Von der Ärztin zur KMU-Unternehmerin

Wer eine Arztpraxis neu eröffnen oder übernehmen will, sieht sich mit denselben Herausforderungen konfrontiert, wie viele andere KMU-Unternehmer. Eine sorgfältige Planung ist deshalb das A und O.

Bild zvg

Für Kreditvergaben bei Arztpraxen müssen einige Voraussetzungen erfüllt werden.

16 924 Arztpraxen und ambulante Zentren existieren in der Schweiz, rund ein Fünftel davon, nämlich 3400, im Kanton Zürich. Der Traum von der eigenen Praxis ist für viele Ärzte verlockend, als Hauptgründe werden «mehr Selbstbestimmung und Entfaltungsmöglichkeiten» genannt. Zugleich macht die Eröffnung oder Übernahme einer Praxis einen Arzt zum KMU-Unternehmer, mit allem, was dazugehört: mit der Ungewissheit, was ihn erwartet, mit finanziellen Risiken, mit einer anfänglichen Durststrecke, mit Zweifeln und unzähligen Überstunden. Ärzten geht es da nicht anders als Wirten, Handwerkern oder Detaillisten.

Vorbereitung ist existenziell

Damit der Sprung ins kalte «Unternehmer-Wasser» gelingt, ist vor allem eine sorgfältige Vorbereitung gefragt. Und diese fängt bei der Kreditvergabe an, denn ohne Kredit können sich die meisten Ärzte die Eröffnung einer eigenen Praxis nicht leisten. Da sich die Zahl der Einzel- und Gruppenpraxen in der Schweiz in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt hat, müssen für die Kreditvergabe jedoch einige Voraussetzungen erfüllt werden: So verlangen die meisten Banken Eigenkapital in Höhe von 10 bis 20 Prozent der Gesamtkosten. Wer eine neue, mittelgrosse Gruppenpraxis eröffnen will, braucht laut dem FMH Consulting Service (dieser berät Ärzte bei der Praxisgründung) insgesamt 1 Million Franken oder mehr. Einzelpraxen seien dagegen klar günstiger – ausser es müssten teure Geräte angeschafft werden.

Eine Frage des Standorts

Übernehmen Ärzte eine bestehende Praxis, hängt der Preis stark vom Standort und von der Region ab. So seien in manchen Bergregionen Praxen bereits für 10000 bis 20000 Franken zu haben. In Städten koste die Übernahme hingegen bis zu 15-mal mehr. Wen wundert es: Zürich gehört zu den teuersten Pflastern. Zugleich muss bedacht werden, dass die Wahl des richtigen Standorts ein massgeblicher Erfolgsfaktor für die Praxis ist. Der FMH Consulting Service rät deshalb, eine Markt- und Bedarfsanalyse durchzuführen. Hierbei müssten folgende Fragen ins Zentrum gerückt werden:

Schwierige erste Monate

Ist der Standort gewählt, die Finanzierung gesichert, die Praxis gekauft und eingerichtet, folgt meist eine anfängliche Durststrecke. Der Grund: Die Zahlungsfristen der Rechnungen müssen eingehalten werden, auch wenn noch keine oder wenig Einkünfte geflossen sind. Zugleich ist auch der Aufbau des Patientenstamms oftmals eine Zeitfrage. Im Vorteil liegen hier Ärzte, die eine Arztpraxis und damit auch einen Patientenstamm übernehmen. Und dennoch darf man sich auch dann nicht «ausruhen» und sollte sich überlegen, wie die Patienten am besten von der Übernahme in Kenntnis gesetzt werden – damit sie einem später auch erhalten bleiben. Wichtig für die Patientenakquise ist zudem ein durchdachter Aussenauftritt. Aussenbeschilderung, Webauftritt und Google-Business-Eintrag sollten in einem einheitlichen Corporate Design gehalten sein und Kontaktdaten sowie Öffnungszeiten klar kommunizieren.

Kostenkontrolle und Beratung

Eine, die den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat, ist die Zürcher Hausärztin Dr. med. Daniela Gut. Sie rät: «Wichtig ist, dass man immer die Kosten im Blick hat und sich beispielsweise vergegenwärtigt, dass zu hohe Kosten für Praxisräume auf Dauer zu Buche schlagen, da es sich ja um Fixkosten handelt.» Ein wichtiger Punkt sei auch die Versicherung. «Ich würde jedem raten, sich von Anfang an einen Versicherungsmakler zu nehmen. Auch bei der Buchhaltung und bei der Betreibung der Website macht es Sinn, diese extern in Auftrag zu geben!»

Personal – wichtig für Erfolg

Auf die Frage, welches für sie die grössten Herausforderungen bei der Gründung waren, muss sie nicht lange überlegen: «Das Personal! Wir haben damals noch inseriert, heute ist praxisstellen.ch die bekannteste Plattform, um medizinisches Personal zu finden. Leider ist es meiner Erfahrung nach so, dass es heute grundsätzlich schwieriger ist, gutes Personal zu finden.» Dabei ist das Praxispersonal mitverantwortlich für den langfristigen Erfolg und damit überlebenswichtig für eine Arztpraxis. Der Personalplanung kommt daher ein wichtiger Stellenwert zu. Vor der Praxiseröffnung sollten Ärzte deshalb eine Übersicht über die benötigten Angestellten für die Anfangsphase erstellen. Für die Bruttolohnhöhe kann man sich an vorhandene Erfahrungswerte halten oder öffentlich zugängliche Informationen der FMH oder SSO nachschlagen.

Anna Birkenmeier

Redaktion Zürcher Wirtschaft

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