«Wir haben das Bildungsboot weit überladen»
An der Präsidentenkonferenz des KGV übte Gastreferent Carl Bossard harsche Kritik am Zustand der Volksschule: Reformdichte, Überfrachtung der Lehrpläne und ein verändertes Rollenverständnis der Lehrpersonen hätten zu einem Leistungsrückgang bei grundlegenden Kompetenzen geführt.
25. März 2026 Mark Gasser
Carl Bossard visualisierte, was er unter der «Dialiktik in der Ausbildung» verstand, während er lebhaft Kritik an Fehlentwicklungen in der Schule übte
Carl Bossard visualisierte, was er unter der «Dialiktik in der Ausbildung» verstand, während er lebhaft Kritik an Fehlentwicklungen in der Schule übte
Die Volksschule hat sich verirrt – davon ist Carl Bossard überzeugt. Statt Grundlagen zu stärken, verliere sie sich in Reformen, Ideologien und immer neuen Aufgaben. An der Präsidentenkonferenz des KMU- und Gewerbeverbands Kanton Zürich im «Belvoir» in Rüschlikon übte der Bildungsexperte vor rund 90 Vertreterinnen und Vertretern aus Gewerbe und Berufsverbänden scharfe Kritik. Bossard, heute Publizist, Bildungsberater und Referent, war lange Zeit im Bildungswesen tätig, etwa als Rektor der kantonalen Mittelschule in Nidwalden sowie der Kantonsschule Luzern.
Bossard sieht insbesondere einen Leistungsrückgang bei zentralen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Ursache sei unter anderem eine Überfrachtung der Lehrpläne sowie ein Trend hin zu zu viel selbstorganisiertem Lernen. Kinder würden zu früh sich selbst überlassen, während die wichtige Rolle der Lehrperson als klare Führungsperson geschwächt worden sei.
«Gerade schwächere Kinder brauchen am Anfang viel mehr Führung, Anleitung, Ermutigung.»
Carl Bossard, Bildungsexperte
So forderte er, angelehnt an Hegel, eine «Dialektik der Unterrichtsprozesse». Seit Jahren werde im Schulwesen Einseitigkeit propagiert: Die Welt kranke überhaupt an der Vereindeutigung – es werde immer nur eine Lösung propagiert. Dabei brauche es Widersprüche, Reibung, eben: Dialektik. Das heisse auch, sich durch Vorbilder zu kultivieren. Lernen, Denken, Problemlösen geschähen sozial, also im Dialog – bevor wir autonom denken und handeln. «Wir haben in der Schule eine hohe Autonomie-Illusion.» Das pure Gegenteil werde heute zelebriert: Kinder müssten sich in Lernateliers das Alphabet selber beibringen, Lehrer würden nur noch als Coach und Lernbegleiter gesehen. «Und das hat Folgen.»
Der aktuelle integrative Ansatz habe Kollateralfolgen: Lernen aufbauen, verstehen, festigen, üben, anwenden brauche Kontinunität und Kohärenz. «Die Wissenschaft spricht von Tropfendidaktik.» Im Gegensatz herrsche aktuell ein Gewusel, ein Zuviel an Lehrpersonen in den Klassen, eine Fragmentierung.
Kritik an Bildungsdirektoren
Bossard adressierte seine Kritik an die höchsten Bildungspolitiker: Die Eidgenössische Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) bringe nicht die Kraft auf, etwas in Bewegung zu setzen. Die aktuelle Bildungswelt sei über Bürokratisierung manövrierunfähig geworden, dabei hätten wir in stürmischer Reformflut den Kompass vergessen, die Zielkoordinaten aus den Augen verloren, kurzum: «Wir haben das Bildungsboot inhaltlich weit überladen.»
Die Bildungsverantwortlichen hätten mit der «Zerdehnung» der Schule durch immer mehr Inhalte das Gesetz von den nicht beabsichtigten Nebenwirkungen vergessen. «Wenn wir etwas ausdehnen, reduziert sich etwas», so Bossards physikalische Veranschaulichung. Damit meinte er: die Zeit fürs Festigen, fürs Automatisieren, fürs Üben – die grundlegenden Prozesse beim Lernen – fehle zunehmend. «Das gilt besonders für die Grundfertigkeiten im Lesen, Rechnen, Schreiben.» Und: «Wenn man die Freiheiten ausdehnt, reduziert sich die Sicherheit, der Halt, die Struktur.» Im Zentrum seiner Kritik steht eine aus seiner Sicht verlorene Balance: Mehr Freiheit im Unterricht habe zu weniger Struktur geführt, mehr Inhalte zu weniger Zeit für Übung und Vertiefung. Dabei seien gerade Übung, Verstehen, Sprache und klare Anleitung die entscheidenden Grundlagen erfolgreicher Bildung.
