«Es gibt Tage, an denen es wehtut»

Rau, laut und unzimperlich: So stellt man sich das Arbeiten bei Recycling-Riesen wie der Maag Recycling AG in Winterthur vor. Doch hier, wo rostige Überreste und fast neue entsorgte Wohlstandsabfälle zusammenkommen, wird Nachhaltigkeit mit Stolz gelebt – nicht nur materiell, sondern auch personell.

Bild Mark Gasser

«Unsere Mitarbeitenden müssen in der Regel alles können»: Judith Maag in ihrem Recycling-Reich.

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Die Schrotthalle der Maag Recycling AG. Der auffälligste, lärmigste Bereich und das Kernstück des Recycling-Riesen.

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Die Schrotthalle der Maag Recycling AG. Der auffälligste, lärmigste Bereich und das Kernstück des Recycling-Riesen.

Der emsige Betrieb auf dem Recy-Hof bietet Spektakel: Mitarbeiter der Maag Recycling AG gestikulieren, weisen ein, schreien manchmal, wenn jemand mit seinem Transportwagen in die falsche Richtung abzweigt. Ein ganz normaler Wochentag auf der Sammelstelle eben. Diese ist sozusagen das «öffentliche Gesicht» der grossen Recyclingfirma mit rund 80 Mitarbeitenden. «Das, wofür uns die Bevölkerung kennt», sagt Geschäftsführerin Judith Maag. «Das ist aber nicht der relevanteste Teil», schmunzelt sie vor dem Rundgang durchs Herz der Firma – die Hinterbühne, aber auch das Herzstück des Schauspiels. Das bevorstehende Spektakel ist auch ein Museum an Müll, das gleichzeitig fasziniert und nachdenklich macht.

Die 39-Jährige ist seit 2016 Geschäftsführerin. Und hat schon einige Veränderungen eingeleitet – ein grosser Schritt war die Entflechtung des Betriebs, um die steigenden Frequenzen an privaten Entsorgern von den internen Prozessen zu trennen. «Es war ein Ameisenhaufen», erinnert sie sich.

Schrott ist Wertstoff

Das Volumen hat sich, seit ihr Vater das Zepter an Tocher Judith übergab, nicht verändert – aber anders als zu Zeiten, als noch Gross-industrie mit Rieter und Sulzer ihr Produktionsabfälle brachte, verzeichne Maag nun mehr Gemeinde- und Gewerbeabfälle, mehr Sammelschrott aus Privathaushalten. Und: weniger Stahl.
Quer über den Hof, etwas versetzt von der Sammelstelle und der eigenen Werkstatt, sind in mehreren riesigen Hallen die eigentlichen Kerntätigkeiten der Firma – und sie sind nicht zu überhören: Rund um die Metall- und Papierannahme, die Schrotthalle und den Zerlegebetrieb, scheppert und dröhnt es im Minutentakt. Mit Schrott beladene Kipper fahren vor, Radlader räumen danach zügig die abgeladenen Metallreste wieder auf – bereit für die nächste Ladung. Man staunt über die Vielseitigkeit der Generalisten, die hier am Werk sind: «Unsere Mitarbeitenden müssen in der Regel alles können», sagt Judith Maag. Sie selber ist Präsidentin des Ausbildungsverbands, der die dreijährige Ausbildung Recyclist EFZ verantwortet. Jeweils zwei bis drei Lernende im Betrieb sind pro Jahr in der Ausbildung. Dazu gehört das «Wertstoffmanagement»: die fachgerechte Entgegennahme, Sortierung, Aufbereitung und Lagerung von Wertstoffen (Metall, Glas, Papier, Elektrogeräte) sowie deren Verladung. Inhalte sind zudem Arbeitssicherheit, Bedienung von Maschinen (Stapler, Pressen), Umweltschutz, Materialkenntnis und Logistik, um Rohstoffe in den Kreislauf zurückzuführen.

Die Reise der gesammelten Materialien beginnt erst bei der Sammelstelle, bevor Metalle, Papier, Karton, Glas oder Kunststoffe in den Hallen zu Wertstoffen verarbeitet werden – in einer Qualität, die es möglichst erlaubt, sie pfannenfertig in der verarbeitenden Industrie wieder einzusetzen. Bei Glas, Papier, Karton, Metall gelinge das grösstenteils. Und zwar möglichst direkt: Die Logistik – etwa der eigene Bahnanschluss – ist wichtiger Teil des Konzepts «Kreislaufwirtschaft»: Der Betrieb setzt auf direkte Lieferketten ohne unnötige Zwischenstationen.

