Spitzensport und Berufslehre vereinen
«Spitzensport oder Berufslehre?» Die falsche Frage und oft der falsche Ansatz. Und genau diese Entscheidung kostet Karrieren, findet eine Ausbildungsexpertin.
23. Juni 2026 Zürcher Wirtschaft
Das schweizerische Bildungssystem zwingt junge Talente im Vergleich zu vielen anderen Sportnationen sehr früh dazu, sich beruflich zu orientieren, oder alles auf den Sport zu setzen. Gerade in einer entscheidenden Entwicklungsphase entsteht dadurch enormer Druck. Die Folge: Talente werden häufig mit der Frage konfrontiert, ob sie sich für Spitzensport oder Berufslehre entscheiden müssen.
Dabei schliessen sich diese beiden Wege nicht aus. Genau hier setzt Alexandra Enzler an. Sie verbindet über 30 Jahre Erfahrung in der Berufsbildung mit der Realität des Nachwuchsspitzensports und entwickelt Lösungen, die Leistungssport und Lehre nachhaltig vereinbar machen.
Gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Frage: Warum werden so viele junge Sportler fast automatisch in die sogenannte Sportlerlehre gelenkt, obwohl diese letztlich nichts anderes ist als ein schulisch organisiertes KV in vier Jahren? Während Praktikumsplätze immer schwieriger zu finden sind und die Digitalisierung klassische Administrationsberufe laufend abbaut, werden viele junge Talente in Ausbildungswege gelenkt, die sie ohne ihre Sportkarriere kaum gewählt hätten. Da stelle sich die Frage: Fördern wir mit der standardisierten «Sportlerlehre» tatsächlich nachhaltige Perspektiven oder produzieren wir neue Sackgassen?
Fragwürdige Standardlösungen
Aus ihrer Arbeit mit Clubs, Verbänden, Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen weiss sie: Nicht die Jugendlichen scheitern, sondern oft die Strukturen. Viele Programme setzen auf Standardlösungen wie klassische Sportlerlehren oder reine Lehrverlängerungen. Für manche funktioniert das, für viele jedoch nicht. «Die Suche nach Standardlösungen ist für Verbände oder Institutionen verständlich. Aber Talente brauchen oft individuelle Lösungen», sagt Enzler. «Bei den meisten Sportverbänden und Clubs sind ehemalige Spitzensportler in Positionen, welche die Bildungsverordnung und die Berufsbildung nicht kennen», so Enzler. «In der Bildungslandschaft und Swiss Olympic sind das oft Akademiker oder Sportstudenten, die versuchen, Konzepte zu entwickeln, von denen ich nicht glaube, dass sie die Bedürfnisse des Berufsmarkts treffen.»
Ausbildungsbetriebe sind offen
Gleichzeitig erlebt sie in Ausbildungsbetrieben erstaunlich wenig Widerstand. Die Bereitschaft, junge Spitzensportler zu unterstützen, sei häufig vorhanden. Die
Herausforderung liege vielmehr darin, Sport und Berufsbildung so zu koordinieren, dass Talente nicht zwischen beiden Welten aufgerieben werden. Gerade in Sportverbänden fehle oft das vertiefte Verständnis für die Berufsbildung und deren Möglichkeiten. Umgekehrt würden in der Bildungslandschaft Konzepte entwickelt, die den Anforderungen des Spitzensports oder des Arbeitsmarkts nicht immer gerecht werden.
Seit über sechs Jahren arbeitet Enzler selbstständig an dieser Schnittstelle und begleitet junge Talente praxisnah. Dabei zeigt sie konkret auf, wie individuelle Lösungen zwischen Sport, Betrieb und Schule möglich werden, statt junge Menschen in starre Modelle zu drängen.
Eishockeytalent Ramsauer
Wie wichtig solche Unterstützung ist, zeigt auch das Beispiel von Robin Ramsauer, Stürmer beim EHC Chur. Der Eishockeyspieler absolvierte eine Lehre und konnte erst drei Jahre nach Lehrabschluss vollständig vom Profisport leben. Rückblickend sagte er im Interview: «Ohne die Unterstützung hätte ich mich entscheiden müssen.» Genau darum geht es: Talente sollen nicht gezwungen werden, sich mit 15 oder 16 Jahren zwischen sportlicher und beruflicher Zukunft zu entscheiden.
«Mein Ziel ist, dass Talente ihre Lehre erfolgreich abschliessen und gleichzeitig im Sport ihr Potenzial ausschöpfen können, weil wir es uns sportlich wie fachlich gesehen in der Schweiz schlicht nicht leisten können, sie durch schlechte Strukturen zu verlieren.»
Zürcher Wirtschaft
Redaktion
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