Die stille Belastung der KMU-Chefs

Steigende Kosten, fehlende Fachkräfte, Bürokratie und Preisdruck: KMU kämpfen oft an mehreren Fronten gleichzeitig. Was dabei weniger sichtbar ist, ist die Belastung der Unternehmerinnen und Unternehmer selbst.

Bild: erstellt mit ChatGpt/KI

KMU-Unternehmer sehen sich im Arbeitsalltag mit vielfältigen Herausforderungen und hohem Verantwortungsdruck konfrontiert.

«Was mich als KMU-Unternehmerin, die sich aus Überzeugung für diesen beruflichen Weg entschieden hat, derzeit am meisten beschäftigt? Es sind die regulatorischen Auflagen und behördlichen Verfahren. Die stetig wachsende Bürokratie beansprucht Zeit, Geld und Energie», sagt die Dübendorfer Immobilienunternehmerin Jacqueline Hofer. «Genügend Aufträge hereinholen, Löhne bezahlen, den ganzen administrativen Wahnsinn bewältigen – das nagt an einem», betont ein IT-Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden will. Schon mehr als einmal sei er kurz vor dem Burnout gestanden und habe mit dem Gedanken gespielt, seinen Betrieb mit drei Mitarbeitenden aufzugeben. Und Mauro Pera, Inhaber mehrerer Zürcher Coiffeursalons, sagt: «Eine der grössten Herausforderungen ist für mich sicherlich das Personal. Gute, qualifizierte Mitarbeitende zu finden und langfristig im Unternehmen zu halten, wird immer schwieriger.»

«Genügend Aufträge hereinholen, Löhne bezahlen, den ganzen administrativen Wahnsinn bewältigen – das nagt an einem.»

IT-Unternehmer

Während oft über den Druck auf Arbeitnehmende gesprochen wird, geht leicht vergessen, welche Belastung auf der anderen Seite bei den Arbeitgebern liegt. «Unternehmerinnen und Unternehmer sind es als Persönlichkeiten gewohnt, Verantwortung zu tragen, Lösungen zu finden und anderen Perspektiven und Sicherheit zu vermitteln. Genau diese Stärke kann zur Falle werden», sagt Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Gerade in KMU konzentrierten sich Unternehmensstrategie, Finanzen, Personalfragen und operative Herausforderungen oft auf wenige Kaderpersonen.

Immer mehr Vorgaben

Jacqueline Hofer sieht vor allem behördliche Vorgaben und regulatorische Anforderungen als strukturelle Herausforderung für KMU. «Die Planungsunsicherheit und komplexe Auflagen sind grösser geworden», sagt sie. Bei Bauprojekten, Bewilligungen, Energieauflagen oder im Mietrecht änderten sich die Rahmenbedingungen immer schneller. Gleichzeitig stiegen die Anforderungen der Behörden, während Entscheidungswege länger würden. Besonders viel Zeit beanspruche die Administration. «Die administrative Belastung steigt überall und nimmt vielen KMU Zeit für das Kerngeschäft.»

Formulare, Nachweise, Kontrollen und Dokumentationspflichten seien teilweise notwendig. Vieles gehe jedoch über das aus ihrer Sicht notwendige Mass hinaus. Für den IT-Unternehmer ist die Administration ebenfalls Teil des Problems. Grösser wiegt für ihn jedoch die mentale Belastung. «Unser Business verändert sich unglaublich schnell. Wer sich nicht ständig weiterbildet, ist schnell weg vom Fenster», betont er. Er brauche volle Auftragsbücher, damit er am Ende des Monats die Löhne bezahlen könne. Zugleich berichtet er von Personalausfällen, die für ein kleines Unternehmen schnell zu einer erheblichen Belastung werden können.

