«Wenn man sich nicht streitet, dann ist es einem nicht ernst»

Der sgv hat im Rahmen des Gewerbekongresses, diesmal unter dem Motto «KMU mobil», seine Gremien neu gewählt. Der neue sgv-Drektor Urs Furrer stellte sich und seine Ziele vor. Ehrengast war Bundesrat Albert Rösti. Inhaltlich stand das Thema Mobilität und der Nationalstrassenausbau STEP im Fokus.

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Bei fast allen Traktanden und Wahlgeschäften herrschte Einigkeit unter den Delegierten.

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Bundesrat Albert Rösti (SVP), der einst selber in die Gewerbekammer gewählt wurde, bei seiner Keynote.

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Auf einem Podium wurde von Nationalräten kontrovers über die Nationalstrassenvorlage debattiert. Bilder sgv

Der Schweizerische Gewerbeverband (sgv) hat nun eine neue Führung: Urs Furrer tritt die Nachfolge des langjährigen Direktors Hans-Ulrich Bigler an. sgv-Präsident Fabio Regazzi bezeichnete Bigler in seiner Dankesrede als starke Führungspersönlichkeit mit Ecken und Kanten, «an welcher sich politische Gegner und Medien sowie politischen Mitstreiter gerieben haben». Er gestand: «Es war nicht immer einfach mit dir. Auch wir haben zuweilen gestritten.» Doch immer habe Bigler für eine klare politische Ausrichtung des sgv gekämpft. Regazzi verglich Bigler anerkennend mit Christoph Blocher, zog aber auch einen Vergleich mit Radiopionier Roger Schawinski («medial genau so prägend wie du in der Gewerbelandschaft») oder mit Friedrich Dürrenmatt, der aus Biglers Region kam («Genuss, Heimatliebe und Heimatkritik verbinden euch»).

Allen 247 Delegierten und insgesamt gut 350 Anwesenden am sgv-Gewerbekongress war aber auch klar, dass die turbulente Zeit nicht spurlos am Gewerbeverband vorbeigegangen war. Regazzi sprach denn auch die Turbulenzen im vergangenen Jahr an, in welchem der designierte Direktor Henrique Schneider unter anderem wegen Plagiatsvorwürfen sein Amt nicht antreten konnte. Es sei schwierig gewesen, unter den Umständen das Schiff auf Kurs zu halten. «Aber wir sind es gewohnt, Probleme zu lösen», so Regazzi. Beherzt habe die Geschäftsstelle (Kurt Gfeller und Dieter Kläy) interimistisch den Verband in Co-Leitung souverän geführt.
Bigler, der fünf Präsidenten erlebte, meinte bei seinem versöhnlichen Rückblick auf die 15 Jahre als Direktor: «Wenn man sich nicht streitet, dann ist es einem in der Sache nicht ernst.» Sein Kompass sei stets die sgv-Strategie gewesen. Schliesslich gehörten dem Dachverband 230 Branchenverbände an, die sich nicht immer auf einen Nenner bringen liessen, «so dass jemand das Ganze zusammenhalten muss».

Die Tageszeitungen der TX Group meinten im Anschluss an Biglers Abgangsrede fast ein wenig enttäuscht: «Das Gepolter ist beim Gewerbeverband vorbei.» Dass er als streitbarer Direktor galt, unterstrich sein Credo: «Solange man über mich spricht, ist meine Politik relevant.» Eine saubere ordnungspolitische Linie durchzusetzen heisse, den linken Mainstream gegen sich zu haben, der auf die Person zugespitzt formuliere – und der ihn eben gern als «Polteri» sieht. Er wünschte seinem Nachfolger Furrer viel Erfolg und Stehvermögen und dass er sich nicht beeinflussen und instrumentalisieren lasse.

Der neue sgv-Direktor stellt sich vor

Der neue sgv-Direktor Urs Furrer stellte an seinem ersten offiziellen Arbeitstag, dem 1. Mai, seine Ziele vor. Starken Fokus will er – wie auch sein Vorgänger und wie die sgv-Ziele dies vorsehen – auf den Abbau der Bürokratie legen. Schon als junger Anwalt und Unternehmensberater sei ihm klar geworden, wie viel Zeit und Energie für die grassierende Bürokratie verloren gehe. Die letzten 10 Jahre war er in der Lebensmittelbranche, die sehr KMU-geprägt und reguliert sei. Übertriebene Deklarationsplichten, Grenzwerte, Ernährungsrichtlinien, Verkaufsrestriktionen und deren Kontrolle gehörten zu seinem täglichen Brot. Es sei ein Naturgesetz: Je mehr Staat, desto mehr Regulierung.

