Ü60: Beliebt, aber nicht gefördert
Sie gelten als erfahren, loyal und fachlich stark – doch sobald Mitarbeitende das Pensionsalter erreichen, endet ihre Karriere oft trotzdem. Eine neue Studie zeigt: Arbeitgeber schätzen Arbeitskräfte über 60 zwar sehr, sollten ihr Potenzial aber stärker nutzen. Angesichts des Fachkräftemangels könnte genau das zum Problem werden.
19. August 2026
Wie verbreitet sind in den Unternehmen welche Arten von Pensionierungen?
Seit 2020 verlassen in der Schweiz mehr Menschen den Arbeitsmarkt, als neu eintreten. Gleichzeitig liegt die Erwerbsquote nach dem Referenzalter von 65 Jahren im OECD-Vergleich unter dem Durchschnitt, obwohl viele Menschen auch nach der Pensionierung gesund und arbeitsfähig wären. Weshalb so wenige länger arbeiten, hat nicht nur mit persönlichen Entscheidungen oder dem Rentensystem zu tun – auch Unternehmen spielen eine entscheidende Rolle.
Genau hier setzt die Studie «Arbeitskräfte 60plus im Fokus der Unternehmen» der Alixio Group Schweiz an, die sie im Auftrag von focus50plus und seiner Trägerorganisationen SAV und sgv durchführte. Zwischen November 2025 und März 2026 wurden rund 500 Führungskräfte und HR-Verantwortliche befragt. Das Ergebnis ist widersprüchlich: Die Unternehmen attestieren älteren Mitarbeitenden grosses Potenzial, schaffen aber nur selten die Voraussetzungen, damit dieses auch nach Erreichen des Referenzalters genutzt werden kann.
Gute Noten, wenig Aktivität
Die Wertschätzung ist hoch: 82 Prozent loben die langjährige Erfahrung und das Know-how von Mitarbeitenden über 60. Zwei Drittel nennen Verantwortungsbewusstsein, Loyalität und Fachkompetenz als besondere Stärken, mehr als die Hälfte schätzt ihre Kenntnisse der Unternehmenskultur sowie ihre Netzwerke zu Kunden und Partnern. Rechnet man die eher zustimmenden Antworten hinzu, liegen die Werte bei allen genannten Eigenschaften bei rund 90 % oder mehr.
Dennoch fördert nur etwa jedes dritte Unternehmen die Weiterarbeit über das Referenzalter hinaus. Ebenso selten werden Aufgaben oder Verantwortlichkeiten angepasst, damit ältere Mitarbeitende gesund und leistungsfähig im Erwerbsleben bleiben können. Für Studienautor Edgar Spieler ist das Referenzalter nach wie vor die betriebliche Norm: Viele Unternehmen orientierten sich stark an der gesetzlichen Altersgrenze und wichen kaum davon ab.
Die Schweiz fällt auch durch viele Frühpensionierungen auf. Die obige Grafik illustriert: Frühpensionierungen sind bei den Unternehmen verbreiteter als Pensionierungen nach dem Referenzalter (also längeres Arbeiten). Die Gründe, warum sich Erwerbstätige vorzeitig pensionieren lassen oder nicht über das Referenzalter hinaus arbeiten: Persönliche Konstellationen, die Ausgestaltung des Rentensystems und betriebliche Faktoren.
Es bestehen auch Vorbehalte gegenüber der Generation 60plus, die auch Auswirkungen auf eine Beschäftigung übers Rentenalter hinaus haben. Genannt werden hohe Lohnkosten, mangelnde IT-Kompetenzen oder eine geringere Veränderungsbereitschaft. Spieler präzisiert aber: Die Zustimmung zu den Stärken der Generation 60plus sei deutlich höher als die Kritikpunkte. Zudem seien viele dieser Faktoren beeinflussbar: Ob jemand lernbereit sei, hänge laut Forschung stärker von der bisherigen Tätigkeit als vom Alter ab. Wer während seines Berufslebens regelmässig neue Aufgaben übernehme, bleibe auch im höheren Alter offen für Veränderungen. Unternehmen könnten dies gezielt fördern, «etwa durch Laufbahngestaltungen auf jeder Altersstufe», so Spieler. Wenn ein älterer Mitarbeiter beispielsweise immer wieder neue Projekte übernehme, bleibe er veränderungsbereit.
