Raus aus den ewigen Alphütten, auch gleich aus den modernen!

Nicht nur am 1. August: Stets dann, wenn das speziell Schweizerische gefeiert werden will, betritt dasselbe Personal die Bühne: Jodelchörli, Alphornbläser, Fahnenschwinger. Folklore, Schwingfestromantik, Helebardensymbolik. Wir feiern uns als Volk von Berglern, urwüchsig und robust, immun gegen Moden und Launen der Moderne. Obwohl wir wissen: Real leben wir prächtig von der Moderne, von Pharma und Technik und Forschung, von einer Wirtschaft, die sich gegen alle Widernisse durchsetzt wie nirgends auf der Welt. Doch dieses moderne Leben gibt irgendwie keine schönen Bilder her. Zuviel Stress, auch Dichtestress, zu viel Gereiztheit, zu viel Frost zwischen den Polen, zu viel Hitze in der Luft.

Umso humorloser halten wir fest am Ursprungsmythos: Die CH-Sippe, die Heimat des «Homo Alpinus Helveticus», vor 300 Jahren diagnostiziert vom Zürcher Arzt Johann Scheuchzer: physisch «gesund und kräftig», sonst überlebt er nicht; ist fleissig und genau, sonst verhungert er; ist «redlich und gerecht, mutig und tapfer», zwangsläufig «bescheiden». Die Alpen als Erzieher des helvetischen Geschlechts. Zwangen uns in ein Anpassungstraining, wir wurden zuverlässige Hirten, wackere Bauern, robuste Bergler.

Falls es so war – vorbei! Willkommen in der alternden Wohlstandsgesellschaft. Es geht uns famos im Land der Reichsten, der Solidesten. Im Land allerdings auch der sattesten Psychia-triedichte. Nirgendwo werden mehr Antidepressiva eingeworfen, nirgendwo jammern schon die Jungen über Einsamkeit. Von den Alten nicht zu reden. Jeder Zweite gibt an, «erschöpft» zu sein. Wir liegen inzwischen schnell flach. Obwohl – wie eine Zeitung titelte – Schlafprobleme unser «Volksleiden Nr. 1» seien. Gute Nacht.

Dagegen helfen die ewigen Hüttengeschichten, die Alpöhi-Schönfärbereien und Heidilideleien wenig. Wir bräuchten Bilder aus der Jetzt-Zeit. Besser noch: Erzählungen einer Zukunft, die viele von uns begeistern, mitziehen könnten. Dazu müssten wir uns nur vergegenwärtigen, wie die Erfolgsstory Schweiz begann: nicht in der angeblich so heimeligen Alphütte. Umgekehrt: Als wir die Nase voll hatten von der armseligen Berglerexistenz. Als wir die alpine Enge und Schwerfälligkeit überlisteten – statt sie zu verherrlichen. Als aus Bauern Ingenieure wurden, Brückenbauer, Eisenbahnpioniere. Als der alpine Menschentyp, zäh und erfinderisch geworden in seinem Biotop, sich mit eben dieser schlauen Zähigkeit gegen die natürlichen Verhältnisse wandte – mit Brücken, Tunneln, Bahnen.

Statt alpöhimässig die Alpen und das vermeintlich freie Leben darin zu romantisieren, würden wir die Schweiz besser revitalisieren aus dem Geist des Aufbruchs. Nicht – wie damals – in eine technische Industriegesellschaft. Sondern jetzt in technologischen Wandel. Etwa in eine Mobilität, die nach Futur aussähe. Seit 100 Jahren haben wir nämlich dieselbe (bloss, dass überall mehr unterwegs sind). Wirkt schon so stickig und beengend wie damals die Alphütte.

Ludwig Hasler

Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch

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