«KI ersetzt Aufgaben, nicht Rollen»

Künstliche Intelligenz kann einen grossen Teil der Routinearbeit im Finanzwesen übernehmen. Für KMU eröffnet das neue Möglichkeiten bei Auswertungen, Liquiditätsplanung und Früherkennung von Risiken. Die Verantwortung für Investitionen, Krisenmanagement und strategische Entscheide bleibt jedoch beim Menschen. Experten warnen zudem vor blindem Vertrauen in Prognosen und schlechter Datenqualität.

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KI kann im Finanzwesen Prozesse übernehmen, nicht aber gewisse Aufgaben, die Verantwortung verlangen.

Die beiden KI- und Treuhandexperten Céline Solenthaler und Phlipp Stirnemann sehen die Rolle des Menschen immer noch als wichtig in Finanzentscheiden.

Kann künstliche Intelligenz den Finanzchef (CFO) im KMU ersetzen? Die KI-Beraterin Céline Solenthaler verfällt weder in KI-Euphorie noch redet sie den Nutzen klein. Ihre Kernaussage: KI übernimmt immer mehr Finanzarbeit, aber nicht die Verantwortung. Besonders stark automatisiert werden laufend repetitive Tätigkeiten, wobei nicht alles davon KI ist; vieles läuft schlicht regelbasiert. Dazu gehören die Erfassung und Verbuchung von Belegen, das Zuordnen von Zahlungseingängen, das Versenden von Mahnungen oder die Erstellung von Standardberichten.

Gerade in kleineren Betrieben, in denen die Finanzen oft nebenbei vom Inhaber oder von einem externen Treuhänder erledigt werden, könne KI einen grossen Mehrwert schaffen. «Im Unternehmen mit 15 Mitarbeitenden macht die Finanzen oft der Inhaber nebenbei oder der Treuhänder. Dort ist KI ein Gewinn, weil es erstmals Auswertungen gibt, die früher einen Finanzchef gebraucht hätten», sagt Solenthaler. In grösseren Unternehmen verschiebe sich die Rolle des Finanzchefs tatsächlich zunehmend vom Aufbereiten der Zahlen hin zur Interpretation und zu strategischen Entscheidungen.

Anders sieht es bei Aufgaben aus, bei denen Verantwortung gefragt ist. «Menschlich bleibt alles, wofür jemand den Kopf hinhält: Investitionsentscheide, Bankgespräche, Krisenmanagement.» Eine KI könne Empfehlungen liefern, trage aber weder Verantwortung noch Haftung. Für die KI-Expertin ist die Antwort daher klar: «KI ersetzt Aufgaben, nicht Rollen.»

Finanzdaten und KI-Tools

Besonders interessant ist der Einsatz von KI bei der Liquiditätsplanung und der Früherkennung von finanziellen Schwierigkeiten. Technisch könne KI Muster in Zahlungseingängen oder Debitorenfristen oft schneller erkennen als ein Mensch, sagt Solenthaler. Dadurch könnten Warnsignale für eine drohende Schieflage früher sichtbar werden.

Allerdings gilt auch hier: Die Qualität der Ergebnisse hängt von der Qualität der Daten ab. «Wer eine unsaubere Buchhaltung automatisiert, produziert Fehler einfach schneller», so Solenthaler. Als zweites Risiko nennt sie den sorglosen Umgang mit sensiblen Daten: «Finanzdaten gehören nicht in kostenlose KI-Tools.» Und drittens bestehe das Risiko fehlender Kontrolle: Das Vier-Augen-Prinzip gelte auch, wenn das erste «Augenpaar» eine KI sei.

Auch bei Liquiditätsprognosen sieht Solenthaler Potenzial. KI arbeite oft konsistenter und mit weniger Wunschdenken oder Zweckoptimismus als der Mensch und sehe Muster in Zahlungseingängen und Debitorenfristen früher. Dennoch sei sie nicht automatisch objektiver. «Der Unternehmer weiss Dinge, die in keiner Buchhaltung stehen: dass der Grosskunde wackelt oder die Schlüsselmitarbeiterin kündigen will.» Die besten Prognosen entstünden deshalb aus der Kombination von Datenanalyse und menschlicher Erfahrung. «Eine KI erkennt nur Schieflagen, die in den Daten sichtbar sind. Wer die Belege drei Monate liegen lässt, dem hilft auch die beste KI nicht.»

«Menschlich bleibt alles, wofür jemand den Kopf hinhält: Investitionsentscheide, Bankgespräche, Krisenmanagement.»

