KMU als Bank für Staat und Grossfirmen

KMU geraten immer wieder in die Rolle unfreiwilliger Kreditgeber, weil der Staat und grosse Unternehmen ihre Rechnungen zu spät begleichen.

Bild Canva AI/KI-generiert

Das Nichteinhalten von Zahlungsfristen zwingt KMU in die Rolle von Kreditgebern.

Der Kanton kennt keine Gnade. Wenn die Steuern zu spät bezahlt werden, verlangt er im Vergleich zur aktuellen Zinslage horrende 4,5 Prozent Verzugszins. Und bei der SVA wird ohne einen einzigen Tag Toleranz sofort eine gebührenpflichtige Mahnung ausgelöst.

Kanton nimmt es gemütlich

Umgekehrt nimmt es der Staat eher gemütlich, wenn es darum geht, Rechnungen des Gewerbes zu bezahlen. Das war bereits 2010 ein Thema. Die seinerzeit eingereichte Motion «Das Gewerbe soll nicht länger Bank sein müssen» verlangte, dass der Kanton Zürich Rechnungen grundsätzlich innerhalb von 30 Tagen bezahlt. Die Motionäre um Josef Wiederkehr kritisierten, dass KMU wegen langer Zahlungsfristen faktisch als Kreditgeber der öffentlichen Hand fungierten. Der Regierungsrat lehnte eine gesetzliche Regelung zunächst ab und verwies auf bestehende Abläufe. Nach jahrelanger politischer Diskussion wurden jedoch verbind-liche Zahlungsfristen eingeführt: 30 Tage für gewöhnliche Rechnungen und 45 Tage für komplexe Bauabrechnungen. 2015 verankerte der Kantonsrat diese Vorgaben gegen den Willen des Regierungsrats sogar im Gesetz. Allerdings: Kontrolliert wurde die Zahlungsweise des Kantons bisher nicht.

Staat mit Vorbildfunktion

«Mich hat gestört, dass die Zahlungsfristen teilweise sehr lang waren. Damals gab es sogar die Tendenz, diese Fristen noch weiter zu verlängern – immer mit dem Argument, dass man einfach mehr Zeit brauche. Dabei sollte doch die öffentliche Hand eine Vorbildfunktion haben», sagt Josef Wiederkehr rückblickend. Und hat sich die Zahlungsmoral seither und in den letzten Jahren verbessert? «Ich glaube schon, dass sich die Situation nach dem Vorstoss und bis heute etwas verbessert hat. Die Regierung wurde letztlich ja gezwungen, die Abläufe anzupassen. Das Risiko besteht aber weiterhin, dass man wieder in alte Muster zurückfällt, wenn niemand mehr darauf achtet», ergänzt Wiederkehr.

Fragt man KMU nach ihren Erfahrungen mit dem Kanton und Grossbetrieben als Kunden, herrscht Schweigen. Die Inhaber und Geschäftsführer von KMU wollen dazu keine Auskunft geben, auch anonym hinter vorgehaltener Hand nicht. Zu gross das Risiko, dass die Auftraggeber davon erfahren und so grosse Aufträge verloren gehen könnten. Aber ja, heisse es manchmal, dass die Zahlungskonditionen zum Gesamtpaket gehörten und nicht verhandelbar seien. Obwohl die KMU zur Ausführung des Auftrages Waren einkaufen und auch vorfinanzieren müssten.

Meist nicht böser Wille

Der Hauptgrund für die oft verspäteten Zahlungen des Kantons sei aber in den meisten Fällen nicht böser Wille, sondern liege an den komplizierten Prozessen, ordnet Josef Wiederkehr ein. Rechnungen müssten durch viele Stellen geprüft werden. Dazu kommt vielleicht die Haltung, dass es nicht so schlimm sei, wenn eine Zahlungsfrist einmal überschritten wird. Ein Anreiz wäre, Verzugszinsen zu verlangen, wenn Fristen nicht eingehalten würden.

Allerdings: Das Gewerbe und Kleinbetriebe sind auch nicht gerade als überaus pünktlich Zahlende bekannt. Besonders oft zu Verzügen kam es im Gastgewerbe, aber auch im Autogewerbe und in der Druckbranche war das Zahlungsverhalten nicht gerade vorbildlich. Gut jede fünfte Rechnung haben Schweizer Firmen letztes Jahr nicht rechtzeitig bezahlt, wie der Wirtschaftsinformationsdienst Dun & Bradstreet herausgefunden hat.

Grund für Liquiditätsprobleme

Liegt es möglicherweise an einem Liquiditätsproblem, unter anderem verursacht durch die schlechte Zahlungsmoral oder aufgezwungene Zahlungsziele von Grosskunden und staatlichen Betrieben? «Das kann durchaus ein Kreislauf sein», meint Wiederkehr dazu, «allerdings bin ich gegenüber gewissen Studien vorsichtig. Die Unternehmen, die solche Analysen erstellen, verdienen oft gerade mit Dienstleistungen rund um das Forderungsmanagement Geld. Deshalb sollte man solche Zahlen kritisch betrachten.»

Während Corona haben die grossen Unternehmen ihre Zahlungsfristen von sich aus auf 60 Tage erstreckt und damit mache Gewerbebetriebe in Not gebracht. Die Grossbetriebe argumentierten mit der herausfordernden Krise und einigten sich untereinander auf diese Praxis. Auch heute, wenn auch aus anderen Gründen, warten KMU oft lange auf ihr Geld. Besonders häufig zeigen sich Zahlungs- und Abwicklungsprobleme im Bau- und Infrastrukturbereich.

Häufig Abwicklungsprobleme

Rechnungen werden erst nach dem Vorliegen eines Abnahmeprotokolls ausgelöst und durchlaufen mehrere technische und administrative Prüfungen. In der Praxis führt dies dazu, dass kleine und mittlere Unternehmen ihre Leistungen teilweise 60 bis 120 Tage vorfinanzieren müssen – selbst wenn im Vertrag eigentlich Zahlungsfristen von 30 Tagen vorgesehen sind.

Lange Zahlungsfristen sind für viele KMU ein Problem. Sie müssen Leistungen oft über Wochen oder Monate vorfinanzieren. Zwar hat sich die Situation im Kanton Zürich verbessert, doch die Zahlungsfristen werden oft ausgereizt und überzogen. Eine starke und gesunde Wirtschaft braucht nicht nur Aufträge, sondern auch pünktliche Zahler.

Gerold Brütsch-Prévôt

Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft

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