Das wüssten die Bildungsdirektoren, aber sie handelten nicht – einzelne Kantone unternähmen vage Schritte. Beispiele sind etwa die geplante Abschaffung des Frühfranzösisch im Kanton Zürich und eine entsprechende Motion im Kanton Schaffhausen.
Back to the Basics
Doch wie kommen wir flächendeckend zu einer Schule, die wieder zurück zu ihren Grundtugenden findet? Bossards Forderungen: ein reduzierter Lehrplan mit Fokus auf die genannten Basics; die Entlastung der Primarschule von den Fremdsprachen und Fokus auf nur eine zweite Landessprache ab der 5. Klasse; die bedarfsgerechte (teil-)separative Beschulung; mehr Freiheiten für die Lehrpersonen und genügend Zeit für einen konzentrierten, auch geleiteten, gemeinsamen Unterricht; praxisorientierte und ideologiefreie Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen.
Lehrvertragsfähig zu sein heisst folglich für ihn: lebens-, lern- und urteilsfähig werden. «Das ist der Kern unseres Bildungsauftrags und der wahre Massstab unserer Schule.»
«Wir haben zu wenig Einfluss in den Bildungsstäben.»
Carl Bossard, Bildungsexperte
«Gerade schwächere Kinder brauchen am Anfang viel mehr Führung, Anleitung, Ermutigung», meinte er auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum zu sprachlich benachteiligten Migrantenkindern, die oft nicht in Berufen landeten, die ihren Fähigkeiten entsprächen. Die einstigen Reallehrer sehe er deswegen als Helden der Bildungsfront: Realschulkinder wurden eng betreut, geführt, gefördert. «Sie wurden nicht einfach mit selbstorientiertem Lernen sich selbst überlassen.» Damit habe man ihre Chancengleichheit eher reduziert. «Sie müssen geführt werden, bis sie selbständig werden. Autonomie ist nicht der Weg, Autonomie ist das Ziel. Wir verwechseln oft Ziel und Weg.»
Integration als Ideologie
Erneut adressierte Bossard die mutlose Erziehungsdirektorenkonferenz: Erziehungswissenschaftlich und lernpsychologisch wisse man, dass man nicht alle Kinder gleichzeitig kontinuierlich ausbilden könne. Die Kraft in der EDK reiche nicht, um eine Bildungswende herbeizuführen, die eine Reduktion auf Grundfertigkeiten und Grundfähigkeiten durchsetze. «Wir haben zu wenig Einfluss in den Bildungsstäben.» Die Pädagogischen Hochschulen hätten wie die Bildungsverwaltung Definitionsmacht über die Schule bekommen. Viele Bildungsdirektionen seien diesen Bildungsstäben ausgeliefert. «Integration ist das Ziel und nicht Voraussetzung für gutes Lernen. Das verwechseln wir oft. Aber Integration ist zur Ideologie geworden mit Unterzeichnung der Salamanca-Verträge zur inklusiven Bildung. Ob man das wieder wegbringt via Bundesgerichtsentscheid, weiss ich auch nicht.»
KGV-Geschäftsführer Thomas Hess stellte die Parolen des Verbands für die Abstimmungen vom 14. Juni vor.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
Info
KGV-Parolen zu den Abstimmungen vom 14. Juni
Thomas Hess, der Geschäftsführer des KGV, präsentierte die Abstimmungsparolen für den 14. Juni. Im Fokus standen drei kantonale Wohninitiativen, die schwer auseinanderzuhalten seien. Der KGV lehnt sowohl die von Links-Grün lancierte Wohnschutz-Initiative als auch die Wohnungsinitiative ab, da beide einen zu starken staatlichen Eingriff in den Wohnungsmarkt und das Eigentumsrecht darstellten. Als warnendes Beispiel für Erstere verwies Hess auf negative Erfahrungen mit der Wohnungsinitiative im Kanton Basel-Stadt. Aus strategischen Gründen empfiehlt der Verband bei beiden den Gegenvorschlag, der bei Letzterer das Thema Leerkündigungen bei grösseren Bauprojekten aufnimmt.
Unterstützung erhält hingegen die Wohneigentums-Initiative des HEV, welche die Förderung von selbstgenutztem Wohneigentum stärken will. Bei viel diskutierten Nachhaltigkeitsinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» der SVP beschloss der Vorstand die Nein-Parole – trotz Anerkennung der zugrunde liegenden Problematik.
Abschliessend informierte Hess über zwei Veranstaltungen des Fördervereins, bei denen am 26. Mai der Politologe Michael Hermann und am 21. Oktober Bundesrat Martin Pfister referieren werden.
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