«Tag der Lernenden» neu auch in Zürich

Was im Kanton Thurgau bereits seit Jahren Kultstatus geniesst, gibt es neu auch in Zürich: Der «Tag der Lernenden», der im Thurgau etabliert ist, wird dieses Jahr erstmals am 2. November in Zürich durchgeführt. Wir sprachen mit Organisator Gregor Wegmüller von Messen Weinfelden über die Entstehungsgeschichte, das Erfolgsrezept und die Expansion nach Zürich.

«Es geht nicht um Gspürsch-mi», sagt Gregor Wegmüller über den Lehrlingstag. In Weinfelden TG war dieses Jahr Hanspeter Latour (Bild) zu Gast. Bild: zvg

Gregor Wegmüller*, der «Tag der Lernenden» hat im Thurgau Kultstatus. Wie ist die Idee vor über 20 Jahren entstanden?

Gregor Wegmüller: Wir haben das ehrlicherweise im Rheintal abgeschaut: Bereits damals gab es den Mobi-Day mit der Mobiliar als Hauptsponsor. Als Organisatoren der Wega (Thurgauer Wirtschaftsforum in Weinfelden), wo Firmenchefs und eine Wirtschaftselite dabei sind, merkten wir: Die Lernenden waren unterschwellig an diesen Wirtschaftsanlässen immer wieder Thema. Wir wollten auch Lehrbetriebe dabei unterstützen, Lehrtage und Lehrzeit ihrer Lernenden besser zu gestalten.

Und wo galt es im Besonderen, sie zu unterstützen?

Wegmüller: Der schulisch-fachliche Teil der Lehre wird ja in der Schule und in den ÜK abgedeckt. Aber man merkte, dass die Soft Skills auf der Strecke blieben. Dazu gehören etwa die Kommunikation zwischen Ausbildnern und Lernenden oder der Umgang mit schwierigen Themen. All diese Persönlichkeitsthemen werden noch nicht systematisch geschult. Gleichwohl lebt jedes Lehrverhältnis unglaublich von diesen Soft Skills. Da wollten wir einen Schwerpunkt setzen.

Was war das eigentliche Erfolgsrezept des Anlasses, auch inhaltlich, das ihn über all die Jahre getragen hat?

Wegmüller: Das Anliegen blieb nach wie vor gleich. Früher wurden öfter mal Topshots aus der Welt der Jugendlichen selber eingeflogen. Die Musiker oder Spitzensportler berichteten stets über ihre eigenen Lernwege. Heute setzen wir etwas weniger auf Jugendvorbilder, sondern eher auf Vorbilder, die zum konkreten Arbeitsalltag etwas erzählen können. Etwa aus den Bereichen Coaching oder Wirtschaft. Mittlerweile haben wir einen guten Mix. Dafür sind auch Lehrbetriebe eher bereit, ihre Lernenden an den Anlass zu schicken und ihnen frei zu geben, weil es ihnen etwas bringt für den Berufsalltag.

Wenn Sie auf mehr als zwei Jahrzehnte zurückblicken: Was hat sich bei den Lernenden und bei den Lehrbetrieben am stärksten verändert?

Wegmüller: Die Betreuung der Lernenden ist heute vielfältiger und aufwendiger als früher. Resilienz ist heute ein grosses Thema, das auch die Wirtschaft stark betrifft. Gleichzeitig sind die jüngeren Generationen (im positiven Sinne) achtsamer geworden. Aber sie müssen aufs Ziel hinwirken, das psychologische Rüstzeug für die Lehrzeit zu verinnerlichen.

Jugendliche sind empfindlicher, empfindsamer, anderseits auch bewusster und achtsamer geworden. Aber es ist kein Esoterik- oder «Gspürsch-mi»-Anlass, sondern geht der Frage nach: wie kann ich als Lernender mein volles Potenzial in den Berufsalltag bringen, etwas bewegen? Dieser Effekt ist da, das spüren wir. 90 Prozent kommen motivierter und mit neuen Anreizen zurück in ihre Lehrbetriebe und sagen: Wir haben etwas gelernt.

Sie sprechen von «4 × 5 Rezepten für den Berufsalltag» (also pro Referent und Block 5 Takeaways). Warum war es Ihnen wichtig, bewusst auf konkrete, sofort anwendbare Tipps statt auf reine Wissensvermittlung zu setzen?

Wegmüller: Es geht darum, etwas Handfestes zu bieten. Die Referentin, der Referent muss sich auf fünf Tipps beschränken und uns diese vorgängig mitteilen. Darauf können wir einerseits Einfluss nehmen, um auch sagen zu können: Das ist wirklich etwas Praktisches. Zweitens zwingt es die Referenten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu beschränken. Und: Die Lernenden erhalten es dann auch schriftlich und haben so stärkere Orientierung, eine Botschaft, die sie mit nach Hause nehmen. Wenn sie sich nur 5 von 20 Punkten insgesamt merken, ist der Erfolg schon grösser als an anderen Forumsveranstaltungen.

