«Da zeigt sich Zürich eher bünzlig»

Nach 13 Jahren an der Spitze des Gewerbeverbands der Stadt Zürich tritt Nicole Barandun ab. Sie zieht eine gemischte Bilanz: Neben wichtigen Erfolgen fürs Gewerbe sei die Zusammenarbeit mit der Stadt immer wieder von Frust geprägt gewesen. Vor allem die Verkehrspolitik bleibt eine zentrale Baustelle.

Bild Liliane Forster

Nicole Barandun bei ihrer Verabschiedung als KGV-Vizepräsidentin. Links KGV-Prä sident Werner Scherrer, rechts ihr Nachfolger im GVZ-Präsidium, Christian Huser.

Erst zu den Fakten. Nicole Barandun tritt als Präsidentin des stadtzürcher Gewerbeverbands (GVZ) ab. Es seien «schöne, intensive, aber auch abnützende 13 Jahre» gewesen. In dieser Zeit scheute sie keinen Konflikt, keinen Abstimmungskampf und keine öffentliche Debatte im Interesse des Gewerbes. Doch nun sagt sie auch offen: «Die Lust und der Elan wichen zuletzt etwas dem Zynismus», und dieser könne in schwierigen Verhandlungen mit Behörden und Stadtvertretern die Kompromissbereitschaft aus Verbandssicht etwas drosseln.
Daraus mag man schliessen: Die 13 Jahre müssen zermürbend gewesen sein für die Nationalrätin (Die Mitte), Rechtsanwältin der Zürcher Kanzlei Barandun AG. Doch das wäre verkürzt. Zwischen den Zeilen blitzt ihre Leidenschaft immer wieder auf. Und dabei wird klar: Der städtische Gewerbeverband ist mit ihr gewachsen – und sie mit ihm.

Obwohl oder vielleicht gerade weil Zürich eine «Käseglocke» sei: ein Experimentierfeld für allerlei Utopien, die das Gewerbe behinderten. «Aber Zürich ist trotzdem eine lebenswerte Stadt, und wir tun gut daran, uns gewissen Entwicklungen nicht zu verschliessen. Sondern sie zu akzeptieren, solange das für uns machbar ist.» Anders gesagt: Es wäre mehr möglich, wenn beide Seiten mehr aufeinander zugehen würden – weg vom Wünschbaren hin zum Machbaren. Jüngere Unternehmergenerationen seien durchaus auch bereit, Einschränkungen in Kauf zu nehmen. «Aber die Kompromisse dürfen ein gewisses Mass nicht überschreiten.» Sie nennt etwa die Elektrotransporter einer Elektroinstallationsfirma, die auf Veloabstellplätzen Platz finden.

«In Sachen Gastronomie oder kulturelles Leben zeigt sich Zürich eher bünzlig und gar nicht als fortschrittliche europäische Stadt, als die sie sich sonst gerne sieht.»

Nicole Barandun, Präsidentin Gewerbeverband Stadt Zürich

Wo wird für Barandun das «gewisse Mass» überschritten? Sie nennt Investitionen, Regulierungen, aber auch Events zulasten des Gewerbes. Gerade bei Themen mit Interessenskollisionen seien die Interessen des Gewerbes seit Jahren «nicht mehr oben auf der Liste» – und das kann an der Substanz zehren.

Die Stadtbehörden seien eben in der Regel keine Gestalter. «Sie sind Verwalter. Und in der Gewerbepolitik müsste man vermehrt versuchen, alle Akteure an einen Tisch zu bringen.» Als Beispiel nennt sie die Radweltmeisterschaft 2024. «Da hat man nebst der Quartierbevölkerung das Gewerbe vergessen.» Erst als Rekurse im Raum standen, habe sich die Stadt bewegt. Die versöhnlichere Variante wären offene Gespräche – und dafür gibt es durchaus Gefässe. Aber in diesen beschränke es sich meistens auf einen Pro-forma-Austausch. «Dabei müsste die rot-grüne Politik in vielen Punkten gerade das Gewerbe berücksichtigen: etwa beim Wunsch nach kurzen Wegen oder bei einer Kreislaufwirtschaft mit echtem Impact. Dann bräuchten sie nämlich das Gewerbe, denn wir halten alles instand. Und da fühlen wir uns nicht wertgeschätzt.»

Erfolge fürs Gewerbe

Sie erinnert sich aber auch gerne an Erfolgsgeschichten. Im Ausbildungsbereich sei die Zusammenarbeit mit der Stadt hervorragend. «Vermutlich auch, weil die Interessen kongruent sind.» Die schulischen oder die psychischen Probleme des Nachwuchses seien auch für die Stadtpolitik ein Thema. Gemeinsam mit Schulen und dem Laufbahnzentrum entstand im Berufsbildungsforum ein Gefäss, das unter anderem Eltern den Wert der Berufsbildung näherbringt und Berufsbildner unterstützt.

