Schöne neue Startup-Welt: Koffein, Bier und lukrative Ideen

Viele scheitern, einige schaffen es: Raphael Tobler, Mitinitiant der «Home of Innovation» in Winterthur, ist einer davon. Der Startup-Verbandspräsident erklärt beim Rundgang durch die alte Fabrikhalle die Schweizer Startupszene.

Bild Mark Gasser

Raphael Tobler im Startup Center in Winterthur, dem von ihm mitbegründeten «Home of Innovation».

Eine ehemalige Industriehalle von Rieter, etwas abseits von der städtischen Hektik als Biotop für Gründer: Das «Home of Innovation» bietet Startups in Winterthur ein Zuhause. Von Elektro-Lieferwagen über digitale Bauplattformen, vom digitalen Gesundheitsmanagement bis hin zu einem modularen Economy-Kinderwagensystem im Abo versuchen hier JungunternehmerInnen Tür an Tür, ihre Ideen zu verwirklichen. Raphael Tobler (34), selber Startup-Gründer, und einige Bekannte aus dem Startup-Netzwerk des Entrepreneur-Club Winterthur, wollten eine Location schaffen, an welcher der Pioniergeist sich frei entfalten konnte. So gründete die Gruppierung im Sommer 2019 die Startup & Innovation Space AG: «Wir machten einige Telefonate, suchten Investorinnen und Investoren – so kamen aus Winterthur rund eine halbe Million Franken zusammen», sagt Tobler beim Rundgang durch die alte Industriehalle. Sie war der perfekte Ort fürs Startup-Zentrum: Die Raumhöhe von viereinhalb Metern, ein grosser Open Space, eine gemeinsam nutzbare Küche sind nebst den unbehandelten verleimten Holzwänden die auffälligsten Merkmale.

«Die Idee war, dass man sich um nichts mehr kümmern muss. Von den Nebenkosten über die Reinigung, das Internet, die Sitzungszimmer, den Kaffee, Früchte, die Küche, das Feierabendbier und den Drucker ist alles im Package drin», sagt Tobler. Sogar ein Billardtisch und eine Hängematte finden locken. Das kostet auf den ersten Blick mehr als ein leeres Büro. «Aber am Schluss rechnet es sich für alle, weil wir über Skaleneffekte viel effizienter einkaufen.» Jungen Startups ohne eingetragene Firma kommt das Home of Innovation mit guten Konditionen entgegen. «Einzige Bedingung ist, dass sie nicht herumsitzen und käfelen, sondern am Produkt arbeiten», sagt Tobler. Skaleneffekte – das Stichwort ist eng verknüpft mit dem Startup-Begriff.

Einzige Bedingung ist, dass sie nicht herumsitzen und käfelen, sondern am Produkt arbeiten

Raphael Tobler, Präsident Swiss Startup Association

Unter den ersten zehn im Ranking der «Top 100 Swiss Startups» sind gleich sechs aus dem Kanton Zürich, darunter die ersten drei: Planted Foods (Fleischersatzprodukte), CUTISS AG (Haut-Ersatz) und 9T Labs AG (3D-Druckverfahren). Raphael Tobler überrascht das nicht: Die Schweiz sei ein guter Boden für Startups, Kanton und Stadt Zürich sowieso. «Das hat mit Bildungsinstitutionen wie der ETH, der Uni oder der ZHAW zu tun.» Der Zugang zu internationalen Unternehmen sei im Raum Zürich ebenfalls ein Vorteil.

Eine Zahl, die explizit Startup-Gründungen und -Auflösungen misst, gibt es nicht. Die Statistik der Gründungsinstitute basiert auf dem Handelsregister, aber die hier als «Startups» deklarierten Neugründungen sind ungenau. Denn eine Neugründung ist nicht automatisch ein Startup – ohnehin gibt es dafür noch keine einheitliche Definition. Raphael Tobler bezeichnet eine Firma desto mehr als Startup, je innovativer sie und je stärker skalierbar ihr Produkt ist.

Auch scheitern gehört zur Startup-Szene. «Innovation entsteht nur, wenn Fehler passieren dürfen», sagt Tobler. Heute liege die Erfolgsquote aber eher bei 20 als bei den oft kolportierten 10 Prozent. «Es kommt darauf an, wann man etwas als «Scheitern» bezeichnet: Wenn zwei Studierende eine Idee verfolgen, die wieder zusammenbricht, würde ich das noch nicht als Scheitern bezeichnen.» Doch auch die Qualität der überlebenden Startups sei heute wohl höher als vor 20 Jahren.

