Zwischen Verbrennern und E-Mobilität
Automarkt Schweiz: Längere Nutzungsdauer, hohe E-Auto-Preise, Unsicherheit bei der Wahl der Antriebsform und fehlende Ladeinfrastrukturen lähmen den Verkauf von Neufahrzeugen.
25. April 2026 Gerold Brütsch-Prévôt
Neue Mobilitätslösungen als Teil des Geschäftsmodells: Daniel Schaller von der Hutter Auto Gruppe will weiter denken.
Auf den Parkplätzen vieler Garagen stehen zahlreiche herausgeputzte und glänzende Autos – aber keiner will sie. Seit dem pandemiebedingten Einbruch vor rund fünf Jahren hat sich der Markt nicht mehr richtig erholt. Der Gesamtmarkt hat rund 20 Prozent verloren, seither stagniert er mehr oder weniger. Einzelne Garagen verloren, je nach Standort und Marke, bis zu 50 Prozent des Umsatzes.
Längere Nutzungsdauer
«Vor der Pandemie wurden in der Schweiz rund 300 000 Fahrzeuge verkauft, heute sind es noch rund 245 000», bringt es Daniel Schaller, Direktor Verkauf und Mitglied der Geschäftsleitung der Hutter Auto Gruppe in Winterthur, auf den Punkt. Einen Grund dafür sieht er im veränderten Nutzungsverhalten: «Die Fahrzeuge werden länger gefahren. Früher ersetzte man sie in der Regel nach vier Jahren, meistens mit dem Auslaufen des Leasingvertrags. Heute werden sie häufiger ausgelöst. Es gibt dadurch also nicht weniger Fahrzeuge auf den Strassen». Das sei aber für die Garagen nicht nur negativ. Die längere Nutzungsdauer sorge dafür, dass Werkstätten mit Service- und Reparaturarbeiten besser ausgelastet seien. Obwohl bereits ein Drittel der neu zugelassenen Autos reine Steckerfahrzeuge sind, sieht er im Ausbau der Lademöglichkeiten in den Liegenschaften weiteres Potenzial, um den Verkauf von E-Fahrzeugen weiter anzukurbeln.
Angebot erweitern
Für Schaller ist es aber auch wichtig, über den klassischen Autoverkauf hinauszudenken. Eine Garage soll daher nicht nur Fahrzeuge verkaufen, sondern auch innovative Mobilitätslösungen als Teil des Geschäftsmodells anbieten. Dazu zählen beispielsweise Autosharing, zeitlich flexible Mietoptionen oder andere Konzepte, die den Alltag der Kunden flexibler und nachhaltiger gestalten könnten.
Für den unbefriedigenden Abverkauf sorgen auch noch andere Hürden. Die Anschaffungskosten von E-Autos sind nach wie vor hoch und Fragen zu Batterierecycling oder Umweltbilanz verunsichern Konsumentinnen und Konsumenten. Laut einer Studie des Meinungsforschers Sotomo nennen über 50 Prozent der Befragten den Preis als entscheidenden Faktor, weitere 50 Prozent sehen Umweltbedenken bei Batterien als problematisch. Zu Unrecht, was den Preis betrifft: E-Fahrzeuge sind im Betrieb deutlich günstiger als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Strom kostet pro Kilometer in der Regel weniger als Benzin oder Diesel, und auch die Wartung fällt aufgrund der einfacheren Technik tiefer aus. Über die gesamte Nutzungsdauer hinweg können sich die höheren Anschaffungskosten dadurch relativieren – insbesondere bei den derzeit steigenden Treibstoffpreisen.
Unsicher bei der Antriebswahl
«Ein Grund ist sicherlich die Unsicherheit bei der Wahl des Antriebs. Viele wissen nicht, ob sie sich für einen Benziner, einen Hybrid oder ein E-Fahrzeug entscheiden sollen, deshalb warten sie ab», meint Christian Müller, Inhaber der Ford Garage Wehntal in Steinmaur. Er sieht aber keinen Grund abzuwarten. Seine Empfehlung: Wer sich etwas Gutes tun möchte, sollte jetzt auf ein E-Fahrzeug umsteigen. Die Fahrzeuge seien technisch ausgereift, die Batterietechnologie zuverlässig, und auch die Reichweite sei heute kein Problem mehr. «Mit rund 500 Kilometern und mehr pro Ladung müssen 90 Prozent der Autofahrer in der Woche nur einmal laden», ergänzt Müller. Viele Fahrzeughalter schätzten allerdings ihre Verbrenner, kennten das Handling und die Reichweite und sähen keinen unmittelbaren Bedarf, ein neues Fahrzeugt anzuschaffen. Und die unsichere geopolitische Lage sei auch nicht gerade motivierend, viel Geld auszugeben, wenn es nicht unbedingt nötig sei.
Nachfrage nach E-Autos steigt
Hat der Krieg im Iran und damit die unsichere Versorgungslage einen Run auf E-Fahrzeuge ausgelöst? Die Nachfrage nach E-Autos ist tatsächlich gestiegen. Die Neuzulassungen von batterieelektrischen Autos legten im März, also dem ersten vollen Monat nach der Eskalation, im Vergleich zum Vorjahr um 21,7 Prozent zu, die von Plug-in-Hybriden um 38,1 Prozent. Ausgelöst wurde laut Daniel Schaller auch ein Boom auf Occasions-E-Fahrzeuge, da diese eine kostengünstige Variante für individuelle Mobilität seien. Die gesamten Neuzulassungen von Personenwagen stiegen dagegen nur um 7,2 Prozent auf 23 010 Fahrzeuge an.
Schweiz hinkt hinterher
Die Schweiz hinkt im internationalen Vergleich hinterher, trotz Kaufkraft und politischer Unterstützung. In Ländern wie Norwegen, wo staatliche Anreize hoch, Ladeinfrastruktur dicht und Vorschriften verbindlich sind, wechseln Konsumenten deutlich schneller zu E-Fahrzeugen.
Ein zentrales Hindernis für die Verbreitung von Elektroautos in der Schweiz liegt dort, wo die meisten Fahrzeuge stehen: zu Hause. Vor allem in Mietwohnungen fehlt oft die nötige Ladeinfrastruktur. In vielen Tiefgaragen und Einstellhallen von Mehrfamilienhäusern sind Ladestationen noch immer die Ausnahme – für viele wird der Umstieg auf ein E-Auto dadurch unattraktiv. Häufig verweigern Vermietende oder Eigentümergemeinschaften den Einbau privater Ladestationen. Ohne Lademöglichkeit kein Umstieg. Im europäischen Vergleich bietet die Schweiz derzeit die schlechtesten Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der E-Mobilität.
Gerold Brütsch-Prévôt
Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft
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