Laufen lernen in Handan

Wenn der Bürgermeister der chinesischen Provinzstadt persönlich eine Handelsdelegation ankündigt, wird der rote Teppich ausgerollt – buchstäblich. So zeigte sich das nordchinesische Handan von seiner besten unternehmerischen Seite. Gleichzeitig war der Tagestrip ein Crashkurs in Business-Rhetorik und -Ritualen.

Bild Mark Gasser

Morgendlicher Besuch beim Hersteller von Kupferkabel, der Zhufeng Cable Daming Co. mit rund 1500 Mitarbeitenden.

Morgendlicher Besuch beim Hersteller von Kupferkabel, der Zhufeng Cable Daming Co. mit rund 1500 Mitarbeitenden.

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Näherin in der Textilfabrik Huizheng Garment.

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Näherin in der Textilfabrik Huizheng Garment.

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Im Fabrikladen der Textilfabrik Huizheng Garment.

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Auf Erkundungstour beim Hersteller für Verpackungsmaschinen.

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Auf Erkundungstour beim Hersteller für Verpackungsmaschinen.

Den Bewohnern der nord-chinesischen Stadt Handan, bekannt für ihre vielen Redewendungen, wird gemäss Überlieferung nachgesagt, dass sie für ihren eleganten Gang herausstechen. So reisten junge Leute aus dem benachbarten Königreich Yān einst an, um so gehen zu lernen wie die Bewohner von Hándān. Vergeblich – ihr Gang blieb plump. Doch damit nicht genug: Als sie beschlossen, heimzukehren, hatten sie sogar vergessen, wie sie selbst liefen, und kehrten auf allen Vieren zurück. So entstand die Phrase «in Handan laufen zu lernen» – ein geflügeltes Wort dafür, andere blind zu imitieren.

Nun, von Blindheit kann man bei der chinesischen Fähigkeit, andere Völker weltmeisterlich zu kopieren, nicht sprechen. Im Gegenteil. Nicht umsonst ist gemäss Switzerland Global Enterprise, der offiziellen Schweizer Exportförderorganisation, vor dem Schritt in den chinesischen Markt eine der zentralen Fragen: Wie viel Technologie soll zum Partner transferiert werden? Passend dazu sagt Raphael Zumsteg-Yuan, Vizepräsident der schweizerisch-chinesischen Handelskammer SwissCham: «Die Chinesen sagen von sich, dass sie nicht nur die Weltbesten sind im Kopieren, sondern auch darin, ein Produkt nachher noch besser zu machen». Etwas diplomatischer ausgedrückt, wurde auf unserer zwölftägigen Reise mit dem «Swiss China Center» durch rund 10 chinesische Metropolen oft von chinesischer Lernbereitschaft gesprochen.

Aber zurück nach Handan. Diesmal sollte es an uns beiden Europäern, dem Redaktor der «Zürcher Wirtschaft» und dem österreichischen Bauunternehmer (und möglichen Wasserexporteur) liegen, «in Handan gehen zu lernen». Zwar kehrten wir nicht auf allen vieren zurück ins Hotel an jenem Abend in Handan. Aber ähnlich dem geflügelten Wort, traf auch auf uns zu: Von der angestrebten «Eleganz», chinesische Unternehmenskultur, Schaffenskraft und Umgangsformen bei diesem Tempo zu lernen, blieb das Exerzierte höchstens Stückwerk. Das Kopieren der chinesischen Gepflogenheiten machte es nicht besser: Wann das Glas zu heben war, wie die Begrüssungsrituale auszusehen hatten, wie dem Gegenüber Respekt zu zeigen war, blieb noch Stückwerk auf dem Zwischenstopp während wir von Termin zu Termin hasteten.

