Ein einig Volk von Elektrogrillern
Es war einmal ein Land, in dem man auf einer Wiese schwor, sich weder von fremden Herren noch von übergriffigen Vögten herumkommandieren zu lassen. Heute reicht für den Aufstand bereits ein Holzkohlegrill. Allerdings nicht gegen die Obrigkeit, sondern gegen den Nachbarn, der ihn pflichtbewusst meldet. Die Schweiz feiert ihren Nationalfeiertag neuerdings gerne ohne Feuer. Kein Höhenfeuer, kein Vulkan, keine Rakete, keine Frauenfürze – und je nach Verordnung besser auch keine Wunderkerze. Wer dennoch eine anzündet, riskiert, so berichtet der «Tages-Anzeiger», mehrere tausend Franken Busse.
Auch beim Grillieren ist Eigenverantwortung ein Auslaufmodell. «Trotz Verbot grillieren: Verpetzen oder nicht?», fragte «20 Minuten» und lieferte damit die staatsbürgerliche Gewissensfrage unserer Zeit. Früher überlegte man am 1. August, was Freiheit bedeutet. Heute überlegt man, ob man den Nachbarn wegen eines Cervelats verpetzt.
Natürlich ist Trockenheit ernst zu nehmen. Niemand verlangt, dass bei Waldbrandgefahr Funkenfontänen in ausgedörrte Böschungen geschossen werden. Doch zwischen vernünftiger Vorsicht und flächendeckender Bevormundung liegt ein weiter Raum. Genau dort wäre Platz für die Eigenverantwortung.
Seit Corona scheint der Staat Gefallen an der besonderen Lage gefunden zu haben. Sobald etwas aussergewöhnlich ist – ein Virus, eine Hitzewelle, ein trockener Waldrand –, wird nicht mehr zuerst informiert und an den gesunden Menschenverstand appelliert. Es wird geregelt, eingeschränkt und verboten. Und der Bürger erhält eine Nebenrolle als Hilfspolizist und Denunziant: beobachten, dokumentieren, melden.
Bemerkenswert ist die Begeisterung, mit der manche Medien jedes neue Verbot begleiten. Bei der Aussicht auf weitere Einschränkungen scheinen ihnen Freudenraketen abzugehen. Das Verbot wird nicht bloss vermeldet, sondern inszeniert: Wer grilliert trotzdem? Wer zeigt wen an? Und wie hoch ist die Busse, wenn eine Wunderkerze verdächtig glimmt?
Der Rütlischwur verfolgte einst ein hehres Ziel: Freiheit bewahren, fremder Herrschaft widerstehen und einander beistehen. Die moderne Fassung klingt bescheidener: Wir wollen sein ein einzig Volk von Elektrogrillern, in keiner Not uns trennen – ausser der Nachbar verwendet Holzkohle.
So wurden aus Eidgenossen allmählich Anpasser. Aus Wehrhaften wurden Vorschriftenbeter. Aus Nachbarn wurden Meldestellen. Und aus dem Nationalfeiertag wurde ein beaufsichtigter Themenabend mit LED-Kerzen, E-Bratwurst und griffbereitem Formular für Verstösse gegen die kommunale Feuerverordnung.
Vielleicht ist das die neue Schweizer Freiheit: Man darf alles – solange es nicht raucht, knallt, funkt, stört oder dem Nachbarn und den Behörden missfallen könnte. Der Rütlischwur hätte heute vermutlich fünf Seiten Kleingedrucktes.
Wadenbeisser
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