Schlaftrunken in den Arbeitsunfall

Schlafmangel wirkt ähnlich wie Alkohol auf die Leistungsfähigkeit. Und steigert das Unfallrisiko. Wer schläfrig arbeiten geht, ist im Schnitt deutlich mehr krank oder verletzt als seine ausgeschlafe-nen Kollegen. Unternehmen erkennen zunehmend, dass Schlafqualität einen direkten Einfluss auf Leistungsfähigkeit und Sicherheit hat.

Bild stock.adobe.com/Tomasz Zajda

Zu den Risikoberufen, bei denen Schlafmangel schwerere Unfallfolgen haben kann, gehören jene in der Transportbranche.

Schlafprobleme sind in der Schweiz weit verbreitet: Jede dritte Person schläft schlecht, jede zehnte leidet an einer chronischen Schlafstörung (Insomnie). Die Folgen zeigen sich auch am Arbeitsplatz. Bereits wenige Stunden zu wenig Schlaf können Reaktionszeiten verlängern und das Unfallrisiko deutlich erhöhen, wie uns die Suva verrät. Bei zu wenig Schlaf sind auch die Entscheidungsfähigkeit, das Urteilsvermögen und die Risikobewertung deutlich beeinträchtigt.

Die Suva stellte jüngst mit ihrem Datenmaterial einen Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Abwesenheitstagen her: Schlaf ist demnach tatsächlich ein wichtiger Sicherheitsfaktor bei der Arbeit. In harten Zahlen: Wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schläft, verliert im Schnitt rund sieben Arbeitstage pro Jahr durch Krankheit oder verminderte Leistungsfähigkeit – und zwar sieben Arbeitstage mehr als der Durschnitt der «Normalschläfer». Selbst bei sechs bis sieben Stunden Schlaf sollen es noch rund 3,7 Tage mehr im Vergleich zu ausgeschlafenen Mitarbeitenden sein.

Risikoberufe und -tätigkeiten

Martin Lanzer, der ärztliche Leiter der SailerClinic und CEO des Schlaflabors Zürich, bestätigt: «Schlafmangel und Schlafstörungen erhöhen Unfall- und Fehlerquote erheblich.» Einige Branchen sind aus Lanzers Sicht stärker betroffen wegen typischer Risiko-berufe: Transport (Lkw, Flieger), Schichtarbeit (Gesundheit, Industrie), Rettungsdienste, Bergbau, Fertigung sowie Pflege/Medizin.

Johann Malina-Altzinger von der Clinic Profilance AG in Zürich-Fluntern sieht es genauso. Er beschreibt die typischen Tätigkeiten der «Risikoberufe»: «Besonders betroffen sind Menschen in Berufen mit hoher Verantwortung und monotonen Tätigkeiten – etwa im Transportwesen oder beim Bedienen von Maschinen. Tagesmüdigkeit kann hier schnell zu einem Sicherheitsrisiko werden.» Mali-na-Altzinger ist ärztlicher Leiter der spezialisierten Poliklinik im Ärztehaus Fluntern mit Fokus auf schlafbezogene Atmungsstörungen. In der Praxis sei insbesondere in Berufen mit Fahrzeugen oder Maschinen der Sekundenschlaf «ein zentrales Risiko – gerade bei monotonen Tätigkeiten». Nebst diesem Extremfall mit potenziell schwerwiegenden Unfallfolgen können schon leichte Schlafstörungen zu reduzierter Leistungsfähigkeit führen, zu Konzentrationsproblemen und zu erhöhter Fehleranfälligkeit. Gerade die eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit könne fatale Folgen haben, denn sie betreffe sowohl Reaktionsgeschwindigkeit als auch die Qualität von Entscheidungen.

Ursachen und Folgen

Häufigste Ursachen für chronische Schlafstörungen bei Erwerbstätigen seien Stress und Arbeitsbelastung, Schichtarbeit, unbehandelte Schlafapnoe (Atemprob-
leme), Psychische Erkrankungen (Depression/Angst), Schmerzen, Medikationen und Bildschirmnutzung. Gerade die Rolle von Stress und digitaler Erreichbarkeit spiele eine grosse Rolle beim Schlafmangel: «Stressbedingtes Hyperarousal und abendliche Bildschirmnutzung (blaues Licht, mentale Aktivierung) verzögern den Schlafbeginn und verschlechtern die Schlafqualität», so Lanzer.

