Wenn die Krankentaggeld-Prämie explodiert
Krankheitsausfälle nehmen zu – und mit ihnen die Kosten. Für viele KMU wird die Krankentaggeldversicherung zur Belastung: Prämien steigen, Angebote werden rar, das Risiko verschiebt sich zurück zu den Unternehmen.
15. Mai 2026 Anna Birkenmeier
Hat ein KMU langwierige Krankheitsfälle, können die Versicherungsprämien explodieren.
Krankheitsbedingte Ausfälle werden für kleine und mittlere Unternehmen zunehmend zur finanziellen Herausforderung: Löhne laufen weiter, gleichzeitig muss personeller Ersatz organisiert werden. Auch die Zahlen zeigen, dass das Problem wächst: Wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) festhält, sind die gesundheitsbedingten Absenzen in der Schweiz zwischen 2010 und 2024 um mehr als einen Drittel gestiegen – von 6,3 auf 8,5 Tage pro Jahr und Vollzeitstelle. Besonders ins Gewicht fallen psychisch bedingte Langzeitabsenzen. Sie dauern oft mehrere Monate und sind schwer planbar.
Für viele KMU ist deshalb klar: Ohne Krankentaggeldversicherung geht es kaum. Zwar ist diese in der Schweiz nicht obligatorisch, sie gehört jedoch für die meisten Betriebe zur Standardabsicherung. Sie übernimmt nach einer vereinbarten Wartefrist einen Teil der Lohnkosten – häufig während bis zu 730 Tagen. In der Regel werden dabei 80 bis 90 Prozent des letzten Lohnes gedeckt. Laut dem Schweizerischen Versicherungsverband (SVV) sind rund 80 Prozent der Arbeitnehmenden in der Schweiz entsprechend versichert. Nun zeigt sich allerdings: Die Versicherungeprämie wird für KMU zunehmend selbst zur Belastung. Denn die Prämien steigen.
«Die Versicherungsprämie verdoppelte sich. Als ich bei der Versicherung nachfragte, hiess es, ich könne ja wechseln»
Pascael
Wenn die Prämie explodiert
Wie sich das konkret auswirkt, zeigt der Fall von Pascale D. Er führt ein Medienunternehmen im Raum Zürich mit vier Mitarbeitenden. «Zu Beginn habe ich rund 2400 Franken für die Taggeldversicherung bezahlt», sagt er. Nach mehreren Krankheitsfällen – darunter zwei Ausfälle kurz vor der Pensionierung – übernahm die Versicherung zwar wie vorgesehen nach 30 Tagen den Lohn. Doch die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Die Prämie verdoppelte sich von rund 2500 auf 5000 Franken. «Als ich bei der Versicherung nachfragte, hiess es, ich könne ja wechseln», erzählt Pascale. Für ihn ist nachvollziehbar, dass er für die Versicherung kein attraktiver Kunde ist. «Aber was kann ich dafür?»
Ein Wechsel erwies sich als Illusion: «Mit meiner Geschichte habe ich keine Chance.» Andere Anbieter hätten Prämien von rund 10’000 Franken verlangt. «Die Versicherungen kennen die Fälle untereinander.» Pascale blieb – und wurde Ende 2025 mit einer weiteren Erhöhung auf 7500 Franken konfrontiert. «Für mich war das nicht mehr tragbar.»
Pascale ist damit kein Einzelfall. Immer mehr KMU berichten von massiven Prämienaufschlägen, gleichzeitig wird es für viele zunehmend schwierig, überhaupt noch eine Krankentaggeldversicherung zu finden. Teilweise erhalten Unternehmen gar keine Offerten mehr, weil das Risiko als zu hoch eingeschätzt wird.
Mehr Risiko bei den Unternehmen
Schliesslich zieht Pascale die Konsequenzen und übernimmt künftig einen grösseren Teil des Risikos selbst. Statt wie bisher nach 30 Tagen greift die Versicherung erst nach 60 Tagen. Die Prämie sinkt dadurch auf rund 4500 Franken. «Aber das Risiko liegt jetzt viel stärker bei uns», sagt er. Kurz darauf zeigt sich, was das bedeutet: Eine Mitarbeiterin fällt krankheitsbedingt teilweise aus. Zwar kann sie reduziert weiterarbeiten, den Ausfalltag bezahlt Pascale jedoch selbst. Von der Versicherung erhält er nichts. «Das ist wirklich Pech und ja, wahrscheinlich bezahle ich jetzt mehr als mit der hohen Prämie», sagt Pascale.
Politik reagiert
Dass sich etwas verändern muss, hat auch die Politik erkannt. Der Schweizerische Versicherungsverband hat deshalb Anpassungen angekündigt, die ab 2027 greifen sollen. Unter anderem ist eine Auffanglösung für Unternehmen vorgesehen, die unverschuldet keine Versicherung mehr finden. Künftig sollen Betriebe, die bei mehreren Anbietern abgelehnt wurden oder mit massiven Prämienaufschlägen konfrontiert sind, wieder Zugang zu einer Versicherung bekommen – entweder beim bisherigen Anbieter mit begrenzter Prämienerhöhung oder durch die Zuteilung zu einem anderen Versicherer. Voraussetzung ist, dass das Unternehmen ohne eigenes Verschulden keine Versicherung mehr findet oder mit einer Prämiensteigerungen von über 200 Prozent konfrontiert war und bei mindestens drei Versicherern abgelehnt wurde. Mit diesen Anpassungen will die Branche den Druck aus der politischen Diskussion nehmen, insbesondere Forderungen nach einem Obligatorium für die Krankentaggeldversicherung.
Strategische Frage für KMU
Für viele KMU bleibt die Situation angespannt. Krankentaggeld ist längst mehr als eine administrative Absicherung – es wird zur Grundsatzfrage: Wie viel Risiko kann mein KMU tragen? Welche Absicherung ist noch finanzierbar? Für Pascale D. ist die Antwort klar: «Ohne Versicherung geht es nicht, aber so wie heute ist es kaum mehr tragbar.»
Anna Birkenmeier
Redaktion Zürcher Wirtschaft
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