Er wolle zusehen, dass der sgv der massgebliche Wirtschaftsdachverband bleibe, doch gerade in Abstimmungskämpfen sei eine konstruktive Zusammenarbeit der Wirtschaftsverbände wichtig. Trotz oder gerade angesichts der Diskussionen und Differenzen müsse man fragen: Dient die Haltung den KMU-Mitgliedern? Dieses Credo gelte es kritisch, aber konstruktiv auch anderen Dachverbänden klarzumachen. Er übernehme den sgv zu einer Zeit, in der die Wirtschaftsverbände nicht überall gut ankämen. Die Wirtschaft an sich habe an Vertrauen verloren. «Und das müssen wir unbedingt korrigieren.» So gelte es, vor Abstimmungen frühzeitig zu mobilisieren, zwischen den Verbänden zu koordinieren und die Zusammenarbeit zu stärken.

Sowohl Urs Furrer als auch Fabio Regazzi plädierten für ein Ja am 9. Juni zum Mantelerlass (Energiegesetz), der dazu beitragen würde, Engpässe zu verhindern, die Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren sowie die Preise zu stabilisieren. Es werde nicht scheuklappenmässig dem Schutz der Natur der Vorrang gegeben, diese werde aber nicht ausser Acht gelassen.

Der sgv will im Kampagnen-lead nach der Sommersession auch zur Aufklärung in Sachen Nationalstrassenausbau STEP beitragen. Der Erfolg der Ja-Kampagne sei von zentraler Bedeutung für die Sicherung der Zukunft unserer Nationalstrassen, führte Präsident Regazzi aus. «Wir müssen die Mythen entkräften.» So stimme es beispielsweise nicht, dass neue Strassen gebaut würden, sondern es würden für rund 5,5 Milliarden Franken Engpässe abgebaut und so der schädliche Ausweichverkehr in die Ortschaften verhindert.

Bundesrat Rösti zu Gast

«Das Erfolgsrezept ist einfach: Für unseren Wohlstand braucht es ein florierendes Gewerbe. Und für ein florierendes Gewerbe braucht es zweierlei: möglichst viel Freiheit, was naturgemäss eine zurückhaltende Politik bedingt und eine moderne und angemessene Infrastruktur», eröffnete Ehrengast Bundesrat Rösti. Eine veraltete Infrastruktur mache aus einem modernen Land schleichend eines, das den Anschluss verpasse. «Die verlorene Zeit im Stau kostet uns bereits jetzt rund 3 Milliarden Franken pro Jahr. Das ist ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor, der bei einer Vernachlässigung unserer Nationalstrassen dann schnell ansteigen könnte», so Rösti.

Beim Verkehr zählte er die sechs Ausbauprojekte auf (Lausanne–Genf, Wankdorf–Schönbühl, Schönbühl–Kirchberg, den Rheintunnel Basel, den Rosenbergtunnel und den Fäsenstaubtunnel in Schaffhausen), drei davon seien Tunnels. Das zeige: Verkehr werde vermehrt in den Untergrund geleitet. Es sei notwendig, alle Verkehrsträger angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der Mobilitätsbedürfnisse zu berücksichtigen. Es gelte, weitere Milliarden an volkswirtschaftlichen Verlusten durch Staus zu vermeiden und auch die Gemeinden zu entlasten.

Mit Verweis auf den zunehmenden Strombedarf – allein für die Elektrifizierung des Verkehrs seien 14 TWh vorgesehen – plädierte Rösti fürs Energiegesetz, das im Ständerat praktisch einstimmig durchgewunken wurde und auch im Nationalrat eine grosse Mehrheit fand. An die 16 Wasserkraftwerke würde unter anderem ein nationales Interesse geknüpft, um die Stromversorgung sicherzustellen. So könne ein Gericht nur in ganz gravierenden Fällen einem anderen Interesse den Vorrang geben. Das gebe den Investoren mehr Planungssicherheit.

Wichtig sei überdies bei der Vergabe von Solar- oder Windanlagen, dass die Zuständigkeiten der Nutzungsplanung nicht ausgehebelt würden – so seien oft die Gemeinden zuständig. «Wir wollen eine Beschleunigung, aber wir wollen das Mitspracherecht nicht einfrieren.»

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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