Auf Lesetour das Gewerbe entdecken

Standortförderung anders umgesetzt: Mit «Fremdgehen» sorgt ein Zürcher Kulturschaffender für eine originelle Verknüpfung von Literatur und Gewerbe. Statt Führungen durch Gewerberäume wird in diesen gelesen – ein exotischer Kontext für Lesungen. Aber umso effektvoller, ist Alon Renner überzeugt.

Bild zvg

Auch Urheber und Organisator Alon Renner selber liest an einigen Standorten der Lesungen bei «Fremdgehen».

Kann man Literatur und Gewerbe mit einem Event fördern? Der Zürcher Autor und Kulturschaffende Alon Renner ist überzeugt davon. Seit 2020, als er inmitten der Pandemie mit Lesungen in seinem eigenen Wohnhaus ein kleines jährliches Literaturfestival lancierte, entwickelte sich der Gedanke – und damit das Format – weiter. Nebst seinen eigenen vier Wänden bietet er nämlich auch dem Gewerbe mit seinem Literaturformat «Fremdgehen» seit 2022 eine Plattform, um Literatur und – im Kontext der Lesungen – sich selber vorzustellen. Lesungen werden so aus den klassischen Veranstaltungsräumen herausgeführt und direkt ins Herz des lokalen Gewerbes gebracht – in Boutiquen, Banken, Blumenläden, Museen, Confiserien, Coiffeursalons, Arztpraxen, Apotheken und viele weitere überraschende Orte.

Das Konzept: Kleingruppen wandern im 20-Minuten-Takt von Geschäft zu Geschäft, erleben spannende Lesungen hautnah und entdecken dabei, was die beteiligte Stadt, das Quartier oder das Dorf einzigartig macht.

Vier Geschäfte pro Parcours

«An den Anlässen vernetzen wir die lokale Bevölkerung mit den Gewerbetreibenden, die KMU untereinander und alle Teilnehmenden wiederum mit den Autoren und deren Netzwerken», sagt Alon Renner. Das sei zugleich das Erfolgsrezept: Indem die Netzwerke der involvierten Geschäfte, Kunstschaffenden, Gewerbe-, Tourismus- und Cityvereinigungen genutzt würden, würden Synergien genutzt. «Jedes beteiligte Geschäft wirbt für den Anlass und macht zugleich Werbung für die anderen Betriebe», so Renner. «So gesehen hat ‹Fremdgehen› ein sehr nachhaltiges Werbekonzept.» Beim Literaturparcours werden die teilnehmenden Läden jeweils von vier Gruppen à 30 Personen besucht und nach einem Apéro im 20-Minuten-Takt von einer Lesung zur nächsten geführt. «Das sind unter Umständen 90 bis 120 Leute, die noch nie oder schon lange nicht mehr in deren Geschäft waren.» Jeweils vier Geschäfte mit je einer Autorin oder einem Autor oder Slampoeten bilden einen abendfüllenden Parcours. Machen z. B. an einem Standort 12 Geschäfte mit, werden 3 Parcours angeboten.

Mit der Verwandlung von Gewerberäumlichkeiten in temporäre Bühnen und der äusserst abwechslungsreichen Gestaltung der Parcours bieten die Veranstalter so ein 2,5-stündiges Programm, das den Besuchern und Besucherinnen in Erinnerung bleibt. Zum Charme der Events gehört auch der Lokalbezug – in literarischer Hinsicht: «Die auftretenden Autoren, Schauspieler und Slampoeten wählen Texte aus, die auf das jeweilige Geschäft zugeschnitten sind. So darf man z. B. beim Bäcker Geschichten erwarten, die sich rund um das Thema Brot, Gebäck, Frühstück, Süssspeisen etc. bei der Apotheke um Medikamente, Gift, Erste Hilfe usw. und bei der Bank um Geld, Zinsen, Überfälle, etc. drehen.»

Renner war einst unter anderem als Musikmanager tätig – und betreute Künstler wie Bligg, Dodo und DJ ZsuZsu. Er ist auch Gründer einer der grössten Schweizer Konzertagenturen. «Sei es als Gründer der Konzertagentur Gadget abc oder als langjähriger Manager bekannter Schweizer Künstler: Die Erfahrung von mehreren Tausend Konzerten, Events und Veranstaltungen fliesst natürlich in die Organisation unserer Anlässe mit ein», sagt Alon Renner.

Nebst Bern und Balzers (Liechtenstein) machte «Fremdgehen» 2025 bereits an elf Standorten im Kanton Zürich Station. 2026 wird der Literaturparcours «Fremdgehen» an 14 Standorten in der ganzen Schweiz und Liechtenstein durchgeführt, darunter wieder 10 im Kanton Zürich (siehe Infobox). An den einzelnen Standorten werden jeweils 4 bis 12 Geschäfte besucht bei rund 120 bis 360 Besuchern pro Anlass. «Dies macht uns wahrscheinlich zu einer der bekanntesten und meistbesuchten Initiativen für Standortförderung der Schweiz und Liechtenstein», schätzt Renner.

Vereine wirken koordinierend

«Fremdgehen» wird jeweils mit einen Kooperationspartner durchgeführt. In der Regel sind dies die lokalen Gewerbe-, City-, Quartier- und Tourismusvereine. «In Dietikon und Bülach arbeiten wir jeweils mit der Standortförderung, in Horgen mit dem Sust Museum und in Liechtenstein mit dem Haus Gutenberg zusammen. Diese schreiben ihre Mitglieder an und laden zu einer unverbindlichen Infoveranstaltung. Es ist immer sehr spannend zu sehen, welche Geschäfte/Firmen dann letztlich mit dabei sind», sagt Renner. Er zählt auf: Von der Confiserie bis zum Optiker, Kleiderboutiquen, diverse Banken, Apotheken, Wein-, Buch-, Stoff- und Rahmenhandlungen bis hin zu Altersheimen, der Reformierten Kirche und der Praxis eines plastischen Chirurgen sei alles mit dabei. «In Zürich Wiedikon sind z. B. regelmässig die ZKB, die Kaffeewerkstadt (Fachgeschäft für Kaffeemaschinen), die Wabe 3 (Imkerei auf Zürichs Dächern), die Weinhandlung Zweifel 1898 Santé, mad Hairstyling, die Caritas mit ihren Secondhandgeschäften und das Alters- und Pflegheim Schmiedhof mit dabei. In Bülach das Stoffgeschäft Belfiore, Klaus Genussmanufaktur, Walter Schumacher Goldschmied und die Altstadt Buchhandlung.»

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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