Kulturerbe, Kebab und Kater

Es gibt Ideen, die wirken auf den ersten Blick absurd. Auf den zweiten Blick noch absurder. Und dann gibt es die Vorstellung, die Zürcher Langstrasse zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären.

Die UNESCO schützt bekanntlich Orte von aussergewöhnlichem universellem Wert: die Pyramiden von Gizeh, die Altstadt von Bern oder die Chinesische Mauer. Und vielleicht bald eine Strasse, in der sich um drei Uhr morgens ein Junggesellenabschied, ein verlorener Banker, drei E-Trottinetts und ein Mann im Flamingokostüm um den letzten Kebab streiten.

Natürlich hat die Langstrasse Geschichte. Sie ist bunt, lebendig und widersprüchlich. Wo sonst kann man innerhalb weniger Minuten einen Coiffeur, eine Shisha-Bar, einen Nachtclub, eine Spielhalle und einen Laden finden, der gleichzeitig Handyhüllen, Energy-Drinks und vermutlich auch Ersatzteile für sowjetische Traktoren verkauft?

Doch reicht das für die UNESCO? Man stelle sich die Inspektoren vor. Sie reisen an, um den aussergewöhnlichen kulturellen Wert zu prüfen. Bereits nach zehn Minuten werden sie von einem E-Bike beinahe überfahren, nach zwanzig Minuten zum vierten Mal gefragt, ob sie «etwas Spezielles» suchen, und nach einer Stunde besitzen sie drei Rabattkarten, zwei Flyer für Techno-Partys und eine leichte Existenzkrise.

Die Bewerbung könnte originelle Argumente enthalten: Die Langstrasse als lebendiges Freilichtmuseum urbaner Überforderung. Als einzigartiges Ökosystem zwischen Gentrifizierung und Kontrollverlust. Als Ort, an dem die Grenzen zwischen Gastronomie, Sozialstudie und Reality-TV endgültig verschwimmen. Andere Städte verfügen über historische Monumente. Zürich hätte eine Strasse, die beweist, dass menschliche Zivilisation auch ohne erkennbaren Plan erstaunlich lange funktionieren kann.

Besonders beeindruckend ist die Wandelbarkeit des Quartiers. Tagsüber trinken Kreative Hafermilch-Cappuccino und diskutieren über nachhaltige Stadtentwicklung. Nachts diskutieren andere Menschen lautstark über ganz andere Nachhaltigkeitsfragen, etwa darüber, wie lange man mit 2,3 Promille noch aufrecht gehen kann.

Die UNESCO verlangt Authentizität. Die Langstrasse liefert sie im Übermass. Nichts ist inszeniert. Wer hier um vier Uhr morgens unterwegs ist, begegnet der Wahrheit in ihrer rohesten Form – und versucht danach meist, sie wieder zu vergessen.

Vielleicht liegt genau darin ihre Bedeutung. Die Langstrasse ist kein Denkmal der Vergangenheit, sondern ein Mahnmal der Gegenwart. Sie zeigt, wie eine moderne Grossstadt tatsächlich funktioniert: chaotisch, laut, widersprüchlich und gelegentlich leicht klebrig.

Ob das für einen Welterbetitel genügt, ist fraglich. Doch eines muss man der Langstrasse lassen: Sie braucht keine UNESCO-Plakette. Sie ist längst ein Kulturerbe – allerdings eines, das man besser mit gesundem Menschenverstand als mit Denkmalschutz betrachtet.

Wadenbeisser

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