Bunter Startup-Mix

Toblers eigenes Startup, Eduwo, entsprang folgendem Problem: Es herrschte bei der digitalen Recherche ein ausgeprägter Bildungsdschungel in der Schweiz – was sicher einerseits positiv ist wegen den vielfältigen Bildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Anderseits gab es keine Übersicht aus einer Hand. So schuf sein Team kurzerhand eine Plattform, wo man all dies und mehr – Beratungen, Buchungsmöglichkeiten, Vergleichsmöglichkeiten – bietet. «Wir haben zwar das beste Bildungssystem. Gerade weil es aber so gut ist und so durchlässig, ist es extrem komplex, den Durchblick zu wahren», sagt Tobler.

Unter den «Top Swiss Startup Awards» – die 100 Startups mit dem grössten Potential – gehören ungefähr ein Drittel zum Bereich Life Sciences, die übrigen zur digitalen Transformation, Energie, Nachhaltigkeit und Ernährung. In der Schweiz scheint das Beteiligungskapital, um die Startups wachsen zu lassen, allerdings nicht auf der Strasse zu liegen. «Im Vergleich zum Schweizer Investor ist der Amerikaner sicher etwas risikoaffiner. Dennoch gibt es immer mehr Startups in der Schweiz und somit auch immer mehr Investoren. Man hat gesehen und verstanden, dass das nicht hinausgeworfenes Geld ist, sondern ein Geschäftsmodell: Man investiert in Startups und erhält Rendite.» Grössere Fonds setzten genau auf dieses Geschäftsmodell. Einen Wermutstropfen gibt es: «Wenn es dann um grössere Investitionen geht – in gewissen Branchen wie Medizin oder Biontech kommt man nicht umhin – sind die Investoren oft aus den USA, Israel, Deutschland, China. Dann besteht irgendwann die Gefahr, dass das Startup ins Ausland abwandert.» Das zeige etwa der Börsengang der Laufschuhfirma On, und Getyourguide werde heute als Berliner Startup wahrgenommen.

Ein ETH-Spinoff oder ein Startup unter dem Dach einer Grossfirma hat also bessere Karten als ein dem Mythos entsprechendes «Selfmade»-KMU-Startup ohne grosse Kreditgeber oder staatliche Geburtshilfe. Aber Tobler findet, dass am Ende das Resultat zählt. Er ist in dieser Frage ganz der Ökonom und frei von visionärem Pathos: Jedes Unternehmen hat einen Lebenszyklus. Bei einer weltweit führenden technischen Hochschule wie der ETH sei es schon sinnvoll, «aus der Forschung heraus zu versuchen, dieses Wissen zu kommerzialisieren – das gibt am Schluss den grössten Return.» Denn am Ende brauche es neue Unternehmen, die Arbeitsplätze schafften.

Gleichzeitig bestünden auch für Gründer ohne staatliche Anschubhilfe auf dem freien Markt immer mehr Förderangebote. Dass die Startups mittlerweile 50 000 Arbeitsplätze bieten, zeige ihre Relevanz. Diese Zahl wird noch ansteigen, so hofft er – auch für die Volkswirtschaft.

IT-Fachkräfte Mangelware

Von der Coronakrise scheinen die Startups weniger hart getroffen als etwa die Gastronomie – viele seien noch nicht so abhängig vom normalen Wirtschaftsgeschehen. Ein im Erfolgsfall gefragtes überproportional schnelles Wachstum zeichnet zwar ein Startup aus – aber im Gleichschritt «skaliert» sich damit das Hauptproblem auf dem Arbeitsmarkt: neue, innovative, gut ausgebildete Mitarbeitende. Der Mangel im MINT-Bereich schlägt jetzt voll zu Buche. «Die IT meines eigenen Startups ist im Ausland angesiedelt. Nicht, weil es dort günstiger ist – aber hier gibt es schlicht zu wenig Fachleute.» Klassische Länder mit externen Büros für Schweizer Unternehmen sind Ex-Jugoslawien, Portugal, Ukraine, Polen, Russland.

och worin liegt der Reiz, nächtelang bei einem unterbezahlten Startup-Projekt mitzumachen? Eben konnte man von einer Zürcher Startupgründerin lesen, die für ihre veganen Cookies Personal für unbezahlte Freiwilligenarbeit rekrutierte. «Niemand wird gezwungen, ein Gratis-Praktikum zu machen», sagt Tobler knapp. Es brauche von Gründern selber viel Idealismus, zudem erlebe man als Praktikant in einem Startup oft mehr als in einem Grosskonzern.

Zwar könnten die hohen Saläre in der Schweiz die Motivation lähmen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Trotzdem ist Tobler überzeugt, dass die Schweiz das beste Land für Startup-Gründer ist. «Es herrscht fast Vollbeschäftigung, so landet man nicht jahrelang auf der Strasse, wenn man scheitert.»

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Rundgang mit Raphael Tobler durch das Home of Innovation, Winterthur.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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