Verantwortung bleibt beim Unternehmer

Auch Hofer beschäftigt die Verantwortung, die mit der Unternehmensführung verbunden ist. «Ich bin Unternehmerin aus Überzeugung – Verantwortung gehört für mich dazu. Das Risiko trägt man aber allein: finanziell, organisatorisch und rechtlich.» Für Mitarbeitende sei vor allem die operative Arbeit sichtbar. Weniger sichtbar seien strategische Entscheidungen, Haftung und die Verantwortung gegenüber Kunden, Behörden, Mitarbeitenden und Geschäftspartnern. Auch Entscheidungen, die heute getroffen würden, könnten sich erst Jahre später auf das Unternehmen auswirken. Die Folgen politischer Entscheidungen für den Unternehmensalltag würden aus ihrer Sicht zudem zu wenig diskutiert. Regulierungen könnten Innovation, Wachstum und Investitionen erschweren, wenn die Rahmenbedingungen nicht praxistauglich ausgestaltet seien.

Die Sorgen sind verbreitet

Die Erfahrungen der Unternehmer sind keine Einzelfälle. Das zeigt die KMU-Arbeitsmarktstudie 2026 von Axa Schweiz, durchgeführt vom Forschungsinstitut Sotomo. Mehr als 300 KMU in der Deutsch- und Westschweiz wurden dafür befragt. Steigende Kosten sind derzeit die grösste Belastung: 65 Prozent der Unternehmen nennen sie als eine der wichtigsten Sorgen der vergangenen zwei Jahre. 41 Prozent sehen den Arbeitskräftemangel als eine der grössten Herausforderungen. Besonders stark betroffen ist das produzierende Gewerbe. Dort stieg der Anteil der Betriebe mit Rekrutierungsproblemen seit 2022 von 45 auf 65 Prozent.

Personal, Kosten, Konkurrenz

Das bestätigt auch Mauro Pera: «Gute, motivierte und qualifizierte Mitarbeitende zu finden und langfristig im Unternehmen zu halten, wird schwieriger». Gleichzeitig stiegen die Erwartungen der Mitarbeitenden. Pera könne diese grundsätzlich nachvollziehen. Als Unternehmer müsse er sie jedoch mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Betriebs in Einklang bringen. Hinzu kommen steigende Kosten. Mieten, Löhne, Versicherungen, Energie und Produkte werden teurer. Die zusätzlichen Kosten lassen sich laut Pera nicht einfach an die Kunden weitergeben. «Auch sie sind immer preissensibler geworden.»

«Ich bin Unternehmerin aus Überzeugung – Verantwortung gehört für mich dazu. Das Risiko trägt man aber allein: finanziell, organisatorisch und rechtlich.»

Immobilienunternehmerin Jacqueline Hofer

Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb. Teilweise werde mit Preisen gearbeitet, die für ihn «wirtschaftlich kaum nachvollziehbar» seien. Für Betriebe, die Wert auf Qualität, Weiterbildung und gute Arbeitsbedingungen legten, sei ein solcher Preiskampf schwierig. «Ich möchte über Qualität und Leistung überzeugen und nicht darüber, wer am billigsten ist.»

Pera sieht darin auch Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle könnten Chancen bieten. Entscheidend sei für ihn, die bisherigen Stärken zu erhalten: «Qualität, Persönlichkeit, Professionalität und die Nähe zum Kunden.»

Zuversicht bleibt hoch

Trotz aller Belastungen bleibt die Zuversicht in KMU hoch. 86 Prozent der von Sotomo befragten Unternehmen gehen davon aus, dass ihr Betrieb auch in zehn Jahren noch bestehen wird. Und auch die befragten Unternehmer sagen: Trotz aller Herausforderungen können sie sich keinen anderen Weg vorstellen.

«Unternehmerinnen und Unternehmer sind es als Persönlichkeiten gewohnt, Verantwortung zu tragen, Lösungen zu finden und anderen Perspektiven und Sicherheit zu vermitteln.»

Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Verantwortung, Zeitdruck und ständige Erreichbarkeit gehören für viele Führungspersonen zum Alltag. Im Interview erklärt Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wie sich dauerhafte Belastung auf die psychische Gesundheit auswirken kann – und was Betroffene dagegen tun können.

Herr Kraxner, welche Faktoren belasten Führungspersonen heute besonders?

