Ältere Arbeitskräfte als Chance für KMU
Der Fachkräftemangel verschärft sich, während viele erfahrene Mitarbeitende frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden. An der Präsidentenkonferenz des KGV zeigte Edgar Spieler von Alixio Schweiz auf, wie Unternehmen das Potenzial älterer Arbeitskräfte besser nutzen können.
27. Oktober 2026 Mark Gasser
Edgar Spieler zeigte mit Studien das Potenzial älterer Arbeitskräfte auf.
KGV-Präsident Werner Scherrer kündigte an der Präsidentenkonferenz im «Au Premier» in Zürich vom 29. September «eine strenge Zeit» an: Die Wahlen 2027 stünden bevor. Der KMU- und Gewerbeverband Kanton Zürich (KGV) wolle hinter den Kulissen möglichst viel im Sinne des Gewerbes und der KMU-Wirtschaft beeinflussen. Dabei verstehe er sich in erster Linie als Lobbyorganisation, die keine Partei-, sondern Gewerbepolitik mache. Angestrebt werde auch eine bürgerliche Mehrheit im Regierungsrat, «und zwar eine, die in unserem Sinne arbeitet». Da einzig Regierungsrätin Natalie Rickli erneut kandidiere, müssten vier weitere bürgerliche Sitze verteidigt beziehungsweise neu besetzt werden, um den Status quo zu halten.
Im Zentrum der Konferenz stand das Referat von Edgar Spieler, Geschäftsführer Alixio Public bei Alixio Schweiz. Er präsentierte Erkenntnisse aus zwei Studien der Alixio Group zu Arbeitskräften ab 55 beziehungsweise 60 Jahren. Die Ergebnisse zeigten: Ältere Mitarbeitende sind für die Wirtschaft wichtig, ihr Potenzial wird aber noch zu wenig ausgeschöpft.
Die hohe Erwerbsquote sei ein wesentlicher Pfeiler des Schweizer Wohlstands. Gerade bei Frauen habe sie stark zugenommen. Zudem liege die Arbeitslosigkeit älterer Mitarbeitender konjunkturunabhängig unter dem Durchschnitt. Allerdings dauere die Stellensuche nach einem Jobverlust bei über 50-Jährigen im Schnitt länger.
Gleichzeitig verschärft sich die demografische Herausforderung: Seit 2020 gehen mehr Menschen in Pension, als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Inzwischen beträgt die Differenz 25 000 bis 30 000 Personen. Bis 2035 könnten so rund 300 000 Arbeitskräfte fehlen. Allein mit Zuwanderung lasse sich diese Lücke nicht schliessen.
82 Prozent der befragten Unternehmen schätzen die Erfahrung und das Know-how von Mitarbeitenden über 60. Sie kennen Abläufe und Unternehmenskultur, verfügen über Fachkompetenz und Netzwerke und gelten als verantwortungsbewusst und loyal. Weniger positiv beurteilt werden hohe Lohnkosten und Lohnnebenkosten, teilweise fehlende IT-Kompetenzen und eine vermutete geringere Veränderungsbereitschaft. Gerade bei KMU könnten diese Faktoren die Weiterbeschäftigung über das Rentenalter hinaus erschweren. Allerdings wies Spieler darauf hin, dass die meisten dieser Faktoren durch Arbeitgeber und Mitarbeitende zum Positiven verändert werden können.
Späte Neueinstellungen selten
Die Studie zu Arbeitskräften 55+ zeigt eine weitere Diskrepanz: In 44 Prozent der Unternehmen sind Funktionswechsel ab 55 Jahren üblich, ab 60 Jahren jedoch nur noch in rund einem Drittel. Auch Standortbestimmungen mit älteren Mitarbeitenden sind selten, obwohl mehr als die Hälfte der Unternehmen sie sinnvoll fände.
Bei Neueinstellungen liegt die Altersgrenze in rund 60 der Unternehmen bei etwa 55 Jahren. Gleichzeitig rechnen die Betriebe mit einer Einarbeitungszeit von drei bis vier Jahren. Für Spieler ein Widerspruch: «Dann könnten sie locker noch Leute mit 61, 62 Jahren einstellen.» KMU seien bei solchen Anstellungen tendenziell offener als Grossunternehmen.
Die Mehrheit hält an der Pensionierung mit 65 fest. Frühpensionierungen sind verbreiteter als Erwerbstätigkeit über das Referenzalter hinaus. Dabei wäre laut Spieler ein längerer Verbleib für beide Seiten vorteilhaft: Unternehmen könnten Fachkräfte und Wissen halten, Mitarbeitende ihre Erfahrung länger einbringen. Ein Grossteil der befragten Betriebe wäre grundsätzlich bereit, Anstellungen bis 67 zu ermöglichen. Das Potenzial der Älteren sollte gemäss Spieler konsequenter genutzt werden.
Keine starren Altersgrenzen
Damit dies gelinge, brauche es eine individuelle Planung. In vielen Betrieben würden Führungskräfte und Mitarbeitende zu wenig über die Pensionierung und eine mögliche Weiterarbeit sprechen. Mitarbeitende liessen sich durchaus zur Weiterarbeit motivieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Je nach Erhebung wären 40 bis 50 Prozent bereit, länger zu arbeiten. Entscheidend sei deshalb das Gespräch über persönliche Wünsche und betriebliche Möglichkeiten. Auch flexible Arbeitszeitmodelle oder reduzierte Pensen könnten den Verbleib erleichtern.
Zudem spielen politische Rahmenbedingungen eine Rolle. Zwei Drittel der befragten Unternehmen wünschen sich steuerliche Erleichterungen für Erwerbstätige im Pensionsalter und einen höheren AHV-Freibetrag, der derzeit 16 800 Franken beträgt. Sogar 70 Prozent befürworten eine flexiblere Altersvorsorge, da das heutige System den Wiedereinstieg nach der Pensionierung erschweren kann.
Spieler plädierte abschliessend dafür, die Pensionierung nicht als starren Automatismus zu behandeln. Als mögliches Modell nannte er die Lebensarbeitszeit, bei der Beschäftigte Arbeitsstunden über längere Zeit ansparen und je nach Alter beim Berufseinstieg früher oder später in Pension gehen. Entscheidend sei, die Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeitender nicht nur theoretisch zu befürworten, sondern sie im Betrieb konkret zu erproben.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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