbereichen: Sie erstrecken sich von Akustik bis Zahnmedizin, von Möbeln bis zu Menstruationsprodukten, von Seilbahntechnik bis zu Smart Farming, von Kunststofftechnik über Kosmetik bis zur künstlichen Intelligenz.

Stichwort KI: Die Entwicklung einer Norm braucht Jahre – und hinkt so den Entwicklungen der KI stets hinterher. «Normen steigern aber grundsätzlich die Effizienz und reduzieren dadurch Kosten», sagt Schär. Produkte und deren Eigenschaften seien zudem klar umrissen. «Und weil Normen freiwillig erarbeitet werden, haben sie auch immer eine hohe Akzeptanz von aussen.» Auf der «Kaskade der Verbindlichkeit», wenn man so will, kommen Normen gleich nach den Gesetzen und Verordnungen. Dass Gesetze oft Normen tangieren oder bedingen, ist selbstredend.

Nebst den INB-Normen, die bei der SNV-Geschäftsstelle angesiedelt sind, schaffen einzelne Branchen ihre eigenen Normen: Swissmem, Bauwesen, Strassen- und Verkehrswesen, Uhrenindustrie, Elektrotechnik und Telekommunikation. Aber auch diese Fachbereiche agieren unter dem Mantel der SNV.

Keine Normenpolizei, aber…

Eine Norm ist letztlich nichts anderes als ein Standard, auf den sich eine Mehrheit einigt – was dann den Handel erleichtern und einheitliche Qualität garantieren soll. Normen sorgen oft aber auch für Sicherheit. Doch eine «Normenpolizei» gibt es nicht, und einhalten muss die Norm daher faktisch keiner. Die SNV erarbeitet und verkauft Normen, über die Einhaltung wachen andere Organisationen. «Es ist aber von grossem Vorteil, wenn man es macht – und ein noch grösserer Vorteil, wenn man sich an der Erarbeitung beteiligt», sagt Schär. Das bedeutet: Wer Normen nicht einhält, muss mit Nachteilen rechnen. Das kann ein Versicherungsfall sein, wenn etwas schiefgeht und einem die Nichteinhaltung der Norm – etwa wegen eines Billigkabels aus China, das Feuer fängt – zum Verhängnis wird. Sie meint aber auch die Beteiligung an einheitlichen, kompatiblen Produkten und Systemen. Und da wären wir wieder beim Container: Wo wären die Globalisierung und die Lieferketten heute, würden seit den 1950er Jahren die einheitlichen, stapelbaren Metallboxen nicht wie ein Ei dem anderen gleichen?

Für KMU gibt es bei der SNV ein KMU-Portal zu Kauf, Mitwirkung, Prüfstellen, techn. Details, Seminaren: www.snv.ch/de/ueber-normen/kmu-portal.html

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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