Plus 5%. Als Ersatzgöttin ist Gesundheit halt nie teuer genug.
Prämienschock. 2027 erneut plus fünf Prozent. Verdoppelung innert zwölf Jahren. Dabei herrscht Notstand in der Pflege, bei Ärztinnen, in der Spitalkasse. Einzig Patienten sind üppig da. Rennen Arztpraxen ein. Weil wir nicht schlafen können. Weil diffuse Kopfschmerzen uns irritieren. Wir denken an Hirntumor, fürchten, wir könnten am Ende noch sterben. Dann lieber drei, vier Ärzte aufsuchen, schliesslich gibt es ja die «freie Arztwahl».
Das strapaziert die Kosten – und die Gesundheit. Wir stecken im «Gesundheitsparadox» (Arthur Barsky): «Wir leben stets gesünder – und fühlen uns immer kränker.» Wir achten darauf, clean zu leben, und merken: Praktisch nie sind wir total gesund. Es bedarf wenig, sich krank zu fühlen; ein Kratzen im Hals, ein Stechen im Kreuz, ein Pochen im Kopf, das regt sich schnell, wenn der Schlaf knapp, das Leben fordernd, der Chef nervig ist. Aber ist das krank?
Dazu kommt: Medizin macht vorwärts. Nicht dass der «Sieg über Krebs» naht. Die Schatten, die das Menschenleben wirft, werden wir nie überspringen. Doch ein Onkologe erzählt mir, vor Jahren habe er sich zuständig für «Krebsmedizin» gefühlt, heute sei er froh, es noch beim Lungenkrebs zu sein. Auf seiner onkologischen Abteilung beschäftigt er inzwischen fünf Kollegen mit Spezialistenstatus. Sie behandeln stets mehr Karzinome stets besser. Kurz und vergnügt: Heute sterben mehr Menschen mit Krebs als an ihm.
Kostet halt. Zumal wir auch länger leben. Siehe David Sinclair («Das Ende des Alterns»): Leute, die 150 werden, leben bereits unter uns. Auch nicht gratis. Schon weil wir für 150 Jahre etwas klapprig konstruiert sind. Bis unsere Hüftgelenke merken, dass sie ein paar Jahrzehnte länger halten sollten, dauert es wohl noch Millionen Jahre. Bis dahin boomt zwangsläufig die Reparaturmedizin.
Können wir uns dies alles leisten? Das Dilemma ist neu: Medizin offeriert Therapien (Gentherapie, Crispr-Therapie) – und wir können sie nicht bezahlen. Die sind so sündhaft teuer, dass sie nur für Milliardäre taugen. Womit der helvetisch beliebten Mogellösung – staatlich verbilligte Prämien – die Luft ausgeht.
Delikat wird es sowieso. Medizin ist kein Gut wie andere. Sie ziert die Verheissung der Moderne: dass unser Leben stets besser wird. Dass wir keine Götter brauchen, um erlöst zu werden. Früher linderte Medizin Krankheiten, so gut es halt ging. Heute ist sie für Miseren aller Art zuständig. Für irdische Strapazen entschädigte einst die Aussicht auf Himmelsfreuden. Heute soll Medizin es richten. Medizin als Religionsersatz. Von ihr erwarten wir: Therapie von Krankheiten. Reparaturservice bis zum Ende. Salbung von Verbitterungsgefühlen. Korrektur unpassender Körperlichkeit. Optimierung der Lebenslust. Kurz: Erlösung von allen Übeln. Medizin als Restgöttin der Zeit.
Können wir uns das leisten? Seit wann fragt man Religionen nach Kosten? Der Meisterstreich wäre: Freundschaft mit der Endlichkeit! Schmeckt aber nicht richtig modern, oder?
Ludwig Hasler
Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch
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