«Lange Baustellen sind Gift für viele KMU»
Monatelange Baustellen kosten viele KMU Kundschaft und Umsatz. Nun werden politische Massnahmen diskutiert, um betroffene Betriebe besser zu unterstützen.
17. Juni 2026
Eine Baustelle vor der Türe kann für einen Betrieb existenziell werden.
Strassen werden saniert, Leitungen erneuert und Tramgleise ersetzt – Infrastrukturprojekte sind ein notwendig. Für viele Gewerbebetriebe bedeuten Grossbaustellen jedoch weit mehr als ein vorübergehendes Ärgernis. Sinkende Kundenfrequenzen, erschwerte Zugänge und monatelange Umsatzeinbussen können insbesondere kleine und mittlere Unternehmen hart treffen. Deshalb wird auch in Zürich zunehmend darüber diskutiert, wie betroffene Betriebe besser unterstützt werden können.
Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen in der Gastronomie. Das Restaurant Bohemia am Zürcher Kreuzplatz berichtet, dass Baulärm, Staub und die Baustelleninfrastruktur den Betrieb massiv beeinträchtigten. Rund zwei Drittel der Terrasse mussten zeitweise zurückgebaut werden, um Platz für Baustelleninstallationen zu schaffen. Gleichzeitig erschwerte eine provisorische Wegführung den Zugang, während hohe Absperrungen und Installationen die Sicht auf das Restaurant verdeckten.
«Für einen Gastronomiebetrieb sind Frequenz, spontane Besuche und eine einladende Atmosphäre entscheidend»
Martine Fehr, Höschgass Gastro AG
«Gerade in der Gastronomie, wo viele Gäste spontan vorbeikommen, wirken sich solche Einschränkungen unmittelbar auf die Besucherfrequenz aus», sagt Claudia Jauch von der Two Spice AG, zu der das Restaurant Nooba gehört. «Entsprechend waren die Auswirkungen auch beim Umsatz deutlich spürbar.»
Noch drastischer schildert die Höschgass Gastro AG ihre Erfahrungen. Während mehrerer Wochen musste das Restaurant vollständig schliessen, weil die Terrasse nicht genutzt werden konnte und die Bauarbeiten bis unmittelbar an die Hauswand reichten. Die eingeschränkte Erreichbarkeit und die schlechte Sichtbarkeit führten zu erheblichen wirtschaftlichen Einbussen. «Für einen Gastronomiebetrieb sind Frequenz, spontane Besuche und eine einladende Atmosphäre entscheidend», erklärt Geschäftsführerin Martine Fehr. «Die wirtschaftlichen Folgen waren entsprechend gravierend.»
Kommunikation oft zu kurzfristig
Zwar fanden Informationsveranstaltungen und Gespräche mit den Behörden statt, dennoch kritisieren mehrere Betriebe die Kommunikation. Wichtige Informationen seien teilweise erst kurzfristig erfolgt. Hinweise zu Wasserunterbrüchen oder notwendigen Leitungsarbeiten seien laut der Höschgass Gastro AG teilweise lediglich per Aushang an der Eingangstür kommuniziert worden. Auch das Restaurant Nooba hätte sich eine frühere und engere Einbindung gewünscht. «Viele Entscheidungen waren bereits getroffen, bevor wir darüber informiert wurden», sagt Claudia Jauch. Dadurch habe die Verantwortung, praktikable Lösungen für den laufenden Betrieb zu finden und die wirtschaftlichen Auswirkungen möglichst gering zu halten, weitgehend bei den betroffenen Unternehmen selbst gelegen. «Aus Sicht eines laufenden Gastronomiebetriebs hätten wir uns eine frühzeitigere, direktere und praxisnähere Kommunikation gewünscht», bringt es Martine Fehr auf den Punkt.
Die Folgen dauern oft länger als die Baustelle
Ein häufig unterschätztes Problem ist die Zeit nach Abschluss der Bauarbeiten. Gäste ändern ihre Gewohnheiten schnell – wer während Monaten eine Gegend meidet, kehrt nicht automatisch zurück.
Claudia Jauch vom Nooba betont: «Die Wiederherstellung der gewohnten Frequenz und des Umsatzniveaus benötigt oft deutlich mehr Zeit, als von aussen wahrgenommen wird.» Für ein KMU bedeute eine Baustelle deshalb «nicht nur eine temporäre Belastung während der Bauarbeiten, sondern häufig auch eine längere wirtschaftliche Erholungsphase danach».
Auch die Höschgass Gastro AG machte diese Erfahrung. «Noch Monate nach Abschluss der Arbeiten erhielten wir regelmässig Anrufe mit Fragen zur Erreichbarkeit oder dazu, ob die Bauarbeiten noch andauern würden», berichtet Martine Fehr. Das zeige, wie lange sich die Wahrnehmung einer Grossbaustelle auf einen Betrieb auswirken könne.
