Überall Frühling, Farbe, Aufbruch. Was ist mit uns Farblosen los?
Endlich Schluss mit Grau, denke ich, die Natur erwacht, die Bäume grünen, die Magnolien blühen, die Tulpen recken sich in allen Farben. Und wir?
An Ostern spazierte ich in Zürich die Seepromenade entlang, unter Hunderten von Leuten, die meisten sichtlich guter Laune, manche schick gekleidet. Nur fiel mir auf: Nirgendwo tauchte eine Farbe auf, kein Rot, kein Hellblau, kein Ocker. Ein quasi uniformer menschlicher Tatzelwurm wälzte sich durch die Stadt, grau in grau, schwarz, höchstens mal etwas dunkelblau. Auf der Fahrbahn nebenan dasselbe Bild: Auch die Autos haben ihre Farbe verloren, die Kolonnen dunkler Limousinen wirkten wie Trauerzüge oder steife Staatsempfänge. Jedenfalls nichts zum Vergnügen.
Seit wann ist das so? Haben wir das an der Urne entschieden? Gab es eine Initiative, die Buntheit in unserer Gesellschaft abzuschaffen? Früher war das doch komplett anders. Die Autos, daran erinnere ich mich deutlich, leuchteten hellblau, zündrot, knallgelb, sie wollten auffallen, sie waren schön, sie wollten beachtet werden. Auch wir selbst. Es gab eine Zeit, da war Farbe sündenteuer, Buntheit darum ein Privileg der Reichen. Und der Adeligen, die mussten auffallen, sie mussten herzeigen, dass sie mehr wert waren, die Untertanen sollten es sehen, sollten die Pracht bewundern und vor ihr in die Knie gehen.
Alles längst vorbei. Farben sind demokratisiert, verbilligt. Und damit banalisiert? Klar, es geht auch ohne Farbe. Doch Farben sind immer auch Signale – für Aufbruch, Verjüngung, Erneuerung. Fürs Erwachen eines evolutionären Spirits. Evolution läuft ja – schon bei Charles Darwin – nicht allein durch «natürliche Auslese», also durch Wettbewerb, bei dem der Fitteste überlebt. Mindestens so wirksam ist «sexuelle Auslese», und die bringt Farbe ins Spiel. Tierischer Sex ist Damenwahl, und da entscheidet die «Sehnsucht nach Variation»: Das weibliche Verlangen wählt nicht stets den Kräftigsten, es sehnt sich nach Ästhetik, etwa nach Überwindung der Eintönigkeit durch Farbe. Das Weibchen sucht Variation (Farbe, Fantasie, Luxus), das Männchen macht, was es kann; selber hat es nicht viel anderes als Sex im Kopf, zum Sex kommt es aber nur, wenn es sich und das Nest so luxusmässig schön herrichtet, dass ein Weibchen davon begeistert ist.
Sex als Lohn für Pracht, Farbe, Schönheit – nach diesem Programm läuft Erneuerung und Aufbruch in der Evolution. Paradefall der Pfau mit seinem Wahnsinnsrad, bunt, verschwenderisch, auch lebensgefährlich – doch die Weibchen sind hin und weg, sie wählen nicht den Muskulösesten, sondern den Raffiniertesten. Nicht das sture Alphatier, eher den Künstlertypen, der das Leben verzaubert.
Was heisst es nun, wenn unsere Welt die Farbigkeit verliert? Erlahmt unsere Sehnsucht nach Variation? Hocken wir so stur im Status quo, dass wir gar keine Erneuerung begehren? Vergeht uns Farblosen der Appetit auf Innovation? Mögen wir überhaupt keinen gesellschaftlichen Frühling mehr?
Ludwig Hasler
Philosoph, Physiker, Autor und Menschenkenner lhasler@duebinet.ch
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