Nun kommt der Anlass erstmals nach Zürich. Was hat Sie davon überzeugt, dass das Thurgauer Erfolgsmodell auch im Kanton Zürich funktionieren kann?

Wegmüller: Es verwunderte uns zunächst einmal, dass es so etwas nicht schon gab in Zürich. Wir hatten die Erfahrung und die Kompetenz und fragten uns: Warum wenden wir das nicht für die Kantone St. Gallen und Zürich an? Schliesslich bestand viel Synergiepotenzial – etwa bei den Referenten.

Allerdings sind nicht immer alle Referenten verfügbar an drei Anlässen. So haben wir jeweils ein wenig Varianz drin. Und wenn Lernende an einem bestimmten Wochentag in der Berufsschule oder verhindert sind, können sie in einem anderen Kanton an einem anderen Wochentag dabei sein. Das Programm ist grundsätzlich dasselbe, aber die Referenten unterscheiden sich je nach Inhalten.

Soll in Zürich also langfristig auch ein eigenständiger «Tag der Lernenden Zürich» mit eigener Identität entstehen?

Wegmüller: Ich denke schon. Es sind ja jeweils auch andere Partner dabei, wie in diesem Fall der KGV und die Zürcher Handelskammer. Ob es gelingt, schon von Anfang an allen Lehrbetrieben den Nutzen aufzuzeigen, das bleibt noch offen. Ich glaube es wird zwei, drei Jahre brauchen, bis sich das etabliert. Aber das Potenzial im Kanton Zürich ist riesig: Hier stehen 11 000 Lehrbetriebe jenen 2300 im Thurgau gegenüber.

Entscheider ist der Lehrbetrieb, der in der Regel auch den Teilnahmebeitrag übernimmt. Und er drückt damit aus: Wir glauben an dich und wir wollen dich fördern. Und der Lernende gibt etwas zurück. Viele Lehrbetriebe geben vorweg auch eine Fragestellung oder Aufgabe mit – je mehr der Event in den Lehralltag integriert wird, desto besser.

Gibt es eine Unbekannte am Zürcher Gewerbe- und Wirtschaftsstandort, nachdem Sie das Format bisher vor allem im Thurgau etabliert haben?

Wegmüller: Gewerbe/Handwerk ist schwieriger zu erreichen, unter anderem weil Lernende auf Baustellen etc. nicht einfach weg können. Daher sind wir gespannt auf den Branchenmix in Zürich: Hier ist der Dienstleistungssektor
stark – und diesem ist es auch am Einfachsten oder es gehört sogar oft dazu, sich weiterzubilden.

Was erwarten Sie von der Premiere am 2. November im Volkshaus in Zürich?

Wegmüller: Zwei Dinge: Das eine ist natürlich die Quantität an Teilnehmenden: Wir haben Kapazität von 1000 bis 1200 Personen, wobei es nicht ein Anspruch wäre, im ersten Jahr diese auszuschöpfen. Und das zweite ist die Qualität: Wir führen im Nachgang mit den Teilnehmenden immer eine Befragung durch, mit der wir abklären, ob sich die Erwartungen erfüllt haben und welche Referenten gut angekommen sind. Diese Beurteilung ist uns fast wichtiger.

Der Anlass wird vom KGV und von der Zürcher Handelskammer als Patronatspartner unterstützt. Was bedeutet dies für die Positionierung des Events in Zürich?

Wegmüller: Für uns sind die Patronatspartner ganz wichtig. Sie erachten den Berufsnachwuchs als sehr wichtiges Thema und geben auch ihren Mitgliedern und den Betrieben im Kanton eine gewisse Sicherheit, indem sie implizit sagen: Wenn wir dahinterstehen, ist eine gewisse Qualität garantiert. Und der KGV hat über Geschäftsführer Thomas Hess, der unseren «Tag der Lernenden» im Thurgau auch besuchte, viele Inputs zu Themen und Referenten für zukünftige Veranstaltungen geben können.

2026 stehen «Fit im Hirn» und «Positives Denken im Berufsalltag» im Mittelpunkt. Warum gerade diese beiden Themen?

Wegmüller: Das Thema «Fit im Hirn» kann nicht nur für Konzentration am Arbeitsplatz, sondern vor allem auch für die Berufsschule wichtig sein. Und das «positive Denken» hat man so noch nicht formuliert, aber bei Profisportlern ist das eines der grossen Themen. Wie gehe ich mit Niederlagen um? Wir nehmen immer zwei Themen als Aufhänger, dann ist für jeden etwas dabei. Die Themen sind an allen drei Standorten dieselben.

*Gregor Wegmüller ist Geschäftsführer der Messen Weinfelden und damit Organisator von Grossveranstaltungen wie der Herbstmesse Wega, der Berufsmesse Thurgau oder eben des «Tag der Lernenden».

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