Céline Solenthaler, KI-Expertin

Bei der Finanzplanung sieht auch Philipp Stirnemann, Co-Geschäftsführer der Zürcher Treuhand- und Buchhaltungsfirma abrechnungen.ch, keine grossen Verbesserungsmöglichkeiten dank KI. «Als Statistiker weiss ich: Je besser ein Modell vergangene Daten erklärt, desto grösser ist das Risiko, dass es bei neuen Situationen versagt. KI kann dieses Grundproblem nicht lösen. Gerade bei Finanzprognosen wird ihr Nutzen deshalb häufig überschätzt.» Auf der anderen Seite könnte er sich einen KI-Einsatz im Krisenmanagement sehr gut vorstellen, beispielsweise in der Ausarbeitung von Stress- und Szenarienplanung. «Allerdings haben die meisten mir bekannten (kleinen) KMU sowie-so kein formalisiertes Krisenmanagement.»
Das Geschäftsmodell der digitalen Treuhandfirma: Kunden laden ihre Belege online hoch und abrechnungen.ch übernimmt die treuhänderischen Aufgaben – von der Verbuchung über die Lohnbuchhaltung und Steueroptimierung bis zum Jahresabschluss. Doch auch das habe seine Grenzen, versichert er. Die Firma testet teilweise selber neue Produkte, implementiert sie und entwickelt gerade selber ein KI-Tool, das intern getestet wird.

Hype um KI-Lösungen

Philipp Stirnemann spricht von einem Hype, der eine neue Unübersichtlichkeit bei der Nützlichkeit und Dringlichkeit gewisser Produkte schaffe: «Im Moment gibt es einen Dschungel von verschiedenen Tools im Buchhaltungs- und Treuhandbereich – wir erhalten gefühlt alle zwei Tage eine Anfrage zu neuen Tools und KI-Lösungen, etwas Neues zu implementieren. In der Praxis zeigt sich aber, dass der messbare Effizienzgewinn vieler neuer Tools häufig deutlich geringer ist, als die Marketingversprechen vermuten lassen», so Stirnemann. Nur weil darüber gesprochen werde, sei das noch kein Leistungsbeweis.

Von Produktempfehlungen hält auch Solenthaler deshalb nicht viel. Sie empfehle bewusst keine Produkte, sondern Kriterien. «Erstens», so Solenthaler, «sollte man KI-Funktionen direkt in der bestehenden Buchhaltungssoftware nutzen, statt ein zusätzliches Tool anzuschaffen. Die meisten Schweizer Lösungen haben Belegerkennung heute integriert.» Zweitens seien bei neuer Software jeweils Datenhaltung und Vertragsbedingungen zu prüfen, gerade bei Finanzdaten. Drittens sei strukturiertes, schrittweises Vorgehen wichtig, um Fehler zu vermeiden: erst einen Prozess automatisieren, dann die Resultate eine Weile kontrollieren und erst dann den nächsten Schritt angehen. Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude eigneten sich gut für Analysen und das Verständnis der eigenen Zahlen, aber nur in der Businessversion: Bei Gratisversionen können die Eingaben fürs Training der Modelle verwendet werden.

Vorsicht vor blindem Vertrauen

Auch die KI-Expertin warnt davor, KI-Ergebnisse ungeprüft zu übernehmen. Überschätzt werde heute vor allem die Aussagekraft von Prognosen. Externe Ereignisse oder strategische Veränderungen beim Kunden seien in den verwendeten Daten oft nicht sichtbar.

Hinzu kommt ein weiteres Risiko: «Wenn Daten fehlen, sagen KI-Tools selten: ‹Das weiss ich nicht.›» Stattdessen würden Lücken häufig mit plausiblen Annahmen gefüllt – obwohl die Grundlage unsicher sei. Zu den grössten Risiken zählt Solenthaler deshalb mangelhafte Datenqualität, Datenschutzprobleme sowie die erwähnte fehlende Kontrolle.

Bis zu 80% der Routinearbeit

Wie viel Arbeit kann denn KI künftig übernehmen? Bei repetitiven Tätigkeiten in der Buchhaltung könne der Automatisierungsgrad bis 2030 durchaus gegen 80 % gehen. Über die gesamte CFO-Rolle betrachtet rechnet Solenthaler jedoch eher mit rund 50 % des heutigen Zeitaufwands.

Entscheidend sei letztlich nicht die Automatisierungsquote, sondern die Frage: «Wird die gewonnene Zeit für bessere Entscheidungen genutzt oder einfach eingespart?» Genau darin dürfte die eigentliche Zukunftsfrage laut Solenthaler für viele KMU liegen.

Klar ist für Philipp Stirnemann hingegen, dass die KI Jobs im Buchhaltungsbereich ersetzen wird: «Absolut! Aber vor ein paar Jahren hiess es, das Accounting werde als Erstes davon betroffen sein. Jetzt sind wohl zuerst Juristen und Programmierer betroffen», so Stirnemann. In der Praxis seien gerade Anfängerpositionen in diversen Branchen in Gefahr (Juniors). Das wirke sich auch aufs eigene Recruiting aus. «Auch wir mussten wegen der KI die Anforderungen an unsere neuen Stellen deutlich erhöhen.» Früher dauerten einfache Recherchen, etwa für eine Präsentation, Tage. «Jetzt machen wir es schnell selber mit ChatGPT.»

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KI kann im Finanzwesen Prozesse übernehmen, nicht aber gewisse Aufgaben, die Verantwortung verlangen.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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