«Schlafmangel und Schlafstörungen erhöhen Unfall- und Fehlerquote erheblich.»

Martin Lanzer, Ärztlicher Leiter der SailerClinic und CEO Schlaflabor Zürich

Schlafmangel könne sehr schnell kognitive und körperliche Einschränkungen bewirken: Aufmerksamkeitseinbussen, verlangsamte Reaktionszeit, Gedächtnisprobleme, reduzierte Daueraufmerksamkeit als kognitive Müdigkeit, verminderte Koordination und Immunschwäche als körperliche Einschränkungen.

Langfristigere gesundheitliche Risiken bei chronischem Schlafmangel sind ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und auch Immunschwäche. Bei jahrelangen Schlafproblemen seien die Schäden meist zwar reversibel nach Besserung, meint Lanzer. Doch unbehandelte schlafbezogene Atmungsstörungen können langfristig zu schweren kardiovaskulären Ereignissen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Das gleiche gilt für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. Dabei kann die Krankheit einerseits den Schlaf stören, anderseits kann schlechter Schlaf die Krankheit verschlimmern oder früher sichtbar machen.

Nach Optimierung des Schlafs trete zwar Besserung in Aufmerksamkeit oder Stimmung binnen Tagen ein, die nachhaltigere Recovery über Wochen bis Monate. Bei chronischer Störung seien mehrere Wochen Therapie nötig, so Martin Lanzer. In spezialisierten Zentren wie der Clinic Profilance im Ärztehaus Fluntern oder dem Schlaflabor Zürich träten solche Effekte in der Praxis oft bereits nach kurzer Zeit auf.

Unternehmen sensibilisiert

Das Thema Schlaf hat gesellschaftlich, aber auch in Unternehmen an Bedeutung gewonnen, «insbesondere durch ein besseres Verständnis und die gezielte Behandlung der weit verbreiteten obstruktiven Schlafapnoe», sagt Johann Malina-Altzinger. Bei dieser Form kommt es immer wieder zu Atemaussetzern, wobei die Atemwege blockiert werden. Gerade bei unbehandelter Schlafapnoe bestehen enge Zusammenhänge mit Bluthochdruck, Diabetes und sogar neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz. «Viele dieser Risiken werden noch unterschätzt.» In solchen Fällen sei eine Abklärung via Hausarzt oder direkt bei einem Spezialisten dringend empfehlenswert.

Nebst vermehrter Forschung sowie Gesundheitsprogrammen werde dem Thema auch betrieblich in vielen Branchen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Johann Malina-Altzinger resümiert: «Unternehmen erkennen zunehmend, dass Schlafqualität einen direkten Einfluss auf Leistungsfähigkeit und Sicherheit hat.»

Ansätze für Unternehmen

Konkret: Martin Lanzer nennt Fatigue-Management und Prävention. Fatigue-Management ist ein systematischer Ansatz, um Müdigkeit im Arbeitskontext zu erkennen, zu bewerten und zu reduzieren – durch eine Kombination aus kluger Arbeitsorganisation (Arbeitszeitbegrenzung, Pausenmanagement, gute Beleuchtung, geeignete Temperaturen, Reduktion monotoner Tätigkeiten), Aufklärung (Früherkennung, Sensibilisierung auf Biorhythmus und Müdigkeit) und individueller Prävention (regelmässige Schlafzeiten, Bildschirmverzicht vor dem Schlafen).

«Besonders betroffen sind Menschen in Berufen mit hoher Verantwortung und monotonen Tätigkeiten – etwa im Transportwesen oder beim Bedienen von Maschinen.»

Johann Malina-Altzinger, Ärztlicher Leiter der Poliklinik im Ärztehaus Fluntern

Zu den weiteren sinnvollen Massnahmen für Unternehmen, die Lanzer vorschlägt, gehören: Schlafbildung, flexible Arbeitszeiten, Reduktion von Nachtschichten, geregelte Pausen, keine Pflichterreichbarkeit nach Feierabend sowie Angebote von Gesundheitschecks.

Als eine niederschwellige, aber «sehr sinnvolle» Massnahme betrachtet er Power-Naps während der Arbeitszeit. «10 bis 20 Minuten sind optimal», so Lanzer. «Längere Naps von 30 Minuten und mehr können Schlafträgheit und nächtliche Störung fördern.» Kurzschlaf ersetze auch keine nachhaltige Behandlung von Schlafstörungen, ergänzt Johann Malina-Altzinger.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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