Strategischer Erfolgsfaktor Energie und geistige Mobilität
Geistige Mobilität ist keine Tugend unter vielen. Sie ist die Voraussetzung für alles andere. Wer die Welt von gestern mit den Konzepten von vorgestern erklärt, darf sich nicht wundern, wenn er des Öfteren in der Zukunft falsch liegt.
Nehmen wir die Technologie. Die digitale Infrastruktur, auf der unsere Wirtschaft, unsere Kommunikation und unser Alltag beruhen, ist heute zu einem beängstigenden Grad in amerikanischer Hand. Clouds, Halbleiter, KI-Plattformen, Betriebssysteme: made in USA, oder zumindest von dort kontrolliert. Das ist kein Zufall – es ist das Ergebnis von Jahrzehnten amerikanischer (militärischer) Innovationsführerschaft und europäischer Selbstgefälligkeit. Doch das Fenster für eine echte Alternative öffnet sich gerade: Europa und Asien investieren massiv in eigene Chipfertigung, in souveräne KI-Modelle, in dezentrale Netzwerkarchitekturen. Die Frage ist nicht, ob es eine Gegenmacht zur US-Dominanz geben wird, sondern ob die Schweiz dabei ist oder wieder nur zuschaut.
Ähnliches gilt für die Ressourcenfrage. Die Energiedebatte in der Schweiz dreht sich noch immer um die Achse «Solar und Wind gegen Kernkraft», als wäre die Zeit seit Fuku-shima stehengeblieben. Dabei hat sich die Welt weitergedreht: Kleine modulare Reaktoren (SMR) versprechen massgeschneiderte, skalierbare Kernkraft ohne die Kolossalrisiken der alten Reaktorgenerationen. Fusionsenergie, lange belächelt, rückt mit privaten Milliarden-Investitionen und konkreten Zeithorizonten in die Realität vor. Wer Kernkraft für erledigt hält, hat die Entwicklung der letzten fünf Jahre schlicht nicht verfolgt. Das ist kein Vorwurf, es ist ein Befund.
Und dann ist da die Verteidigung. Die Schweiz diskutiert Drohnen so, als wären sie ein exotisches Nischenthema. Dabei haben die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten in aller Schärfe gezeigt: Drohnen sind nicht die Zukunft des Krieges, sie sind seine Gegenwart. Schwärme autonomer Kleinstdrohnen, KI-gestützte Aufklärung, elektronische Kriegsführung, das sind keine Science-Fiction-Szenarien, das sind dokumentierte Realitäten auf europäischem Boden. Wer die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz ernsthaft debattieren will, muss diese Entwicklungen nicht nur kennen, sondern durchdenken. Strukturen und Beschaffungsprozesse, die auf die Bedrohungslagen der 1990er Jahre zugeschnitten sind, schützen im Jahr 2026 niemanden.
Was all diese Felder verbindet, ist das zentrale Defizit: die geistige Mobilität unserer Politik. Es braucht keine Hellseher in Bern, es braucht Politiker, die sich proaktiv und mit echtem Gestaltungswillen auf das Wissen von Experten – welche in allen Bereichen bei uns vorhanden wären – einlassen, bevor Entwicklungen eingetreten sind, nicht danach. Wer erst reagiert, wenn die Lage unübersehbar ist, hat bereits verloren. Geistige Mobilität beginnt mit einer einfachen Entscheidung: unbequeme Fragen zulassen, und die Antworten ernst nehmen.
Bruno Sauter
Unternehmer, Konsulent und ehemaliger Chef des kantonalen Amts für Arbeit (AWA)
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