Teamgeist und Führung mit Poker trainieren
Schlechte Karten gehören zum Geschäftsleben. Entscheidend ist, was man daraus macht. Genau hier setzt Claudia Chinello an: Für sie ist Poker ein spielerisches Training für Führung, Teamarbeit, Verkauf und Entscheidungen unter Unsicherheit.
17. September 2026 Mark Gasser
«Wir können aus dem Spiel viele gewinnbringende Denkansätze extrahieren»: Claudia Chinello als Dealerin und Pokertrainerin bei einem Teamevent.
Erfolg ist kein Glücksspiel.» Dieses Credo gilt für Claudia Chinello sowohl im Geschäftsleben als auch beim Pokern. Sie versteht Poker als Strategie- und Entscheidungsspiel mit einem Glücksanteil. Unternehmerinnen und Unternehmer bringen dafür bereits einiges mit: Führungserfahrung, strategisches und vernetztes Denken helfen, das Spiel schnell zu erfassen. Gleichzeitig zeigt Poker, wo es im Team und im Geschäftsalltag Verbesserungspotenzial gibt.
Nach ihrem Wirtschaftsstudium arbeitete Chinello zwei Jahre als Croupier in einem Casino. Dort entdeckte sie das Pokern und gründete später die PokerAcademy. Seit 2005 bietet sie Pokerkurse und Events für Private und Firmen an. Bei den Business-Pokerseminarien steht allerdings nicht das Erlernen des Spiels im Vordergrund. «Eigentlich geht es fast nur um den Business-Alltag», sagt sie.
Poker wird zum Werkzeug, um Themen wie Führung, Motivation, Teamarbeit, Sales oder Unternehmenswerte sichtbar zu machen. Spielsequenzen wechseln sich mit Diskussionen und Übungen ab. Die Inhalte werden auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten.
Was am Tisch sichtbar wird
Poker ist auf den ersten Blick ein Wettbewerb. Für Chinello steht aber der soziale Aspekt im Vordergrund. Die Spielenden beobachten Körpersprache, reagieren aufeinander, bluffen und versuchen, ihr Gegenüber einzuschätzen. «Poker ist mein Medium – nicht das Spiel selber, sondern der soziale Aspekt.»
Gespielt wird deshalb nie um echtes Geld. «Wir wollen Spass erzeugen und Teambuilding fördern.» Die Karten dienen als Sinnbild für den Geschäftsalltag: «Die Karten, die ausgeteilt werden, kannst du nicht bestimmen. Aber du kannst selber bestimmen, wie und ob du damit spielst.»
«Die Karten, die dir ausgeteilt werden, kannst du nicht bestimmen. Aber du kannst bestimmen, wie du damit umgehst.»
Claudia Chinello, Pokertrainerin und Eventmanagerin
Gerade schwierige Themen liessen sich so leichter ansprechen. In einem Callcenter fragte eine Vorgesetzte ihr Team, warum es überhaupt Teammeetings gebe. Ein Mitarbeiter antwortete, er habe gedacht, sie wolle die Angestellten schikanieren. Die spontane Aussage löste Veränderungen aus: Später wurde er zum Stellvertreter, andere Mitarbeitende wechselten die Funktion oder verliessen das Unternehmen. «Die Leute wissen in der Regel, was sie verändern möchten. Sie wissen aber nicht immer, wie sie danach fragen sollen», sagt Chinello.
Führung am Pokertisch
Auch Hierarchien werden sichtbar. Chinello erinnert sich an ein Team, dessen Mitglieder ihren Chef ständig blufften. Daraus entstand die Frage, ob sie ihm auch im Geschäftsalltag auf der Nase herumtanzten. Eine Mitarbeiterin vermutete, der Chef lasse dem Team zu viel Freiheit. Für ihn war das ein Aha-Erlebnis: Vielleicht müsse er tatsächlich stärker führen.
«Hierarchien werden aufgebrochen, wenn die Chefs das zulassen», sagt Chinello. Gleichzeitig zeige sich, wie Menschen mit Autorität, Druck und Verantwortung umgehen. «Es ist extrem, wie sehr die Persönlichkeit beim Pokern zum Ausdruck kommt.»
Manche Führungskräfte spielten zu viele Hände und wollten immer dabei sein. Für Chinello kann das ein Spiegel des Geschäftsalltags sein: eine zu breite Produktpalette, zu viele Projekte oder fehlender Fokus auf das Kerngeschäft.
Kunden lesen statt Karte spielen
Eine alte Pokerweisheit lautet: «Spiel nicht deine Karten, sondern dein Gegenüber!» Auch darin sieht Chinello eine direkte Parallele zum Verkauf. Wer sich nur auf das eigene Produkt konzentriere, übersehe leicht, was der Kunde brauche.
