Swiss made – made irgendwo

Es gibt Dinge, bei denen man als Bürger zu kompliziert denkt. Zum Beispiel beim Schweizerkreuz. Bisher konnte man tatsächlich auf die abwegige Idee kommen, ein Produkt mit Schweizerkreuz habe etwas mit der Schweiz zu tun. Vielleicht wurde es sogar hier hergestellt. Wie naiv.

Das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum hat diese Sichtweise überwunden (siehe S. 20). Seit Kurzem darf das Schweizerkreuz auch auf Produkten prangen, die vollständig im Ausland hergestellt werden. Und der Bundesrat findet offenbar: Das passt schon. Schliesslich ist ein Schweizerkreuz ja nur ein weisses Kreuz auf rotem Grund. Warum sollte man daraus gleich geografische Schlüsse ziehen? Damit eröffnen sich neue Perspektiven. Produzieren wir künftig dort, wo es billiger ist, kleben am Schluss ein Schweizerkreuz drauf und nennen das Ganze Swissness. Das spart Kosten und erst noch lästige Arbeitsplätze in der Schweiz.

Besonders praktisch ist das für Unternehmen, die so altmodisch sind, tatsächlich hier zu produzieren. Sie bezahlen Löhne, bilden Lernende aus, entrichten Abgaben, investieren in Maschinen und Standorte und kämpfen mit unseren Vorschriften. Ihre ausländische Konkurrenz spart sich einen schönen Teil davon – und darf trotzdem mit demselben Schweizerkreuz winken. Wettbewerbsgleichheit auf Bundesbernisch.

Vielleicht sollten wir dieses Modell weiterentwickeln. Warum Bundesräte noch mühsam aus der Schweizer Bevölkerung rekrutieren? Man könnte einen Minister irgendwo im Ausland günstig verpflichten, ihm ein Schweizerkreuz ans Revers heften und erklären: «Swiss Government». Entscheidend ist nicht mehr, wo etwas herkommt, sondern was draufsteht.

Auch beim Käse gibt es Chancen. Schweizer Käse aus Holland, Uhren aus Fernost und Schweizer Schokolade aus irgendeiner Fabrik, deren nächste Beziehung zur Schweiz ein Bild des Matterhorns in der Kantine ist. Hauptsache, die Verpackung stimmt.

Das Problem ist nur: Marken leben von Glaubwürdigkeit. Das Schweizerkreuz ist wertvoll, weil Konsumenten damit Qualität, Verlässlichkeit und eben auch Herkunft verbinden. Laut der vom sgv zitierten Demoscope-Umfrage wollen über 80 Prozent, dass das Schweizerkreuz Produkten vorbehalten bleibt, die tatsächlich in der Schweiz hergestellt werden. 60 Prozent sagen, die neue Praxis schwäche ihr Vertrauen in dessen Aussagekraft.

Man muss kein Marketinggenie sein, um zu verstehen: Wenn überall Schweiz draufsteht, ist irgendwann nirgends mehr Schweiz drin. Dann verliert das Kreuz seinen Wert – und jene Unternehmen, die hier Arbeitsplätze und Lehrstellen schaffen, bezahlen die Rechnung.

Vielleicht erfindet der Bund danach ein neues Gütesiegel: «Wirklich aus der Schweiz». Natürlich mit aufwendiger Zertifizierung, Formularen und Gebühren. Für die Schweizer KMU, versteht sich.

Wadenbeisser

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