KMU Verhalten bei Einstellungen
Besonders zurückhaltend sind Arbeitgeber allerdings bei Neueinstellungen älterer Arbeitskräfte. Während hohe Lohnnebenkosten für die Weiterbeschäftigung kaum eine Rolle spielen, beeinflussen sie den Einstellungsentscheid deutlich stärker – vor allem bei KMU. Für 38 Prozent der kleineren Unternehmen sind sie ein Hindernis, bei Grossunternehmen nur für 26 Prozent. Spieler plädiert deshalb für altersneutralere Lohnnebenkosten. «Diese Zurückhaltung ist bedauerlich, denn die Unternehmen vergeben grosses Potenzial. Gleichzeitig glaube ich aufgrund der Ergebnisse, dass dies auch mit dem starken Fokus aufs Referenzalter zusammenhängt».
Gerade in Berufen, die sich durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz stark verändern, könne die Kombination aus Erfahrung und neuen Technologien zum Wettbewerbsvorteil werden. Statt sich an Altersstereotypen zu orientieren, sollten Unternehmen die individuellen Fähigkeiten stärker berücksichtigen. «Es gibt auf allen Altersstufen Menschen, die sturer sind und weniger flexibel.»
In der Praxis erfolgt eine Weiterbeschäftigung nach 65 meist flexibel – etwa in Teilzeit, auf Abruf oder projektbezogen. Langjährige Vollzeitbeschäftigungen über das Referenzalter hinaus bleiben hingegen die Ausnahme.
Politisch klemmt es
Auch politische Rahmenbedingungen spielen eine Rolle. Zwei Drittel der Unternehmen wünschen sich steuerliche Erleichterungen für Erwerbstätige im Pensionsalter sowie einen höheren AHV-Freibetrag. Dieser liegt zurzeit bei 16 800 Franken. Zudem erschwere das heutige Vorsorgesystem den Wiedereinstieg nach einer Pensionierung, weil Renten aus AHV und Pensionskasse nicht einfach sistiert werden können.
Interessant ist auch der Blick auf das Rentenalter selbst: 63 % der befragten Unternehmen halten das Referenzalter von 65 Jahren grundsätzlich für zeitgemäss und «genau richtig», 18% für zu spät und nur 19% als zu früh, um die Erwerbsarbeit ganz zu beenden. Gleichzeitig sehen viele Vorteile darin, wenn Menschen bis 67 arbeiten würden. Für Spieler ist das kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer starken Orientierung an bestehenden Normen. In der Praxis werde selten hinterfragt, ob ein Weiterarbeiten sinnvoll wäre.
Entscheidend sei deshalb, das Thema frühzeitig in die Personalplanung einzubeziehen. Gespräche über die berufliche Zukunft sollten nicht automatisch mit der Pensionierung enden, sondern auch Optionen für eine Weiterbeschäftigung umfassen. Genau hier sieht die Studie grossen Nachholbedarf: Nur eine Minderheit der Unternehmen führt solche Gespräche systematisch oder unterstützt Mitarbeitende aktiv auf dem Weg zu einer längeren Erwerbstätigkeit.
Spielers Fazit: Bevor die Politik über ein höheres Rentenalter entscheidet, könnten Unternehmen bereits heute vorangehen: indem sie flexible Arbeitsmodelle schaffen, ältere Mitarbeitende gezielt fördern und deren Beschäftigungsfähigkeit langfristig erhalten.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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