Fabian Kraxner: Das Einzig Beständige ist die Veränderung. Führungspersonen sind heute vor allem durch die Dynamik vieler Anforderungen gefördert und gefordert wie z.B.: Gesunde Führung, Wirtschaftliche Leistung, Fachkräftemangel sowie digitale Transformation. Gerade in KMU’s liegen Unternehmesstrategie, Finanzen, Personalfragen und operative Herausforderungen oft bei wenigen Allrounder- Kaderpersonen.

Warum fällt es vielen Unternehmerinnen und Unternehmern schwer, über psychische Belastungen zu sprechen oder Unterstützung in Anspruch zu nehmen?

Unternehmerinnen und Unternehmer sind es als Persönlichkeiten gewohnt, Verantwortung zu tragen, Lösungen zu finden und anderen Perspektiven und Sicherheit zu vermitteln. Genau diese Stärke kann zur Falle werden. Eigene Überforderung wird dann lange relativiert, bagatellisiert oder als persönliches Versagen interpretiert. Dabei gilt gerade in der Personalführung: Authentisch eigene Grenzen und Verletzlichkeit zeigen zu können, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Selbstreflexion, Souveränität und Stärke. Psychische Gesundheitskompetenz bedeutet deshalb auch, das subjektive Leiden ernst zu nehmen sowie Unterstützung und damit Veränderung anzunehmen.
 
Woran erkennen Betroffene, dass aus normalem Stress eine ernsthafte psychische Belastung geworden ist?

Stress ist eine evolutive Überlebensstrategie und aktiviert Körper und Geist, um auf Herausforderungen unmittelbar reagieren zu können. Problematisch wird er, wenn die Aktivierung anhält, Erholung nicht mehr gelingt und sich der bekannte Normalzustand verändert. Typisch sind anhaltende Schlafprobleme, Reizbarkeit, Gedankenkarussell, Konzentrationsprobleme, körperliche Beschwerden, sozialer Rückzug oder der Verlust von Interessen und Freude. Burnout entwickelt sich schleichend: Mehr Einsatz, weniger Erholung, zunehmende Erschöpfung und als Reaktion darauf noch mehr Anstrengung. Je früher dieser Kreislauf erkannt wird, desto besser lässt er sich unterbrechen.
 
Welche Folgen kann eine anhaltende Überlastung für die betroffene Person, aber auch für das Unternehmen und die Mitarbeitenden haben?

Chronische Überlastung beeinträchtigt Schlaf, Stimmung und Erholung. Betroffene Führungspersonen priorisieren schlechter, reagieren gereizter, machen eher Fehler oder ziehen sich zurück. Gleichzeitig überträgt sich ihr Stress oft auf das Team: Die Kommunikation wird angespannt sowie Unsicherheiten steigen. Folgen sind mehr Konflikte, Fehlentscheide, Produktivitätsverluste sowie Personalausfälle und Fluktuation. Gesunde Führung heisst gesunde Mitarbeitende – und stärkt Leistungsfähigkeit, Kultur und Personalstabilität des Unternehmens.
 
Welche konkreten Massnahmen empfehlen Sie KMU-Unternehmern, um ihre mentale Gesundheit langfristig zu schützen?

Gesunde Führung beginnt mit sich selbst, darf aber nicht mit permanenter Selbstoptimierung verwechselt werden. Entscheidend sind klare Prioritäten, realistische Arbeitslast, Delegation und Zeiten, in denen man tatsächlich nicht erreichbar ist. Ebenso wichtig sind Schlaf, Bewegung, soziale Beziehungen, Sinnhaftigkeit und regelmässige Erholung. Hilfreich ist zudem ein vertraulicher Sparringspartner, mit dem Belastungen früh reflektiert werden können. Psychische Stärke (auch Resilienz genannt) bedeutet nicht, immer mehr zu leisten, sondern eigene Grenzen wahrzunehmen, eigene Ressourcen gezielt zu aktivieren und rechtzeitig Unterstützung anzunehmen.


Fabian Kraxner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Anna Birkenmeier

Redaktion Zürcher Wirtschaft

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