James Wong ist stellvertretender Direktor des Auswärtigen Amts in der südchinesischen 10-Millionen-Stadt Handan. Er ist gleichzeitig der beauftragte Standortförderer, der sich dem Schweiz-österreichisch-chinesischen Dreiergrüppchen annimmt. Und der Vertreter der Stadt, in der Xiaoying Jaun-Li vom Swiss China Center aufgewachsen ist, ist ambitioniert: Sechs Termine hat er in Handan und Umgebung organisiert, die meisten davon Firmenbesuche mit verhältnismässig gigantischen Empfangsdelegationen und entsprechend viel Personalaufwand. Der Bürgermeister persönlich soll auf Anfrage von James Wong die Empfänge verordnet haben, welche teilweise mit roten Teppichen und Bannern die als «Handelsdelegation» angekündigte Gruppe empfängt. Man legt hier viel Wert auf mit gegenseitigem Respekt getränkte Ansprachen, die in unserem Fall jeweils simultan übersetzt wurden.

Kupferkabel und Kleider

Zwischen hilfsbereiter Gastfreundschaft, gut gemeinten Übersetzungsversuchen und sanfter Kontrolle begehen wir allein an jenem Vormittag in Daming, das politisch im Kreis der rund 100 Kilometer entfernten Stadt Handan liegt, die Fabrikhallen je eines Herstellers von Kupferkabeln (Zhufeng Cable Daming Co.) mit 1500 Mitarbeitenden, Kleidern (Huizheng Garment) und von Verpackungs- und Abfüllmaschinen (Y.C.T.D. Packaging Machinery Co). Bei ersterer sitzen reihenweise Textilarbeiterinnen mit halbautomatischen Nähmaschinen vor einem Berg an bunten Stoffen, die sie Stück für Stück zu Hemden oder Jeans verarbeiten. Ventilatoren summen in der riesigen, hellen offenen Halle ebenfalls an jedem Arbeitsplatz. Viele Textilien, die weltweit getragen werden, kommen aus China.

So wird die kleine Delegation mit grossem Anhang durch die Areale der Vorzeigebetriebe gekarrt. Der österreichische Bauunternehmer Albert Möderndorfer, der im Hinblick auf einen möglichen Trinkwasserexport auf Entdeckungsreise in China ist, wird in der Fabrik für Verpackungs- und Abfüllmaschinen hellhörig. Er möchte in China Kärtner Alpenwasser vermarkten. Bis zu 84 000 Flaschen könnten mit ihren Maschinen pro Stunde abgefüllt werden, meint der Betriebsleiter. Auf dem rund 130 000 Quadratmeter grossen Areal werden auch Anlagen zum Palettieren und Vakuumverpacken zusammengebaut – mit deutscher DNA der Firmen KUKA (intelligente Roboter) und Krones (Fülltechnik und Verpackungsmaschinenbau).

Am Nachmittag folgen drei weitere Termine, darunter ein Empfang im Provinzspital, dem Handan Central Hospital, mit total fast 2800 Patientenbetten und rund 3700 Mitarbeitenden. Von der erst im Frühjahr 2023 aufgehobenen Zero-Covid-Politik und dem allgemeinen Zustand des Gesundheitssystems ist nicht die Rede. Doch die ausschweifenden Ansprachen im Sitzungszimmer lassen tief blicken: Der Respekt vor den westlichen – und insbesondere schweizerischen – Errungenschaften in der Medizin ist gross. China holt aber in grossen Schritten auf, dies gilt vor allem bei der Medizintechnik. Durch seine wachsende Mittelschicht, die voranschreitende Urbanisierung und die alternde Bevölkerung gilt das noch immer zweistellig wachsende Absatzpotential für Medizintechnik aller Art in China als riesig.

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Grosser Empfang (einer von vielen) im «Beauty Hospital».

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Im Provinzspital der 10-Millionen-Stadt Handan.

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Jungbrunnen in Pulverform.

Gemäss Switzerland Global Enterprise sind neben der erwähnten Vorsicht beim Technologietransfer weitere Punkte zu bedenken, über die sich KMU aus dem Medizintechnik-Bereich klarwerden müssen, bevor sie in China starten: Welcher regulatorische Pfad muss beschritten werden und sind vorgängige klinische Studien erforderlich? Wie sind öffentliche Ausschreibungsprozesse anzugehen? Will das KMU allein starten und geht naturgemäss mehr Risiken ein, oder will es mit einer eigenen Gesellschaft vor Ort oder mit einem chinesischen Partner die Produktion lancieren?