Gerade deshalb ist es paradox, dass die Stadtpolitik den Aktionsradius des Handwerks einschränkt und es mit Auflagen zudeckt. KMU seien extrem anpassungsfähig und flexibel, «aber man muss ihnen einen gewissen Spielraum bieten». Müsterchen für überrissene Regulierungsaktivitäten hat sie genug: jüngst etwa das Verbot von elektrischen Leuchten in Restaurants auf öffentlichem Grund. Die Gastronomie ist überhaupt ein Minenfeld für städtische Verordnungen und Einschränkungen: das Verbot von Heizpilzen und während Corona die restriktive Bestuhlung. «In Sachen Gastronomie oder kulturelles Leben zeigt sich Zürich eher bünzlig und gar nicht als fortschrittliche europäische Stadt, als die sie sich sonst gerne sieht.»

Wie überall gebe es auch auf der Verwaltung Ausnahmen – und diese könnten für einen einzelnen Handwerker entscheidend sein. So konnte zum Beispiel auf Intervention des Gewerbeverbands vor einer Bäckerei mit neuem Halteverbot ein Güterumschlagsplatz geschaffen werden. Auch einzelne Abbiegeverbote für Lastwagen wurden wieder aufgehoben.

Eine Errungenschaft, die sie besonders freute: das sogenannte rote Telefon. Was wie ein Erotikservice klingt, ist eine städtische Helpline in Baufragen, die vom HEV Zürich und vom GVZ angestossen wurde. Es verkürzt nach Bauentscheiden Amtswege und ermöglicht einen raschen Dialog zwischen Denkmalschutz, Bauverwaltung und Bauherrschaft.

Und weil die Themen in Zürich alle Gewerbeverbände in grösseren Städten beschäftigt, wurde auch eine Städteplattform ins Leben gerufen. Dort fliessen Erfahrungen anderer Städte – etwa zur Nutzung von Busspuren – in Zürcher Projekte ein.

Täglich grüsst die Verkehrspolitik

Denn die zentralen Themen aus Sicht des Gewerbes wiederholen sich: Hauptfokus war und ist auch in Zürich immer wieder der Verkehr: Dazu gehört der Verkehrsfluss, die Erreichbarkeit des Arbeitsortes, Parkplatzknappheit und -abbau. «Da hat sich die Si-tuation in den letzten Jahren sehr verschlechtert.» Sie vermisst kreative Lösungen wie etwa in der Stadt Bern, wo Lieferwagen auf den Busspuren fahren dürfen. «Das wäre in Zürich an neuralgischen Stellen eine totale Erleichterung», so Barandun.

Bei der Parkierungsfrage wäre die Gewerbeparkkarte eine wichtige Erleichterung, da sie das Parken auch ausserhalb der markierten Parkfelder und auf gewissen Trottoirabschnitten erlaubt. Und Tagesbewilligungen würden hinfällig. Mit der Abstimmung über die Parkkartenverordnung vor rund einem Jahr kam eigentlich grünes Licht. «Es dauerte zwölf Jahre, bis diese eingeführt wurde. Und jetzt ist sie durch Rekurse blockiert.»

Highlights und Jubiläum

Solche Grabenkriege gehören schon fast zur DNA eines städtischen Gewerbeverbands. Was wird sie aber besonders vermissen? «Den Kontakt zu so vielen unterschiedlichen Menschen mit so vielfältigen unternehmerischen Interessen. Denn sie sind der unternehmerische Motor der Schweiz.» Im Kleinen sehe man sehr gut, was die Qualität der Schweiz im Bereich Unternehmertum ausmache. Genau deshalb müssten Unternehmerinnen und Unternehmer ihre Stimme in politischen Debatten auch stärker einbringen. Da seien viele zu zaghaft.
Ein punktuelles Highlight: das 175-Jahr-Jubiläum im Albisgüetli im Jahr 2016. Der GVZ ist damit einer der ältesten Gewerbevereine im Land. Und es sei eindrücklich, dass er immer noch eine markante Einflussgrösse in der Stadt sei – heute wie damals. Der solidarische Förderverein, der unter Barandun stark gewachsen ist, trifft sich regelmässig und unterstützt den GVZ grosszügig bei Abstimmungen. Auch Geschäftsführerin Ursi Woodtli sei ihr stets eine wichtige Stütze gewesen.

Für Zürich wünscht sie sich zum Schluss eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Idee der Stadt als eines Ortes des Handels, der Innovation und des Austauschs. «Wenn wir wieder gemeinsam dieses Ziel verfolgen, finden wir auch bessere Lösungen bei Mobilität, Wohnen oder Gastronomie.» Denn ein funktionierender Sozialstaat brauche letztlich auch eine starke Wirtschaft.

Bild Mark Gasser

Nicole Barandun ist Counsel bei der Zürcher Anwaltskanzlei Barandun AG. Seit Dezember 2023 ist sie Nationalrätin für die Mitte im Kanton Zürich. Zuvor war sie unter anderem Präsidentin der Mitte Kanton Zürich (früher CVP) und Mitglied des Zürcher Kantonsrats.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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