Ferrari Luce – Requiem oder Hymne auf Zukunft?
Ferrari-Fans sind entsetzt. Wie zu erwarten. Fans sind halt Liebhaber. Und Liebhaber leben vom geliebten Objekt, also fürchten sie nur eines: dass ihr Objekt sich verändert. Tut es aber gerade. Nach 80 Jahren mit röhrenden Motoren wagt Ferrari das Experiment eines vollelektrischen «Luce», durchaus sportlich: 1050 PS (aus vier Elektromotoren) beschleunigen in 2,5 Sekunden von null auf hundert.
Trotzdem scheidet «Luce» die Geister. Ferrari-Präsident John Elkann: «Wir haben bewusst die Entscheidung getroffen, die Zukunft anzuführen.» Tenor der Reaktionen aus der Fangemeinde: «bieder», «zu wenig Ferrari». Wer hat recht? Ferrari natürlich. Zukunft gibt es nie für Status-quo-Politur. Nostalgische Gefühle sind grad Mode. Nostalgie ist trotzdem keine Strategie.
Der grösste Feind der Zukunft ist eine erfolgreiche Gegenwart. Die (deutsche) Autobranche kann davon ein Lied singen. Stets bemüht, akute Kundenwünsche zu befriedigen, bastelte sie unbeirrbar weiter am Althergebrachten, tüftelte hingebungsvoll an Finessen des Verbrenners, spottete über die Solarträume vermeintlich grüner Romantiker – und wunderte sich, als Tesla auch in Europa vordrang, als die deutschen Klassiker am Salon in Schanghai von ihren Spitzenpositionen auf Ränge hinter 15 zurückfielen.
«Unsere Kunden schätzen das»: das Credo aller Gegenwartsfrommen. Der Kunde ist König, klar, und für Könige ist nur das Beste gut genug. Doch woher weiss dieser König, was für ihn das Beste ist? Vor allem: Was für ihn übermorgen am besten ist? Unternehmen mit Appetit auf Zukunft bleiben nie stehen bei dem, was Kunden momentan mögen; sie nehmen Witterung auf im diffusen Wind des Zeitgeistes, sie erforschen die versteckten Wünsche potenzieller Kunden. Weil sie wissen: Wer will, dass die Dinge bleiben, wie sie sind, muss jederzeit ein paar Dinge ändern.
Wie Ferrari das jetzt tut mit seinem Stromer-Sportwagen. Man mag am E-Antrieb herummäkeln, immerhin versaut er nicht die Luft. Er kann auch die Tonalität des Verkehrs ändern, das wäre schon ein rechter Wandel, Schluss mit Dauergedröhne und Aggressivität. Doch Technologie setzt sich nicht von selbst durch. Sie braucht Atmosphäre, Stil, den Duft der Zukunft. Damit haperte es jahrelang. Die ersten E-Autos sahen aus, als wollten sie sich entschuldigen, überhaupt Autos zu sein. Dann bauten manche Marken ein paar E-Varianten, VW zum Beispiel seinen ID 3, super Technik, aber Design von vorgestern, ganz der alte Golf. Nie sah Zukunft so wenig nach Zukunft aus, demonstrativ visionslos. Die Branche hatte keine Lust aufs Futur. Es war, als würde man das Handy in Form des alten Telefongeräts gestalten, nur ohne Schnur.
Zukunft muss Träume wecken, nicht bloss ökologisch korrekt wirken. Liebhaber des Status quo verstehen das nie, sie träumen nicht, sie hängen an dem, was sie haben. So taugen sie nicht zum Unternehmer. Der weiss: Bei aller Liebe zu Oldtimern – eine Branche, die ihre Oldtimer hätschelt, wird bald selbst einer.
Ludwig Hasler
Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch
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