Beschleunigung macht mehr aus als Tempo

Die Gewerbegruppe im Kantonsrat staunte nicht schlecht: Die Diskussion um Verkehrslärm im Kanton Zürich erhält neue Impulse. Eine Studie zeigt, dass Elektroautos vor allem beim Beschleunigen deutlich leiser sind als Verbrenner. Die Ergebnisse stellen indes Temporeduktionen als Mittel gegen Lärm infrage.

Bild Mark Gasser

Sascha Grunder stellt der Gewerbegruppe im Kantonsrat (GGKR) die Studie über Lärmemissionen bei beschleunigter Fahrt vor.

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Sascha Grunder stellt der Gewerbegruppe im Kantonsrat (GGKR) die Studie über Lärmemissionen bei beschleunigter Fahrt vor.

Die Gewerbegruppe im Kantonsrat (GGKR), die ausschliesslich aus bürgerlichen, gewerbenahen Kantonsratsmitgliedern zusammengesetzt ist, öffnete am 16. März ihre jüngste Veranstaltung nicht nur für Gewerbevertreterinnen und -vertreter aus Bezirken und Vereinen, sondern auch für alle Interessierten aus anderen Parteien im Kantonsrat – ein Novum. Schliesslich ging es um ein Thema, das alle bewegt: Lärm und Verkehr.

Kantonsrat Marcel Suter (SVP), Nachfolger von Parteikollege Jürg Sulser als neuer Präsident der GGKR, erklärte deren Funktion: Sie sammelt die Anliegen aus dem Gewerbe und bereitet auch Vorstösse vor. Die Thematik wurde dann auch frei von parteipolitischen Filtern beleuchtet: Sascha Grunder, Leiter Test & Technik beim TCS, stellte einen kaum erforschten Aspekt bei der Lärmdiskussion im motorisierten Individualverkehr vor: die Beschleunigung der Elektrofahrzeuge im Vergleich zu Verbrennern. Auch TCS-Geschäftsführer Andreas Häuptli und Ruth Enzler, Präsidentin des ACS Sektion Zürich, waren dabei – Häuptli ist Präsident, Enzler Vizepräsidentin der 2025 gegründeten Vereinigung «Strasse Zürich», die gemeinsam mit der GGKR eingeladen hatte.

«Überall da, wo die Verkehrssituation ohnehin schon ein Lärmproblem bringt: da kann Elektrifizierung einen grossen Anteil leisten.»

Sascha Grunder, Leiter Test & Technik beim TCS

Der Verein setzt sich für eine freie Wahl der Verkehrsträger, verursachergerechte Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur und sicheren Zugang und Anlieferung fürs Gewerbe ein. Und: «Wir glauben an Innovation, Dekorbanisierung, Lärmschutz mit Technologie, ohne dass das Mobilitätsbedürfnis eingeschränkt wird», so Marc Bourgeois, Vorstandsmitglied bei Strasse Zürich und Kantonsrat (FDP). Der eigentliche Motor zur Vereinsgründung war die kantonale Mobilitätsinitiative: Die Abstimmung konnte mit 57 % Ja gewonnen werden. Die Bekämpfung radikaler Tempo-30-Pläne in Städten und Temporeduktionen allgemein waren ein Aufhänger der Initiative gewesen. Der Grundtenor in Zürich und Winterthur: Temporeduktionen werden allgemein mit Lärmschutz gleichgesetzt.

Sascha Grunder, Master ETH in Umweltwissenschaften, relativierte diese These dann. Er stellte eine Untersuchung vor, die in Zusammenarbeit mit der EMPA erfolgt: Ziel ist es, herauszufinden, wie die Elektromobilität sich auf den Strassenlärm auswirkt. Die wichtigste Erkenntnis, die er im dritten Jahr des Projekts NEXUS (Noise from Electric vehicles under acceleration) vorstellte: Die Lärmunterschiede zwischen konstant fahrenden E-Autos und Benzinern sind viel kleiner als bei jeweils beschleunigenden Fahrzeugen der beiden Antriebsarten.

Beschleunigung in drei Phasen

Er sei Wissenschafter und ihm sei es ein Herzensanliegen, «die Gesetze der Natur wiedergeben zu können», so Grunder. Beim Forschungsprojekt NEXUS wird in drei Phasen ein noch wenig untersuchter Aspekt erforscht: «Wir wollen im städtischen Raum die Lärmunterschiede zwischen Elektrofahrzeugen und Verbrennern beim Beschleunigen analysieren.»

In Phase I wurden 2024 auf einer gut 100 Meter langen Teststrecke bei Thun in Fahrtests die Geräusche von je neun Elektro- und Verbrennerfahrzeugen mit vergleichbaren Fahrwerken bei typischen Beschleunigungsfahrten gemessen. Über 1700 Vorbeifahrten wurden mit einem speziell entwickelten Messsystem und mehreren Mikrofonen erfasst und ausgewertet. Die Testfahrer mussten die Beschleunigungen von 0,8 bis 2,4 m/s exakt dem Stadtverkehr nachempfinden.

Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Im Gesamtlärm (gemäss Standard für Lärmmessungen der A-Pegel) sind die Unterschiede oft kleiner als erwartet. Bei konstanter Fahrt gibt es zwischen 30, 50 und 60 km/h praktisch keine Unterschiede zwischen den Antriebsarten, obschon die Elektrofahrzeuge im Schnitt 300 Kilogramm schwerer sind – hier dominiert das Reifengeräusch. Anders sieht es bei Beschleunigung aus: In solchen Situationen sind Elektroautos im Durchschnitt rund 3 dB leiser als Verbrenner.

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Nach dem Anlass wurde am Kantonsratssitz Grillade angeboten.

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Nach dem Anlass wurde am Kantonsratssitz Grillade angeboten.

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Nach dem Anlass wurde am Kantonsratssitz Grillade angeboten.

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Nach dem Anlass wurde am Kantonsratssitz Grillade angeboten.

Die Analysen zeigen zudem, dass sich die Unterschiede vor allem in tiefen Frequenzen unterhalb von 200 Hz bemerkbar machen. Besonders bei niedrigen Geschwindigkeiten und starker Beschleunigung sind Elektroautos deutlich leiser – in Extremfällen sogar über alle Frequenzbereiche hinweg, mit Differenzen von über 10 dB.

Für den Stadtverkehr bedeutet das: Spürbare Lärmvorteile von Elektroautos treten vor allem in typischen Beschleunigungssituationen auf, etwa an Ampeln und bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h. Trotz ihres höheren Gewichts sind Elektrofahrzeuge dabei nicht lauter als vergleichbare Verbrenner. Diese geringeren Tiefton-Geräusche könnten sich positiv auf die wahrgenommene Lärmbelastung im städtischen Verkehr auswirken, so eine der Erkenntnisse. In sehr tiefen Frequenzen bis 300 Hertz betragen die Unterschiede gar bis zu 20 Dezibel. «Das ist gewaltig.»

«Es hat enormen Effekt an gewissen neuralgischen Punkten, wo wir eh schon ein Lärmproblem haben», so Grunder – etwa an Kreiseln oder Stoppsignalen. «Überall da, wo die Verkehrssituation ohnehin schon ein Lärmproblem bringt: Da kann Elektrifizierung einen grossen Anteil leisten.»

Lärmwerte an Verkehrsknoten

Mit Drohnen wurden in Phase II an vier Schweizer Verkehrsknoten die Verkehrsbewegungen, Bremsungen und Beschleunigungen gemessen: etwa an der Sihlporte sowie am Albisriederplatz in Zürich. Messpunkte in bestimmten Abständen zur Strasse wurden fixiert und der Lärm auf die Distanz der Wohngebäude hochgerechnet. Je näher die Häuser, desto grösser der Impact. «An dieser Hausecke hätten wir 2 dB weniger, wenn Elektrofahrzeuge fahren würden», zeigte er auf die meistbefahrene Ecke am Albisriederplatz.

Mit den Lärmwerten wurde der Einfluss einer Senkung der signalisierten Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 30 km/h berechnet. Überraschende Erkenntnis: «Der Unterschied der Temporeduktion an dieser Kreuzung ist praktisch gleich Null. Aber wenn wir hier nur Elektrofahrzeuge hätten, dann ist er gross.» Im Vergleich zu Verbrennern würden Elektroautos im Umkreis von 50 Metern um einen Verkehrsknotenpunkt eine Reduktion von 1.5 dB bedeuten – wegen den Lärmunterschieden bei der Beschleunigung. Bei hohen Verkehrsaufkommen könnten das in der Nähe von Haltelinien bis 3 dB sein.

Die Ergebnisse liefern eine wichtige Grundlage für die weitere Forschung. Aktuell wird in Phase III untersucht, welchen Einfluss der Reifentyp und die Belagseigenschaften auf den Lärmpegel haben – gerade bei lärmarmen Belagen. «Die Störwirkungen werden wir im 2027 untersuchen.» These: Die Lärmreduktion könnte kumuliert sein – so dass ein lärmarmer Belag den Unterschied bei beschleunigten Fahrten gar verdoppeln könnte.

Beschleunigung signalisieren?

Grunder beantwortete daraufhin einige Fragen aus dem Publikum. So verneinte er die Frage, ob auch Resultate aus dem innert 15 Jahren weitgehend elektrifizierten China beigezogen wurden. «Wir wollten Licht schaffen für ein spezifischs schweizerisches Verkehrsbild.» Das sei Grundlagenforschung, die sich mit dynamischem Verkehr beschäftige.

Marc Bourgeois, Vorstandsmitglied der GGKR, stellte – mit Verweis auf Autoposer, die gern durch Wohnquartiere fahren und Beschleunigung suchen – etwas ironisch fest: «Im urbanen Raum, wo man kurze Strecken beschleunigt, ist es nicht das Tempo das stört, sondern die Beschleunigung. So gesehen müsste man die Beschleunigung signalisieren, nicht die Geschwindigkeit.»

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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