Als Aktien noch Kunst waren
Historische Wertpapiere erzählen von Industriali-sierung, Unternehmergeist und der Entwicklung des Finanzplatzes Schweiz. Das Schweizer Finanzmuseum macht Wirtschaft greifbar.
30. Juni 2026 Mark Gasser
Eine Entdeckungsreise durchs Finanzmuseum lohnt sich – allein schon aus kunsthistorischer Sicht oder der historischen Aktien wegen.
Eine Entdeckungsreise durchs Finanzmuseum lohnt sich – allein schon aus kunsthistorischer Sicht oder der historischen Aktien wegen.
Geld gehört nicht ins Museum. Könnte man meinen. Doch auch Geld hat Geschichte – und seine Formen sind oft überraschend faszinierende Zeitzeugen. Das Schweizer Finanzmuseum der SIX vermittelt die Geschichte und Funktionsweise des Finanzplatzes Schweiz anhand multimedialer Stationen und historischer Wertpapiere. Zum Auftakt erleben Besucher ein audiovisuelles Hörspiel, in dem sich der Nationalbank-Initiant Robert Comtesse und Eisenbahnpionier Alfred Escher über die Entwicklung des Finanzplatzes austauschen – moderiert vom römischen Gott Merkur. Interaktive Stationen, Touchscreens, historische Filmaufnahmen und multimediale Installationen erklären verständlich, wie Börsen funktionieren, wie Unternehmen Kapital aufnehmen oder wie sich der Zahlungsverkehr verändert hat. Fragen wie «Wann wurde der erste Schweizer Bancomat eingeführt?» oder «Wie läuft ein Börsengang ab?» werden praxisnah beantwortet.
Das Museum als Bildungsort in einer Zeit, in der digitale Währungen, Tokenisierung und neue Anlageformen die Finanzindustrie tiefgreifend verändern.
Kunstvolle Wertpapiere
Ein elementarer Ausstellungsteil führt durch die Wirtschaftsgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert und zeigt anhand historischer Aktien die enge Verbindung zwischen Finanzbranche und Industrialisierung. Und nicht nur das: Das eigentliche Herzstück des Museums ist die Sammlung historischer Wertpapiere.
Es ist die weltweit bedeutendste Sammlung historischer Aktien, zur Verfügung gestellt von der «Stiftung Sammlung historischer Wertpapiere», die allein einen Besuch wert sind. Die Sammlung umfasst rund 10 000 historische Wertschriften aus mehr als 150 Ländern – darunter signierte Dokumente von Persönlichkeiten wie Thomas Edison oder John D. Rockefeller.
Aktie einer portugiesischen Keramikfabrik von 1881.
Viele historische Wertpapiere waren mehr als Finanzdokumente. Renommierte Kupferstecher, Lithografen und Künstler gestalteten sie kunstvoll und machten sie zugleich zu Werbeträgern, die Vertrauen in Unternehmen schaffen sollten.
Zeitgeist auf Geldanleihen
Jede Epoche kennt ihr eigenes Lebensgefühl. Unterschiedliche Mentalitäten, kulturelle Besonderheiten und Symbolik formen den individuellen Stil. Dass dieser Stil sich auf Wertpapieren niederschlägt, verwundert nicht, denn schliesslich prägt auch die Wirtschaft den jeweiligen Zeitgeist. Beim Betrachten der Aktien und Anleihen ist nicht nur die Entwicklung des Wertpapierdesigns fassbar, es sind dies auch die Errungenschaften der Industrie und die Techniken, welche in die Gestaltung einfliessen.
Besonders im Jugendstil, um die Jahrhundertwende, entstehen einige der künstlerisch anspruchsvollsten Aktienzertifikate. Die Kunstschaffenden des
Jugendstils sehen damals keinen Unterschied zwischen «hoher Kunst» und der Gestaltung von Alltagsgegenständen. Sie sind vielseitig tätig – Malerei, Architektur, Kunsthandwerk oder Illustrationen. Neben der Gestaltung von Metroeingängen, Schmuck, Keramik, Büchern und Werbeplakaten widmen sie sich auch Wertpapieren. Diese Arbeiten bieten den Kunstschaffenden eine willkommene Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Gleichzeitig nutzen Unternehmen die Möglichkeit, sich mit den Namen renommierter Kunstschaffenden zu schmücken, die oft international ausgezeichnet waren.
Preussische Bergbau-Aktie aus dem Jahr 1858.
Nach dem Zweiten Weltkrieg schlägt sich dann im Wertpapierdesign der Trend zur Versachlichung nieder – «Corporate Design» und «Corporate Identity» werden zum Schlagworten. Mit zunehmender Digitalisierung wird das Aussehen der Wertpapiere zunehmend weniger wichtig, bis sie in den 2000er Jahren dann gänzlich in ihrer physischen Form verschwinden und an den Börsenplätzen der Welt rein digital gehandelt werden. Passend als «Nonvaleur» bezeichnet, sind die «historischen» Wertpapiere ab dann begehrte Sammelstücke, vor allem, wenn sie kunstvoll gestaltet sind.
Die traditionellen Wertpapiere mussten fälschungssicher angefertigt, geschützt aufbewahrt und bei Ablauf der Gültigkeit entwertet werden. An einer Station des Museums sind daher Werkzeuge, Objekte und Sicherheitssysteme der vordigitalen Ära zugänglich gemacht, welche durch die fortschreitende Entmaterialisierung des Zahlungsverkehrs ihren Zweck verloren haben.
Kunst macht Geld
Kunst ist weit mehr als Ästhetik: Ob als Anlage für Investierende, Teil von Sammlungen oder als Museumsstücke, Kunst hat eine intrinsische und materielle Wertigkeit – und zwar mit enormen Summen. Kunst hat auf diversen Ebenen mit Geld zu tun: beispielsweise als Anlagevehikel für private Investoren, als Investment für Sammlungen oder Museen.
Die Sonderausstellung «kunst.macht.geld» des Schweizer Finanzmuseums sieht auf den ersten Blick aus wie eine Kunstausstellung. Leinwände, wo man hin- und durchschaut. Im Fokus der Ausstellung stehen aber Markt, Macht und Geld. Denn Kunst ist nicht nur reine Ästhetik, weshalb das Scheinwerferlicht der Sonderausstellung auf die finanzielle Seite des Kunstmarkts gerichtet ist.
Die Ausstellung beleuchtet die Verflechtungen von Kunst und Finanzen und deren Entwicklung – insbesondere der Malerei – sowie die Parallelen zwischen Kunstmarkt und Börse. Doch der Kunstmarkt birgt auch Schattenseiten: Im Gegensatz zum Finanzmarkt ist er weitgehend unreguliert und darum der Kritik von Steuerhinterziehung und Geldwäsche ausgesetzt. Die Ausstellung wirft zudem einen Blick auf wichtige Trends der vergangenen Jahre, unter anderem die Digitalisierung und die Tokenisierung des Marktes.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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