Die Angst vor dem Firmenanlass
Firmenanlässe sollen verbinden und den Teamgeist stärken. Doch nicht alle freuen sich auf Gruppenspiele oder das gemeinsame Essen. Was macht sie attraktiv – und wann werden sie zur Belastung?
18. September 2026 Gerold Brütsch-Prévôt
«Wir feiern, dass wir es gut miteinander haben», sagt Thomas Jörger (links), hier mit Mitarbeitern von der Oberholzer AG.
Bereits Wochen vor dem Anlass schläft Jonas Müller schlecht. Der alljährliche Firmenanlass liegt ihm auf dem Magen. Er fürchtet sich vor Mutproben, der «Geselligkeit» und davor, einen ganzen Tag mit seinen Kolleginnen und Kollegen verbringen zu müssen. Vielleicht muss er auf die Bühne oder etwas über das Team erzählen. Und am Abend wird erwartet, dass alle bis zum Schluss bleiben. Jonas Müller ist fiktiv. Sein Un-behagen jedoch dürfte vielen bekannt vorkommen.
Teambuilding als Pflicht
Firmenanlässe sollen Menschen zusammenbringen, die im Arbeitsalltag vielleicht nur über E-Mail, Teams-Besprechungen aus dem Homeoffice oder aus kurzen Sitzungen miteinander zu tun haben. Doch ein gemeinsames Erlebnis macht noch lange kein besseres Team. «Ein Event schafft nicht einfach so ein gutes Teamklima», sagt der Arbeits- und Organisationspsychologe Prof. Dr. Jan B. Schmutz-Henestrosa von der Universität Zürich. Entscheidend seien vielmehr gute Führung, Wertschätzung und klare Kommunikation im Arbeitsalltag.
Ein Firmenanlass könne aber durchaus als Wertschätzung wahrgenommen werden: «Die Firma macht etwas für mich.» Voraussetzung sei, dass die Mitarbeitenden gerne teilnehmen. Wer sich im Team nicht wohlfühle, werde seine Freizeit eher nicht für die Firma einsetzen. «Dann versuche ich wahrscheinlich, die Zeit zu minimieren, in der ich meine Freizeit opfere», sagt Schmutz. Umgekehrt könne ein Anlass mehr Freude machen, wenn das Teamklima bereits gut sei. Ein Event sei deshalb «Teil vom Ganzen», aber kein Ersatz für gute Zusammenarbeit.
Stärkung der Identifikation
Das erlebt auch Thomas Jörger, Geschäftsleiter der Oberholzer AG in Uster. Das Unternehmen organisiert regelmässig Aktivitäten. «Es stärkt einfach die Identifikation mit der Firma und mit dem Team», sagt Jörger. Für ihn sind solche Anlässe eine Investition in die Menschen: «Es ist vielleicht manchmal streng, aber ich glaube, das ist gut investiertes Geld.»
Bei Oberholzer gehören Team-events fast zur DNA. «Wir feiern eigentlich uns – dass wir es gut miteinander haben», sagt er. Es gehe nicht nur darum, gemeinsam Probleme zu lösen, sondern sich auch einmal zu feiern. Das sei Wertschätzung. Gleichzeitig weiss Jörger, dass es auch Mitarbeitende wie Jonas Müller gibt. «Leute so nehmen, wie sie sind», lautet deshalb sein Grundsatz.
Generation Z ist nicht schuld
Besonders gerne wird die vermeintliche Unlust an Firmenanlässen der jüngeren Generation zugeschrieben. Doch Schmutz warnt vor solchen Zuschreibungen: «Die Forschung zeigt nicht, dass die Generation Z grundsätzlich weniger motiviert oder engagiert ist.» Generationeneffekte würden häufig überschätzt. Entscheidender sei die jeweilige Lebensphase – etwa Berufseinstieg oder Familiengründung.
Gleichzeitig habe sich der Stellenwert der Freizeit verändert. Die Work-Life-Balance sei für Arbeitnehmende heute deutlich wichtiger als früher. «Grundsätzlich will man weniger Freizeit opfern für die Firma», sagt Schmutz. Zunehmend werde mehr zwischen Berufs- und Privatleben getrennt. Das bedeute nicht zwingend weniger Verbundenheit mit dem Arbeitgeber, sondern eine andere Gewichtung.
Was macht ein gutes Team aus?
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: Wie spektakulär soll der nächste Anlass sein? Sondern: Was soll er bewirken? Ein gemeinsames Essen kann Begegnungen ermöglichen, eine moderierte Aufgabe die Zusammenarbeit fördern. Entscheidend ist, dass der Anlass zum Ziel und zu den Menschen passt.
Für ein produktives Team nennt Schmutz drei zentrale Punkte: Erstens braucht es ein gemeinsames Verständnis davon, was das Team erreichen will und wie es zusammenarbeitet: klare Ziele, Rollen und Zuständigkeiten. Zweitens psychologische Sicherheit. Mitarbeitende müssen sich trauen, Ideen einzubringen, Kritik zu äussern und anderer Meinung zu sein. «Ein gutes Team darf auch unterschiedlicher Meinung sein, aber respektvoll.»
Drittens brauche es regelmässige Reflexion: Was ist gut gelaufen? Was können wir beim nächsten Mal besser machen? Solche Debriefings seien etwa in der Medizin etabliert, könnten aber auch Projekt- und Büroteams helfen, aus Erfahrungen zu lernen. Gerade hier kann ein Teamanlass sinnvoll ansetzen, als Gelegenheit, gemeinsam über die Zusammenarbeit nachzudenken.
Teambuilding am Montag?
Die eigentliche Teamarbeit findet allerdings im Alltag statt. Ein gutes Team entsteht nicht während eines Teamevents. Es entsteht im Alltag: wenn Mitarbeitende einander zuhören, unterschiedliche Meinungen Platz haben und jeder weiss, worauf es bei der gemeinsamen Arbeit ankommt.
Der Firmenanlass kann dabei helfen. Er kann Begegnungen ermöglichen, Wertschätzung zeigen und Erinnerungen schaffen. Er ist aber kein Wundermittel. Vielleicht muss Jonas Müller beim nächsten Mal deshalb keine Angst mehr haben – weil er weiss, dass er bei einer Mutprobe nicht mitmachen muss.
Gerold Brütsch-Prévôt
Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft
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