Zu schlecht für die Lehrabschlussprüfung?
Ausbildungsbetriebe klagen über zunehmende schulische Defizite bei Lernenden. Wie gross ist das Problem tatsächlich und wie gut bereitet die Volksschule Jugendliche auf die Berufslehre vor?
27. Oktober 2026 Gerold Brütsch-Prévôt
Der Negativtrend bei den schulischen Grundkompetenzen ist kein Indiz für eine schlechtere Vorbereitung auf die Lehre.
«Schreiben Sie eine Beschwerde an den Lieferanten», lautet eine Prüfungsaufgabe im Fach «Grundwissen, Lesen, Schreiben, Grafiken» beispielsweise bei der Abschlussprüfung für angehende Gärtnerinnen und Gärtner EFZ. Für viele Absolvierende der Prüfung dürfte eine solche Aufgabe anspruchsvoller sein als das, was sie im praktischen Prüfungsteil absolviert haben. Pflanzen setzen, Bäume pflegen oder Rasen anlegen – Tätigkeiten, die zum beruflichen Alltag gehören und vielen angehenden Gärtnern leichterfallen. Doch auch im Gartenbau kommt man um den administrativen Teil nicht herum. Kundenanfragen müssen beantwortet werden, E-Mails geschrieben, Rechnungen gestellt, mit den Lieferanten kommuniziert werden. Und vor allem für ehrgeizige Absolventen mit Karriereplänen, ist das kaufmännische Grundwissen eine wichtige Voraussetzung.
Zunehmend Schwierigkeiten
Genau hier zeigen sich offenbar zunehmend Schwierigkeiten. Prüfungsexpertinnen und -experten achten unter anderem auf einen klaren Aufbau, verständliche Sätze, passende Verbindungswörter, korrekte Rechtschreibung und eine nachvollziehbare Argumentation. Gerade bei diesen grundlegenden sprachlichen Fähigkeiten hapert es nach Aussagen von Ausbildungsbetrieben immer häufiger. Um ihre Lernenden zu unterstützen und gleichzeitig einen professionellen Auftritt des Betriebs sicherzustellen, bieten deshalb manche Unternehmen zusätzliche Unterstützung oder Nachhilfe an, obwohl die Förderung dieser grundlegenden Sprachkompetenzen eigentlich nicht ihre Hauptaufgabe ist.
Wie dramatisch ist die Situation tatsächlich? Fünf angefragte KMU und Gewerbebetriebe wollten dazu öffentlich nicht Stellung beziehen, entsprechende Anfragen wurden abgelehnt oder nicht beantwortet. Scheinbar ein heikles Thema, zu dem man den Namen der Firma und der Verantwortlichen nicht in der Zeitung sehen will.
Mehr Betreuungsaufwand
Anonym – in einer Umfrage von economiesuisse, dem Schweizerischem Arbeitgeberverband und dem Schweizerischen Gewerbeverband mit rund 3000 Antworten – werden aber die Schwierigkeiten beim Schreiben und in Mathematik bestätigt. Die Betriebe weisen darin ebenfalls auf den gestiegenen Betreuungsaufwand hin, um die Jugendlichen erfolgreich durch die Abschlussprüfung zu bringen.
Eine ähnliche Entwicklung beobachtet Hanspeter Hunger, Rektor der Berufswahlschule Uster, in den Rückmeldungen der Lehrbetriebe. Seine Schule befragt einmal jährlich jene Betriebe, die Jugendliche in eine Lehre aufgenommen haben. Dabei gehe es nicht nur um schulische Leistungen: «Die überfachlichen Kompetenzen sind für die Betriebe nach wie vor sehr wichtig. Sie wollen wissen: Was ist das für ein Mensch? Kann man mit ihm zusammenarbeiten?» In den vergangenen Jahren seien aber auch die basalen Fähigkeiten in Deutsch und Mathematik stärker zum Thema geworden. Die Betriebe wünschten sich, dass die Jugendlichen in diesen Bereichen mehr mitbrächten. Hunger betont zugleich, dass junge Menschen heute andere Stärken hätten – etwa im Umgang mit digitalen Medien und neuen Technologien. Die Rückmeldungen seien deshalb differenziert zu betrachten und nicht mit einer objektiven Messung gleichzusetzen.
