«Die Initiative verlangt Verlässlichkeit»
Am 14. Juni stimmt die Stadt Zürich über den fairen Parkplatz-Kompromiss ab. Vor einem Jahr kam die Volksinitiative gegen den Parkplatz-Abbau locker zustande, die einen neuen Parkplatz-Kompromiss anstrebt. Wir befragten Nicole Barandun, Präsidentin des Gewerbeverbands der Stadt Zürich GVZ, zur Vorlage.
25. Mai 2026 Mark Gasser
Nicole Barandun kämpft öffentlich für den Parkplatzkompromiss.
Warum ist der «faire Parkplatz-Kompromiss» in der Stadt Zürich aus Sicht des Gewerbes gerade jetzt so wichtig?
Nicole Barandun: Weil der Druck auf die Quartierparkplätze massiv zunimmt. Jahr für Jahr verschwinden in der Stadt Zürich viele Strassenparkplätze, vor allem in der blauen Zone. Hochgerechnet sind das gegen 10 000 Parkplätze in den nächsten zehn Jahren. Für Handwerker, Lieferdienste oder die Spitex wird es damit schlicht immer schwieriger, im Quartier überhaupt noch legal einen Platz zu finden.
Der Parkplatz-Kompromiss galt ja seit Jahrzehnten als bewährt – bevor er politisch abgeschafft wurde. Was hat sich verändert, dass es diese Initiative braucht?
Barandun: Früher ging es vor allem um Parkplätze in der Innenstadt. Heute werden auch in ganz normalen Wohnquar-tieren bei fast jedem Umbau blaue Felder gestrichen – für Velorouten, Aufwertungsprojekte oder Umbauten. Gleichzeitig gilt das neue System: Eine Parkkarte erhält nur noch, wer keinen privaten Stellplatz hat. Genau diese Gruppe hängt aber zu hundert Prozent an den ver-bleibenden öffentlichen Plätzen.
Welche konkreten Auswirkungen hätte ein weiterer Abbau von Parkplätzen für Handwerksbe-triebe und Dienstleister in Zürich?
Barandun: Das sieht man direkt im Alltag: Pro Einsatz müssen Handwerker zuerst 10 bis 15 Minuten im Kreis fahren, bis irgendwo ein Platz frei wird. Termine werden schwieriger einzuhalten, der Stress bei Mitarbeitenden und Kundschaft steigt. Mehr Bussen und mehr unproduktive Zeit, die am Ende jemand bezahlen muss.
Viele Mitarbeitende, die ein Firmenfahrzeug nach Hause nehmen, drehen abends noch eine Extrarunde durchs Quartier, bis sie das Auto abstellen können.
Wie beeinflusst die Parkplatz-Situation die Wettbewerbs-fähigkeit von KMU gegenüber grösseren Unternehmen?
Barandun: Grosse Firmen verfügen oft über eigene Garagen oder Hofplätze. Kleine Betriebe stehen mit dem Lieferwagen in der blauen Zone. Wenn ein grosser Teil dieser Plätze verschwindet, trifft das zuerst die KMU, die sich keine eigene Tiefgarage leisten können oder mit ihren Werk-stattwagen gar nicht hineinpassen. Sie werden teurer, unflexibler und geraten gegenüber grösseren An-bietern ins Hintertreffen.
Warum greift die Formel von Kritikern «weniger Parkplätze, mehr ÖV» zu kurz?
Barandun: ÖV und Velo sind wichtig – aber sie lösen das Problem des Gewerbes nicht. Einige Beispiele: Ein Heizungsmonteur kann keine Wärmepumpe im
Tram transportieren; eine Spitex- Fachperson kann die Einsatzkiste nicht auf jede Veloroute mitnehmen; ein Elektriker mit Material für mehrere Baustellen kann nicht «schnell auf den Bus umsteigen». Diese Fahrten verschwinden nicht, wenn man Parkplätze streicht. Sie werden nur länger, komplizierter und teurer – mit mehr Suchverkehr in den Quartieren.
Was macht die Vorlage zu einem «fairen Kompromiss» und einer ausgewogenen Lösung zwischen verschiedenen Verkehrsinteressen?
Barandun: Die Initiative verlangt nicht mehr Parkplätze, sondern Verlässlichkeit: Wenn die Stadt Parkplätze abbaut, soll sie im gleichen Quartier für Ersatz sorgen – sei es auf der Strasse oder im Parkhaus, aber öffentlich zugänglich.
Es geht darum, dass jemand ohne eigenen Stellplatz irgendwo in vernünftiger Gehdistanz einen Platz findet, auf den er sich verlassen kann. Das ist ein Kompromiss: Die Stadt kann sich weiterentwickeln, aber diejenigen, die für ihr Einkommen auf das Auto angewiesen sind, fallen nicht einfach hinten runter. Wer nur abbaut, ohne für Alternativen in der Nähe zu sorgen, macht die Stadt zwar schöner auf dem Papier, aber schwieriger im Alltag.
Die grössten Missverständnisse rund um die Abstimmung?
Barandun: Die Initiative blockiere Projekte: stimmt nicht. Sie zwingt nur dazu, bei jedem Projekt auch an die Parkierung zu denken.
Es gehe um billige Parkplätze: nein. Es geht nicht um den Preis, sondern darum, dass überhaupt ein Platz vorhanden ist.
Betroffen seien nur «Autofans»: In Wahrheit trifft es die, die mit dem Auto arbeiten müssen – Handwerker, Spitex, Lieferdienste, Schichtarbeitende und daneben viele Familien und ältere Menschen ohne Garage.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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