Gewerbeverband fordert mehr Unterstützung
Für Nicole Barandun, Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich, sind solche Fälle keine Einzelfälle. «Lange Baustellen sind Gift für viele KMU», sagt sie. «Wenn der Eingang kaum mehr sichtbar ist, Parkplätze wegfallen, alles nach Baustelle aussieht und lärmt, bleiben die Leute weg.» Nach ihren Angaben erhält der Gewerbeverband immer häufiger Rückmeldungen über Umsatzeinbussen, erschwerte Lieferungen und ausbleibende Laufkundschaft. «Stammgäste bleiben aus, Umsätze brechen ein, Lieferungen werden kompliziert, Spontankundschaft bleibt weg.» Die öffentlich gewordenen Fälle der Restaurants Bohemia und Enoteca seien lediglich die Spitze des Eisbergs. «Viele kleinere Betriebe kämpfen im Stillen mit denselben Problemen.» Für Restaurants, Läden und kleine Dienstleister könne ein längerer Umbau existenzbedrohend werden. «Viele haben keine finanziellen Polster für mehrere schwache Monate», so Barandun.
«Wenn der Eingang kaum mehr sichtbar ist, Parkplätze wegfallen, alles nach Baustelle aussieht und lärmt, bleiben die Leute weg.»
Nicole Barandun, Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich
Positiv bewertet sie zwar, dass die Stadt heute besser informiere als früher. Dennoch bestehe weiterhin Handlungsbedarf. «Ein Vertreter der Stadt müsste regelmässig vor Ort sein, die Bedürfnisse des Gewerbes aufnehmen und diese, wo immer möglich, mit der Bauleitung koordinieren», fordert sie. «Ich betrachte das als eine Bringschuld der Stadt und nicht als Holschuld der betroffenen Betriebe.»
Entschädigungen als mögliche Lösung?
In anderen Schweizer Städten werden Modelle diskutiert oder bereits umgesetzt, um besonders stark betroffene Betriebe zu entlasten. Auch für Zürich hält der Gewerbeverband eine Prüfung solcher Lösungen für sinnvoll. «Es geht nicht darum, jede Baustelle pauschal zu entschädigen», betont Barandun. «Aber wo eine öffentliche Baustelle ein Geschäft über lange Zeit massiv behindert und nachweislich wesentliche Umsatzeinbussen verursacht, braucht es faire Lösungen. Sonst tragen einzelne Betriebe die Kosten von Projekten, von denen am Ende die ganze Stadt profitiert.»
Daneben wünschen sich betroffene Unternehmen finanzielle Unterstützung während besonders schwieriger Phasen sowie Kommunikationsmassnahmen, damit Kundinnen und Kunden wissen, dass die Geschäfte trotz Baustelle weiterhin geöffnet und erreichbar sind. «Finanzielle Entlastungen oder unkomplizierte Unterstützungsinstrumente hätten diese Phase spürbar erleichtert», betont Jauch. Ebenso wichtig wären Massnahmen zur besseren Sichtbarkeit der geöffneten Betriebe gewesen.
«Finanzielle Entlastungen oder unkomplizierte Unterstützungsinstrumente hätten diese Phase spürbar erleichtert»
Claudia Jauch, Two Spice AG
Eine aktive Unterstützung seitens der Stadt bei Informations- und Kommunikationsmassnahmen hätte nach Ansicht der betroffenen Unternehmen dazu beigetragen, diese Unsicherheit zu reduzieren und die zusätzlichen Kosten nicht vollständig den Betrieben aufzubürden.
Politik reagiert langsam
«Positiv werten wir, dass die Thematik inzwischen auch auf politischer Ebene aufgegriffen wurde», ergänzt Martine Fehr. Die Möglichkeit zusätzlicher Boulevard-Bewilligungen sowie das überwiesene Postulat zur besseren Unterstützung von KMU bei Grossbaustellen zeigten, dass die Herausforderungen betroffener Betriebe zunehmend wahrgenommen würden. Solche Massnahmen könnten künftig dazu beitragen, die wirtschaftlichen Folgen für lokale Unternehmen abzufedern. Denn: Niemand stellt die Notwendigkeit von Strassensanierungen oder Leitungsarbeiten grundsätzlich infrage. Die betroffenen Unternehmen erwarten jedoch, dass die öffentliche Hand die Belastungen möglichst gering hält und jene unterstützt, die während der Bauzeit einen erheblichen Teil der Kosten tragen.
Oder wie Nicole Barandun es zusammenfasst: «Unsere Betriebe wissen, dass man Strassen, Leitungen und Tramlinien erneuern muss. Sie erwarten aber, dass die Stadt diese Arbeiten so organisiert, dass nicht ausgerechnet jene draufzahlen, die für Leben im Quartier, Lehrstellen und Arbeitsplätze sorgen.»
Anna Birkenmeier
Redaktion Zürcher Wirtschaft
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