Auch die PISA-Ergebnisse zeigen, dass die Leistungen der Schweizer Jugendlichen in Mathematik und Lesen gegenüber früheren Erhebungen zurückgegangen sind. Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz allerdings weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Die Ergebnisse deuten damit auf einen Handlungsbedarf bei den schulischen Grundkompetenzen hin, belegen aber nicht, dass Jugendliche generell schlechter auf eine Berufslehre vorbereitet sind.
Keine objektive Messung
Auf eine konkrete Anfrage dazu schicken Dr. Sybille Bayard, Lei-terin der Bildungsplanung bei der Bildungsdirektion, und Jonas Schudel, Leiter der Organisationseinheit Betriebliche Bildung beim Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA), eine gemeinsame «konsolidierte Antwort» auf die Frage: «Bei den beschriebenen Defiziten handelt es sich nicht um eine objektive Messung, sondern um eine Einschätzung von verschiedenen Ausbildungsbetrieben in der ganzen Schweiz. Die Situation kann sich je nach Region, Branche oder Betrieb sehr unterschiedlich präsentieren.» Zu beachten sei auch, dass Jugendliche zum Teil über Kompetenzen und Fähigkeiten verfügten, die frühere Generationen noch nicht gehabt hätten, zum Beispiel in den Bereichen Englisch, Präsentation oder Digitalisierung. Daher sei vorstellbar, dass sich der Ausbildungsaufwand der Betriebe zwar verändert, aber nicht unbedingt vergrössert habe.
Abschlussquote 90 Prozent
Aber wie gross ist das Risiko tatsächlich, dass Jugendliche aufgrund mangelnder Grundkompetenzen keinen Abschluss auf Sekundarstufe II erreichen? «Ob mangelnde Grundkompetenzen der Grund dafür sind, dass ein Teil der Jugendlichen keinen Sek-II-Abschluss erreichen, lässt sich nicht eruieren», meint die Bildungsdirektion dazu. Die Abschlussquote auf der Sekundarstufe II im Kanton Zürich liege immer noch über 90 Prozent.
Der Unterricht an der Volksschule orientiert sich am Zürcher Lehrplan 21. In der dritten Sekundarklasse bereiten sich Jugendliche gezielt auf die Berufslehre oder eine weiterführende Schule vor. Mit dem Programm «Zäme für d’Lehr» können sie sich nach Abschluss eines Lehrvertrags bereits auf die Ausbildung vorbereiten. Die Betriebe bleiben mit ihren künftigen Lernenden in Kontakt und können diese Vorbereitung mitgestalten.Die Berufswahlschule Uster versucht, auf solche Rückmeldungen gezielt zu reagieren. Sie richtet das Berufsvorbereitungsjahr konsequent handlungskompetenzorientiert an den drei Handlu-gsfeldern Berufswahl, Berufsvorbereitung und überfachliche Kompetenzen bzw. Umgangsformen aus. «Wir fokussieren uns auf das, was die Jugendlichen für den Einstieg in die Berufswelt brauchen, und bereiten sie direkt auf die Anforderungen der Ausbildungsbetriebe vor. Da bei vielen Jugendlichen insbesondere die Sprachkompetenzen gefestigt werden müssen, setzen wir auf ein eigens entwickeltes ‹Lead-Support-Modell› im Deutschunterricht. Dabei wird Deutsch im ersten Semester auf die Berufswahl und im zweiten Semester auf die Berufspraxis ausgerichtet», sagt Hunger. Im Berufsvorbereitungsjahr fänden inzwischen mehr als 90 Prozent der Jugendlichen eine Lehrstelle oder gelangten über ein Praktikum weiter. Für Hunger zeigt das, dass die enge Verzahnung von Lernort Schule und Praxis ein echter Erfolgsfaktor ist.
Duales System gefährdet?
Das Interesse an einer Berufslehre im Kanton Zürich sei weiterhin hoch, ebenso die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen, schreibt die Bildungsdirektion. Um diese zu erhalten, habe sie unter anderem die Lehrstellenförderung lanciert. Die Plattform «Zukunft Zürich» bündle Unterstützungsangebote für bestehende und künftige Lehrbetriebe. Laut Bundesamt für Statistik entfielen gar 12 Prozent der Abschlüsse auf Sekundarstufe II auf Personen über 25 Jahre. Das unterstreiche die Bedeutung eines durchlässigen Bildungssystems und lebenslangen Lernens.
Gerold Brütsch-Prévôt
Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft
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