Die Pensionskasse als Generationenfrage im Betrieb

Im Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte setzen Unternehmen auch auf attraktive Vorsorgelösungen. Doch während ältere Mitarbeitende diese Leistungen gezielt nachfragen, bleibt die Pensionskasse für viele Jünger abstrakt.

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Attraktive Vorsorgelösungen: vor allem bei älteren Mitarbeitern beliebt

«Verstehst du, weshalb wir so viele Lohnabzüge haben? Ich finde das krass daneben.» Neulich im Zug unterhielten sich zwei Lehrlinge über ihre erste Lohnabrechnung. Die Beiträge für die berufliche Vorsorge waren ihnen ein Rätsel – und vor allem ein Ärgernis.

Die Szene steht exemplarisch für ein Thema, das viele KMU beschäftigt. Während Unternehmen zunehmend versuchen, mit attraktiven Nebenleistungen im Wettbewerb um Fachkräfte zu punkten, bleibt die Pensionskasse für viele junge Mitarbeitende abstrakt. Gleichzeitig gewinnt sie für Arbeitgeber strategisch an Bedeutung.

Vorsorge als Teil der Gesamtvergütung

Für Unternehmen ist die berufliche Vorsorge längst mehr als eine Pflichtleistung. «Die berufliche Vorsorge ist ein wichtiges Element der Anstellungsbedingungen und der Gesamtentlöhnung», sagt Elena Folini, Head of Human Resources beim Zürcher IT-Unternehmen Ergon Informatik.

Ergon überprüft regelmässig, wie seine Pensionskassenlösung im Vergleich zum Markt aufgestellt ist. Im vergangenen Jahr wechselte das Unternehmen gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu einer neuen Pensionskasse mit höherem Aktienanteil in der Anlagestrategie.

Gerade überobligatorische Lösungen – also Leistungen über das gesetzliche Minimum hinaus – können für Unternehmen ein Instrument sein, um ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern. Gleichzeitig bedeuten sie meist höhere Beiträge für Arbeitgeber und Mitarbeitende.

Im Recruiting selten im Vordergrund

Trotzdem spielt die Pensionskasse im Recruiting häufig nur eine Nebenrolle. «In unseren Stelleninseraten steht die Firmenkultur im Zentrum – Eigenverantwortung und Mitsprache», sagt Folini. Die Vorsorgelösung werde dort nicht explizit hervorgehoben.

«Die berufliche Vorsorge ist ein wichtiges Element der Anstellungsbedingungen und der Gesamtentlöhnung»

Elena Folini, Head of Human Resources beim Zürcher IT-Unternehmen Ergon Informatik

Auch im Bewerbungsgespräch zeigt sich ein klares Muster: «Das Thema wird deutlich häufiger von Personen ab etwa 40 Jahren angesprochen.» Für jüngere Mitarbeitende hingegen bleibt die Pensionskasse oft ein abstraktes Thema. «Ich würde sagen, sie nehmen das ziemlich neutral wahr», so Folini.

Unterschiedliche Bedeutung je nach Einkommen

Auch Felix Brandenberger, Leiter Marktentwicklung bei der Asga Pensionskasse, beobachtet grosse Unterschiede zwischen verschiedenen Einkommensgruppen. Für viele Mitarbeitende mit tieferen oder mittleren Löhnen steht in erster Linie der Nettolohn im Vordergrund. «Diese Personen benötigen jeden Franken für ihren Lebensunterhalt», sagt Brandenberger. Entsprechend ist ein höherer Nettolohn oft wichtiger als eine grosszügigere Pensionskassenlösung.

«In Branchen mit hochqualifizierten Mitarbeitenden gehören Leistungen und Finanzierung der Pensionskasse durchaus ins Anstellungsgespräch»

Felix Brandenberger, Leiter Marktentwicklung bei der Asga Pensionskasse

Anders sieht es bei höher qualifizierten und besser verdienenden Mitarbeitenden aus. Sobald der Lebensunterhalt gesichert ist, rücken Vorsorgethemen stärker in den Fokus. «In Branchen mit hochqualifizierten Mitarbeitenden gehören Leistungen und Finanzierung der Pensionskasse durchaus ins Anstellungsgespräch», sagt Brandenberger.

Unternehmen setzen deshalb zunehmend auf bessere Vorsorgelösungen, um qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen oder zu halten. «Wir sehen seit rund zehn Jahren, dass Firmen ihre Vorsorgelösungen für qualifizierte Mitarbeitende verbessern möchten», so Brandenberger. Der Fachkräftemangel verstärke diese Entwicklung teilweise, sei aber nicht der alleinige Auslöser.

Wahlpläne werden beliebter

Eine Möglichkeit für KMU sind sogenannte Wahlpläne. Dabei erhöht der Arbeitgeber beispielsweise seinen Finanzierungsanteil an der Pensionskasse von 50 auf 60 Prozent und bietet den Mitarbeitenden gleichzeitig verschiedene Sparstufen an. «Moderne Vorsorgelösungen setzen zunehmend auf Wahlpläne», erklärt Brandenberger. «Damit können Mitarbeitende selbst entscheiden, wie stark sie ihre Altersvorsorge ausbauen möchten.» Für Unternehmen bleibt der finanzielle Aufwand dabei planbar. «Der Arbeitgeber definiert einmal die Gesamtfinanzierung – danach liegt es in den Händen der Mitarbeitenden, wie viel sie zusätzlich sparen möchten.»

Vorsorgewissen bleibt eine Herausforderung

Ein zentrales Problem bleibt jedoch die Vermittlung des Nutzens der beruflichen Vorsorge – insbesondere gegenüber jüngeren Mitarbeitenden. Für viele wirkt die zweite Säule abstrakt und weit entfernt.

«Der Kreis jüngerer Versicherter, die bewusst höhere Lohnabzüge zugunsten einer besseren Altersvorsorge wählen, ist relativ klein», sagt Brandenberger. Gerade zu Beginn der Karriere steht häufig der verfügbare Nettolohn im Vordergrund. «Diese Personen investieren in erster Linie in Konsum – oder müssen dies sogar.» Erst mit zunehmendem Einkommen verschiebt sich die Perspektive. Dann wird die berufliche Vorsorge auch aus steuerlichen Gründen interessanter, etwa durch höhere Sparbeiträge oder Einkaufsmöglichkeiten in die Pensionskasse.

Vorsorge als langfristiger Wettbewerbsvorteil

Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels könnte die berufliche Vorsorge für KMU langfristig zu einem Wettbewerbsvorteil werden. Vorausgesetzt, Unternehmen schaffen es, den Nutzen ihrer Vorsorgelösung verständlich zu erklären – und sie als Teil einer modernen Gesamtvergütung zu positionieren.

Vielleicht würden dann auch Gespräche wie jenes im Zug anders verlaufen. Einer der Lehrlinge sagte jedenfalls: «Ich fände es gut, wenn wir schon in der Schule das Thema Lohnabzüge und Vorsorge durchnehmen würden. Oder die Betriebe mit uns vor der ersten Lohnabrechnung zusammensitzen und uns diese erklären – denn eigentlich sind höhere Abzüge ja eine gute Sache.»

Anna Birkenmeier

Redaktion Zürcher Wirtschaft

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