Sommerhit: wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit

Ist auf uns Menschen kein Verlass, muss Technik es richten. Insgeheim hoffen wir, irgendein Geniestreich behebe grad noch rechtzeitig jeden Schlamassel. Toll ist etwa die Nachricht von der Wachsmotte Galleria mellonella: Sie frisst Wachs – und Plastik, was kein Wunder ist, denn Wachs ist eine natürliche Art von Plastik, chemisch ähnlich dem Polyethylen. Also: Motten züchten – Plastikberge gibt es genug.


Was ist mit dem übrigen Müll, all den leeren Flaschen nach nächtlichen Partys? Good news aus der ETH. Hier basteln Forscher am Roboter «Marc», der unterscheidet dank Algorithmen Algen von Pet-Flaschen und Metallbüchsen und fischt den Abfall aus der Limmat. Am Züri-Fäscht hatte er seinen ersten grossen Einsatz. Schluss mit der prähistorischen Idee, Menschen zu Anstand und Sorgfalt erziehen zu können. Stattdessen die Vorstellung einer Litteringgebühr. Mit ihr machen wir uns keine Illusionen mehr, glauben weder an Vernunft noch Gewissen. Verabschieden uns vom Glauben an die Bekehrung der Sünder, delegiert die Verantwortung an Räumungsagenturen. Ordnung muss sein. Schafft der Bürger sie nicht mehr, übernimmt der Staat – und kassiert.

Exemplarischer Schweinehund

Bei Verursachern? Bei Getränkekäufern, so die Idee, also bei mir, obwohl ich meine Flaschen ohne Tumult leere und ordentlich entsorge; ich würde behandelt wie Fussballfanrowdies und Street-Parade-Pinkelhorden. Als wäre die Flasche schuld an der öffentlichen Sauerei. Nicht eine Sorte Mensch. Der hat zwei Seelen, ach, in seiner Brust. Hält im Büro beängstigend propere Ordnung – und wird auf der Wochenend-Party am See zum exemplarischen Schweinehund. Gelegenheit macht Littering. Warum an der Seepromenade? Weil hier ein Abstand ist zwischen uns und den Folgen unseres Tuns. Daran sind nicht die Flaschen schuld, eher unsere nomadische Lebensart. Wozu ist der Mensch auf Erden? Einst: um sich zu bewähren – darum: kein Littering. Heute: um Party zu machen. Kürzlich hörte ich einen Nachrichtensprecher: «Weiterhin viel Spass!»

Litteringgebühr fördert die Illusion

Zum Spass mag vieles gehören – sicher nicht das Aufräumen danach. Den Dreck selber wegschaffen? Spiessig. Die Litteringgebühr verstärkt die Haltung: Wir sind Gäste, nach der Party ziehen wir weiter. Die Putzequipe wartet schon, die Rechnung bitte an die Getränkeindustrie. Littering wird zu einer Sünde, für die der Ablass schon bezahlt ist. Wir verhalten uns wie Kinder, die ihre Klamotten umso fleissiger verdrecken, je schärfer die Mütter darauf aus sind, sie sofort durch den Weichspüler zu jagen. So ticken Menschen. Wenn sie sehen, dass ohne Folgen bleibt, was sie anrichten. Eine Litteringgebühr fördert die Illusion der Folgenlosigkeit des Vermüllens. Der Dreck verschwindet ja stets und sofort, warum sollten wir um ihn kümmern? Es entsteht der Eindruck einer selbstreinigenden Gesellschaft. Irgendwie erlösend: Wir erleben die wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit.
Wäre es schlauer umgekehrt: Eine Zeitlang liegen lassen, was wir anrichten? Unausweichlich für Augen und Nasen?

Ludwig Hasler

Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch

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