Karl Lüönd, der Journalist als Erzähler

Nachruf

Eben feierten wir noch seinen 80. Geburtstag, im «Strauss» in Winterthur. Karl Lüönd im tadellos schwarzen Anzug, weisses Hemd, silberne Krawatte. Flankiert von Walter Frey, umgeben von Medienlegenden Hildegard Schwaninger, Fibo Deutsch, Suzanne Speich. Kari – in jeder Hinsicht eine Wucht, der Herrscher im Raum, alle und alles stets im Auge, spendabel und geniesserisch, der Jubilar blickt mit Genugtuung auf seine 80 Jahre. Am 12. Mai 1945 in Flüelen geboren, Arbeitermilieu, beginnt als Gymnasiast zu schreiben, 1974 Chefredaktion «Blick», 1980 Chefredaktor «Züri Leu», gründet 1982 die «Züri Woche», leitet ab 1998 das Medieninstitut des Verlegerverbandes, schreibt 30 Sachbücher – über den Ringier-Verlag, das Zürcher Kinderspital, die Sterbehilfe Exit.

«Blick» war kein Zufall. Nur er interessierte sich damals für Geschichten, die das Leben so schreibt. Und Karl interessierte, was Menschen bewegt: das alltägliche Drama von Angst und Wut, Staunen und Mitleid, Hass und Schadenfreude. Das Kreatürliche an Menschen halt, nicht was sie politisch so meinen. Das hatte etwas boulevardesk Befreiendes, Anarchisches, und da war Karl daheim, das machte ihm (und andern) grossen Spass. Wenn er dann in «Züri Leu», «Züri Woche» und später (bis 2020) die «Zürcher Wirtschaft, lustvoll gegen das Linke und Urbane schrieb, dann weniger, weil es ihm parteipolitisch nicht passte; es war ihm einfach zu saftlos, zu abgehoben, kein Stoff für Erzählungen. Gewiss war seine Tonart bürgerlich, schon weil er die Realität attraktiver fand als Visionen. Stramm bürgerlich konnte er nie werden, zu sehr mochte er Querschläger und Spinner.

Privat unterhielten wir uns nie über Trump oder die EU oder KI. Kari war auch da auf dem Laufendem, aber die Munitionsfabrik, in der sein Vater gearbeitet hatte, war einfach unendlich spannender. Erst recht die Winkelzüge der Publicitas, über die er grad ein Buch schrieb. Wenn er damit mal begann, dauerte es. Ein fast antiker Rhapsode, jedes Detail abrufbar, seine Sprache eher kurzangebunden, klar, direkt, immun gegen Moden und vorgestanzte Vokabeln. Umso farbiger lebten die Geschichten auf. So porträtierte der Buchautor all die Unternehmer: Karl Schweri und Denner, die Blochers und die Ems-Chemie, Emil Frey, Walter Reist, die Baloise. In ihrem Kreis fühlte er sich im Element.

Er sah die Welt selber unternehmerisch, stets mit der Frage, was wir anstellen könnten – mal ein Buch (über Anwälte, 2005), mal eine Sonntagszeitung («Neues Sonntagsblatt», 1986). Kari, der Anreger, rare Mischung von Ideenfülle und Pragmatismus. Als Jäger traf er stets – auch mit seinem Magazin «Jagd & Natur». «Das Gewissen der Branche» nannte man ihn. Nun, er war ein Meister im detailrealistischen Hinsehen und gründlichen Wissenwollen. Aus gewissenhafter Pflicht? Eher aus Erzähllust. Wer so vital interessiert ist an der Farbigkeit seiner Geschichten, braucht keine Sonderethik, er wird noch der kleinsten Figur von selbst gerecht. Danke, Kari! Gute Zuhörer da oben!

Ludwig Hasler

Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch

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