Am Pokertisch lernen Teilnehmende deshalb, ihr Gegenüber einzuschätzen: Wer ist dominant, wer zurückhaltend? Wer blufft, wer bleibt bei der Wahrheit? Und: Wie muss ich mit ihm umgehen? Diese Frage sei auch im Verkauf zentral.
In einem Workshop ging es etwa um eine Verkäuferin, die ihren Kunden zu schnell Rabatt gewährte. Beim Pokern erhielt sie die Aufgabe, mit guten Karten möglichst viel Geld zu verdienen und möglichst wenig Rabatt zu geben. Anschliessend wurde das Szenario auf den Verkauf übertragen: Was ist unser Produkt wert? Und warum geben wir Rabatt?
Poker trainiert laut Chinello zudem den Umgang mit Unsicherheit. Poker trainiere deshalb weniger die Bereitschaft, Risiken einzugehen, als deren Einschätzung. Dabei gehe es nicht darum, risikofreudiger zu werden. «Poker trainiert das mathematische Gefühl für Wahrscheinlichkeit.» Wer Risiken besser einschätzen könne, könne auch mutiger entscheiden. Dazu gehört der Umgang mit Niederlagen. Verliert jemand am Pokertisch seinen Spieleinsatz, lässt sich danach über den Rückschlag sprechen – wie beim Verlust eines Kunden oder eines Projekts. Manchmal verliert man mit der besseren Hand. «Das sind die 10 Prozent, in denen man Glück oder Pech hat.» Entscheidend sei, was danach passiere. Wer einen Rückschlag als Lernmöglichkeit begreife, gewinne Handlungsspielraum zurück.
Langfristig bestehen
Auch die langfristige Perspektive lässt sich am Pokertisch zeigen. Kurzfristig kann ein Spieler mit schlechten Karten gewinnen. Langfristig setzt sich jedoch die bessere Strategie durch. Ähnlich sei es im Geschäftsleben: Eine Massnahme kann kurzfristig Erfolg bringen und langfristig schaden – oder ein gutes Projekt trotz guter Voraussetzungen scheitern.
Geduld und ein verantwortungsvoller Umgang mit den eigenen Ressourcen seien deshalb in beiden Welten wichtig. Auch der beste Spieler könne viel verlieren, wenn er zu hohe Einsätze wähle.
Für Chinello ist Poker deshalb mehr als Unterhaltung. Es trainiert Beobachtung, Entscheidungsfähigkeit, Wahrscheinlichkeitsdenken, Menschenkenntnis und den Umgang mit Veränderung. Gerade in Zeiten von KI und stetem Wandel könne das Spiel ein Gefühl vermitteln, das viele aus dem Berufsalltag kennen: Man bekommt schlechte Karten und muss trotzdem handeln. «Wir können aus dem Spiel viele gewinnbringende Denkansätze extrahieren», sagt Chinello. Im besten Fall sorgt der spielerische Perspektivenwechsel dafür, dass ein Team danach bewusster zusammenarbeitet – und vielleicht auch die eine oder andere Karte im Geschäftsalltag besser ausspielt.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
Info
Was Pokern über den Unternehmensalltag lehrt
UNVOLLKOMMENE INFORMATION
Poker: Entscheiden, obwohl nicht alle Karten bekannt sind.
Business: Führen, obwohl noch nicht alle Fakten vorliegen.
GLÜCK UND ERGEBNIS GEMÄSS WAHRSCHEINLICHKEIT
Poker: Eine richtige Entscheidung kann trotzdem zum Verlust führen.
Business: Ein schlechtes Resultat bedeutet nicht automatisch, dass die Entscheidung falsch war.
VERÄNDERUNG/VERÄNDERUNGSBEREITSCHAFT
Poker: Mit jeder neuen Karte verändert sich die Situation.
Business: Anpassung an neue Informationen/Marktveränderungen.
RISIKO UND LOHNENDE INVESTITION
Poker: Den Einsatz an Gewinnchancen und Gegner anpassen.
Business: Budget und Ressourcen an neue Ausgangslagen anpassen.
FESTHALTEN/LOSLASSEN?
Poker: Eine verlierende Hand rechtzeitig «folden» (wegwerfen).
Business: Ein Projekt trotz bisheriger Investitionen bewusst beenden.
REALITÄTSCHECK
Poker: Wie stark ist meine Hand tatsächlich?
Business: Wie stark ist unser Produkt wirklich?
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Poker: Den Einsatz an Gewinnchancen und Gegner anpassen.
Business: Budget und Ressourcen an neue Ausgangslagen anpassen.
FESTHALTEN/LOSLASSEN?
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