Generationen im Fokus im Unterland
Der erste Anlass des Berufsbildungsforums Zürcher Unterland Flughafen vom 22. Januar in Watt bei Regensdorf brachte die Generationenfrage aufs Tapet – frisch verpackt in viele Praxisbeispiele und frei von Klischees.
17. Februar 2026 Mark Gasser
Berufsbildungsexpertin Vera Class liess das Publikum mitdiskutieren.
«Unterschiede der Generationen – Herausforderungen und Chancen in der Berufsbildung.» Unter diesem Motto führte das Berufsbildungsforum (BBF) Zürcher Unterland Flughafen im Hotel Thessoni in Watt bei Regensdorf seine erste grössere Veranstaltung durch. So will das BBF seinen Bekanntheitsgrad steigern. Das schien zu gelingen: Präsident Urs Müller begrüsste einen vollen Saal, darunter rund zwei Fünftel Mitglieder des BBF – was auf einige Neumitglieder unter den Gewerblern, Ausbildnerinnen und HR-Verantwortlichen hoffen liess. Die Bezirksgewerbeverbände Dielsdorf und Bülach organisierten den Anlass mit.
Müller leitete über zum Input-referat von Vera Class, Berufsbildungsexpertin und mitunter Spezialistin für wertschätzende Kommunikation unter Führungs-
kräften. Sie stellte klar, dass sie die «Unterschiede der Generationen» eher fluid und nicht kategorisch betrachtet – quasi als Produkte sich wandelnder gesellschaftlicher und kultureller Herausforderungen und Umweltprägungen, etwa von neueren Errungenschaften wie dem Smartphone. Das wiederum färbe auf die Berufsbildung ab – in dieser müssten gerade Ausbildner bereit sein, stets die Perspektive zu wechseln und selbst zu lernen, um als soziale Schaltstellen Orientierung zu geben.
Publikum diskutiert mit
Das Publikum wurde nicht aufs passive Zuhören reduziert: «Bei mir muss man mitmachen, man kann sich nicht nur berieseln lassen. Es gibt einen Unterschied zwischen Hirnnutzern und Hirnbesitzern», so Class. Sie bat die Anwesenden, mit den Sitznachbarn zu erörtern, was sie in ihrer Jugend beschäftigt habe – im Alter zwischen 7 und 14, in dem «entwicklungspsychologisch viel abläuft». Da wurde über frisierte Töffli diskutiert, über erste Liebe, Schlaghosen, Lochstreifen, über die ersten surrenden Macintoshs im Büro oder über die feierliche Einweihung des ersten Faxgeräts. «In den letzten 20 Jahren hat sich so viel verändert, dass wir gar nicht wissen, was Jüngere darüber wissen, was wir damals hatten.»
Generationen teilen also gesellschaftliche Erfahrungen – das schweisst zusammen und führt zu einer spezifischen Art des Fühlens, Denkens und Handelns. «Andere Generationen haben eine andere Realität.» Bei so vielen Kompetenzen, die die neue Welt verlangt, müssten auch wir Älteren mit der Zeit gehen. Sie selber lerne daher jeden Tag etwas von Lernenden. Beim Kennenlernen neuer Apps merkte sie: «Ich bin ein ständiges Bildungsprovisorium.» Das tägliche Gemeinsam-auf-den-Weg-Gehen sei heute mehr gefragt als Autoritarismus – und letztlich auch eine Haltungsfrage: Bin ich auch Lernende? «Dafür bringe ich ihnen bei, wie man sozialverträglich Schluss macht. Und das geht nicht per Handy», scherzte Class.
Anschliessend wurde im Zuge der Frage, ob Jugendliche noch Respekt hätten, über Erziehungsmethoden diskutiert. «Wir waren früher nicht anständiger, hatten aber schlichtweg Angst», so eine Stimme aus dem Publikum. Class wies auf das veränderte Respektsverständnis hin. Titel interessierten die Jungen heute zum Beispiel weniger: «Das finde ich eine Errungenschaft. Man muss nicht Respekt haben vor etwas, das einen ungleich macht», befand sie. «Wir sind nicht gleich, aber wir sind gleich viel wert.» Keine Generation wisse so genau wie die Gen Z, was ihre Rechte seien. Doch man müsse ihnen auch ihre Pflichten aufzeigen, Grenzen und Regeln definieren. «Intervention ist notwendig, das erwarten sie auch von uns.» Kaum überraschend, ist den jüngeren Generationen in einer Welt voller Ablenkungen und Reizüberflutung Authentizität wichtig: Sie möchten Führungskräfte, die echt und präsent sind, auch mal wütend – aber berechenbar und sie selber.
KI und soziale Vereinsamung
Besorgt war Class über den drohenden Verlust des kritischen Denkens durch die KI-Möglichkeiten und die Verknappung echter sozialer Interaktionen. «Wenn wir gegen die Maschine antreten wollen, müssen wir das hochfahren.» Je mehr Digitalisierung, desto mehr soziale Interaktion sei als Gegensteuer nötig. «Wir müssen mehr miteinander reden.» Kaum erstaunlich, dass Jugendliche überwältigt und überfordert sind mit Selbstorganisation.
Lehre früher und heute
Im Anschluss moderierte Class ein Podium mit Werner Scherrer, KGV-Präsident und selber einst im Vorstand des BBF, sowie Stefan Krebs, im Bildungsrat (für den KGV) und Unternehmer mit acht Lernenden. Engagiert diskutierten sie über heutige Anforderungen an Lehrstellen (wie Teilzeitpensen in der Lehre, die Scherrer kategorisch ablehnt) sowie ihren eigenen Werdegang.
Krebs sagte, er habe während seiner Lehre vier Berufsbildner gehabt. «Aber von jedem konnte ich lernen.» Heute habe man sehr viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Und: «Wir alle müssen Lehrstellen schaffen im Wissen dass Lernende schwierig sein können. Aber vielleicht müssen wir die Sicht auch etwas ändern.»
Werner Scherrers Berufslehre als Mechaniker begann harzig: Er sei von seinem ersten Lehrmeister ausgenutzt worden. Er habe nach anderthalb Jahren nicht gewusst, was eine Drehbank ist. So lernte er in den restlichen zweieinhalb Jahren, was es heisst, wenn ein Ausbildner freundschaftlich, aber immer hart am Limit fordert. Schliesslich schloss er die Prüfung dann doch souverän ab.
Thomas Meier, Vorstandsmitglied des BBF, bedankte sich bei Vera Class und wünschte dem Publikum, dass man mit Stolz ein besseres Vorbild vorlebe. Freude haben und Leidenschaft verkörpern, mit sich zufrieden sein – diese Ausstrahlung wirke sich positiv aus.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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