Der auffälligste, lärmigste und zentralste Bereich ist die Schrotthalle: Hier wird allerlei Altmetall angeliefert. Gerade entlädt der Dumper unter ohrenbetäubendem Scheppern eine Kipperladung Wannen von einer Baustelle auf den Schrottberg. Der Kranführer in der Halle verteilt die Haufen und liest die potenziell gefährlichen Gegenstände (wie Gasflaschen) so gut wie möglich aus dem Schrottberg heraus.

Danach werden die Altmetalle in der Schrottpresse zerkleinert und mit der Schrottschere geschnitten. Auf einem grossen Förderband geschieht dann die feinere Ausmusterung unerwünschter Materialien: Hier werden die geschnittenen Stücke von Hand sortiert und danach wird mit Magneten das Eisenmetall vom Nichteisenmetall getrennt.

Behutsames Zerlegen

In einer kleineren, ruhigeren Halle werden von Hand kleinere Elektrogeräte im Zerlegebetrieb von einem 15-köpfigen Team sauber seziert. «Hier sind auch einige Mitarbeitende mit kognitiven oder anderen Einschränkungen am Werk», so Maag. So fand eine ansehnliche Zahl an Mitarbeitenden über Integrationsmassnahmen zum Unternehmen. Meist werden sie vermittelt durch die SVA Zürich, deren Integrationspartner oder die Sozialhilfe der Stadt Winterthur (siehe Infobox).

«Es sind klar definierte Tätigkeiten, klare Leitziele, wie man so ein Gerät zerlegt. Wir nehmen sie hier auch etwas aus dem Schussfeld der Kundenkontakte. Es ist für sie ein einfaches Ankommen», erklärt Maag zum Arbeitsumfeld. Hier wird aber gleichzeitig sehr anschaulich, dass nach dem Sammeln die eigentliche Arbeit, das Zerlegen, Sortieren und Aufbereiten, erst anfängt. Zu den Aufgaben beim Ausweiden von Altgeräten gehört etwa, Schadstoffe wie Quecksilber oder Öl sowie Störstoffe wie Glas oder Kabel von den Wertstoffen zu trennen.

«Wenige wissen, wie viele manuelle Schritte nötig sind, bis ein Staubsauger sauber zerlegt und dessen Einzelteile zurück im Kreislauf sind. Wenn sie das nämlich wüssten, würde die Menschheit weniger konsumieren», sagt Maag nachdenklich. Bei geringeren Mengen könnte ein höherer Spezialisierungsgrad bei der Entsorgung erreicht werden. «Ich würde daher meinen Betrieb noch so gern downsizen, statt zuzuschauen, in was für einer Konsumgesellschaft wir leben.» Sie würde gern, anders gesagt, mehr Kapazität in die Aufbereitung und die Verarbeitung investieren.

Viel Wohlstand – viel Müll

Positiv sei, dass es der Bevölkerung offensichtlich gut gehe, wenn man sehe, wie viel bei jedem Umzug entsorgt werde. Grundsätzlich gilt: 40 bis 50 Prozent der Wertstoffe starten nach dem Ableben eine zweite Karriere – aufbereitet in einem neuen Produkt oder erhalten dank Wiederaufbereitung (Remanufacturing).

Gerade im Kunststoffbereich werde aber viel Augenwischerei betrieben. Das PET-Recycling sei in der Schweiz tatsächlich fast ein geschlossener, wenn auch sehr aufwendiger, Kreislauf. Aber in vielen Fällen – etwa bei gummiartigen Kunststoffen (Elastomere), handle es sich nicht um Recycling, sondern um Downcycling: «Die sind mechanisch kaum recyclebar.» Andere Plastikvarianten wie Polyethylen (PE) liessen sich in den meisten Fällen nicht gleichwertig wiederverwenden. Besonders problematisch: Oft scheitere die idealisierte Kreislaufwirtschaft allein schon an der auf-wendigen Plastikverpackung. Der unverwertbare Anteil werde verbrannt oder lande irgendwo in Rumänien, Bulgarien, auf einem Zwischenlager deponiert, werde zerfressen oder zersetzt, lande schlimmstenfalls im Meer.

Statt mit hochkomplexen mechanischen Prozessen kleine Teile des Plastikabfalls zu recyclen, wäre die naheliegendere Lösung: etwas weniger brauchen. Und wenn damit gepriesen wird, dass Möbel noch für Fernwärme verbrannt werden, dann sei das keine Werbung, sondern die letzte aller möglichen Downcycling-Varianten. «Es gibt Tage, an denen es wehtut – und Tage, an denen es mich anspornt, weiterzumachen.» Da drückt dann auch die Umweltnaturwissenschafterin in ihr durch. Gerade solche Auszeichnungen wie der This-Priis sporne sie an, «eine Wirtschaft zu denken, die menschlicher ist, die anders ist».

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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