Die Pille ist sehr gut, um den Kater zu vermeiden. Nehmen Sie das am Abend vor dem Trinken ein.

Mitarbeiterin bei Bontac, Shenzhen

Wegen eingeschränkter Deckung des öffentlichen Gesundheitssystems – Implantate und aufwändige Behandlungen chronisch kranker Patienten werden etwa kaum gedeckt – finden Hersteller von Medizintechnik-Geräten mehr Absatz als solche von Implantaten. Gleichzeitig wächst ein zweites, rein privat finanziertes System, in dem hochpreisige Güter nachgefragt werden. Hochpreisig sind auch gewisse Medizinalprodukte für kosmetische Zwecke. Zu diesen gehören etwa die Biochemiefirma Bontac, welche wir bei einem Abstecher in Shenzhens Industriezone kennen lernen. Es ist eine der weltgrössten Lieferanten gewisser Koenzyme für Anti-Aging-Produkte.

Auf Verjüngungstour

Xiaoying Jaun-Li, die Reiseorganisatorin vom Swiss China Center, ist auch eine Vollblutunternehmerin: So bietet sie mit ihrer Firma Aletsch Med aus Rickenbach TG Medizintourismus (Checkups oder auch Krebsbehandlungen) für chinesische Kunden an und arbeitet mit Kliniken wie Hirslanden zusammen. Doch in Shenzhen ist sie für ihr Zürcher KMU in der Beauty-Branche, Swisskin Clinic AG auf Produktesuche. So trifft sie eine Chemikerin des Rohstoff-Lieferanten Bontac für Anti-Aging-Produkte, um die hier durch Fermentierung NMN-Moleküle (Nikotinamid-Mononukleotid) hergestellten Koenzyme in Pulverform möglicherweise in die Schweiz zu liefern und zu einem Schönheitsprodukt weiter verarbeiten zu lassen. «Wir möchten klinische Tests machen lassen, um das Produkt später online oder via Apotheken zu verkaufen», sagt Jaun-Li. Gewisse Produktionsschritte für Beauty- und Wellness-Produkte sind in der Schweiz aus regulatorischen Gründen nicht möglich, andere wiederum in China verboten.

Wir erhalten auch ein Muster des Wirkstoffes in Tablettenform. «Sehr gut, um den Kater zu vermeiden. Nehmen Sie das am Abend vor dem Trinken ein», meint eine Mitarbeiterin von Bontac zum verdutzten Redaktor. Wir schaffen es zwar, trotz vielen standesgemässen Trinkritualen einen Kater zu vermeiden, doch klingt die regenerative Kraft des Stoffes – hier in Tablettenform – verlockend. Offenbar war die Entdeckung, dass das Anti-Aging-Nahrungsergänzungsmittel den Kater lindern und die Leber schützen kann, eher zufällig.

Karaoke ohne Kater

Zurück nach Handan. Eher zufällig kam auch unser Abendprogramm zustande – einer von wenigen nicht durchgetakteten Abenden. Nebst einem formellen Nachtessen mit Vertretern von Regierung, Hotelleitung und Spital folgt der informelle Höhepunkt: Ein obligater Besuch in einer der vielen Karaoke-Bars. Die Verjüngungspille inklusive Kater-Prophylaxe war dann nicht nötig: Durch unseren hochrangigen Begleitschutz blieb ein Rest Seriosität im Raum – buchstäblich.

Den chinesischen Markt hat auch die Schönheits- und Wellnessbranche längst erobert. Ein Abstecher in eine 2018 eröffnete Filiale einer Schönheitsklinik, das Handan Huamei Medical Beauty Hospital lässt die Gruppe im Vorbeigehen wissen: «Chinesinnen können sich Schönheit leisten.» In China seien gerade dermatologische Behandlungen hoch im Kurs, meint eine leitende Angestellte auf die entsprechende Frage. Kurzum: Die Schönheitsindustrie litt zwar stark unter Corona, sei aber ein «Markt mit Zukunft».

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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