Wenn Zürich schläft, läuft die Logistik
Während Zürich nachts zur Ruhe kommt, beginnt für viele Logistikunternehmen die intensivste Phase. Waren werden sortiert, transportiert und zugestellt, oft so, dass sie am nächsten Morgen bereits bereitstehen. Für zahlreiche KMU ist diese Form der Belieferung zentral, etwa um die Produktion aufrechtzuerhalten oder Ausfälle zu vermeiden.
20. April 2026 Anna Birkenmeier
Während die Stadt schläft, laufen Transporte und Zustellungen auf Hochtouren.
Oft muss es schnell gehen: Die Nacht- und Expresslogistik ist daher stark am Zulegen. «Die Nachfrage nach Expresstransporten ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, insbesondere weil Ersatzteile immer schneller verfügbar sein müssen», sagt Reto Oechslin vom Overnight Kurier. Auch Mikaël Esteban von 7Days Schweiz beobachtet diesen Trend. Getrieben werde er durch steigende Erwartungen an Verfügbarkeit, optimierte Lagerhaltung und Just-in-Time-Prozesse.
Für viele Betriebe bringt das konkrete Vorteile. «Empfänger können bereits zu Arbeitsbeginn auf die Ware zugreifen, das reduziert Stillstandzeiten und verkürzt die Dauer der Arbeitsvorbereitung», sagt Esteban. Gleichzeitig erfolgen Transporte ausserhalb der Verkehrs-Spitzenzeiten, was die Planbarkeit erhöht.
Auch beim Logistikunternehmen Planzer sieht man die Stärke der Nachtlogistik vor allem dort, wo Geschwindigkeit und Verlässlichkeit gefragt sind. «Nachtlogistik kommt gezielt dort zum Einsatz, wo Waren am Morgen früh verfügbar sein müssen oder Zustellungen am Tag an Grenzen stossen», sagt Jan Pfenninger von Planzer. Das sei gerade in Städten wie Zürich häufig der Fall, etwa wegen Verkehrsaufkommen oder enger Zeitfenster. «Bestellungen können oft bis in den Abend hinein erfolgen und werden noch in derselben Nacht ausgeliefert.» Dadurch liessen sich Lieferketten verdichten und zeitkritische Versorgungsprozesse sicherstellen. Gerade im Gesundheitswesen, in der Industrie oder in der Frischelogistik sei das entscheidend, weil Güter zuverlässig und rechtzeitig verfügbar sein müssten.
Zwischen Regulierung und Praxis
Die Rahmenbedingungen sind in der Schweiz klar geregelt. Das Nachtfahrverbot für schwere Fahrzeuge zwischen 22 und 5 Uhr gilt landesweit, in Städten wie Zürich kommen zusätzliche Einschränkungen durch Lärmschutz und Zufahrtsregime hinzu. Für die Unternehmen bedeutet das, ihre Logistiksysteme entsprechend auszurichten. «Besonders relevant ist das generelle Nachtfahrverbot für schwere Güterfahrzeuge über 3,5 Tonnen Gesamtgewicht zwischen 22:00 und 05:00 Uhr (mit Ausnahmen), das wir sehr befürworten», sagt Pfenninger. In dieser konsequenten und flächendeckenden Form sei es international nur in wenigen Ländern wie der Schweiz, Österreich oder Liechtenstein anzutreffen.
Das Verbot hat auch strukturelle Auswirkungen. «Wir haben unsere Systeme konsequent entlang dieser Rahmenbedingungen entwickelt», so Pfenninger. Längere Distanzen werden häufig auf der Schiene zurückgelegt, während die Feinverteilung erst in den frühen Morgenstunden erfolgt. «Wir transportieren einen grossen Teil unserer Sendungen nachts emissionsarm in die Zielregionen und übernehmen die letzte Meile ab 5 Uhr.» Ergänzend kommen leichtere Fahrzeuge und spezialisierte Zustellmodelle zum Einsatz, etwa für medizinische Produkte oder Ersatzteile.
Eng getaktete Abläufe
Die Nachtlogistik folgt dabei eigenen Gesetzmässigkeiten. Die Prozesse sind stark standardisiert und zeitlich eng abgestimmt. Zwischen Anlieferung, Sortierung und Zustellung liegen oft nur wenige Stunden, was eine hohe Präzision erfordert.
«Die Nachtlogistik erfordert eine sehr präzise Planung und Abstimmung aller Prozesse», sagt Esteban. Verzögerungen liessen sich kaum auffangen, da eine zweite Zustellung in derselben Nacht in der Regel nicht möglich sei. Auch Pfenninger betont: «Es gibt praktisch keinen Puffer. Nachtlogistik funktioniert nur, wenn alles auf Anhieb passt.»
Besonders sensibel sind die Schnittstellen im System. «Die heikelsten Momente entstehen vor allem beim Umschlag und in den wenigen Stunden zwischen Ankunft, Sortierung und Auslieferung», sagt Pfenninger. Schon kleine Abweichungen könnten grosse Auswirkungen haben. Hinzu kommen externe Faktoren wie Wetter, technische Störungen oder schwankende Sendungsmengen.
Herausforderungen im urbanen Raum
Neben der operativen Komplexität steht die Branche vor weiteren Herausforderungen. «Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld aus regulatorischen Vorgaben, infrastrukturellen Engpässen und steigenden gesellschaftlichen Erwartungen», sagt Pfenninger. Lärmschutzauflagen oder lokale Zufahrtsbeschränkungen schränkten die Flexibilität ein, gleichzeitig werde geeignete Infrastruktur in urbanen Räumen zunehmend knapp.
Auch die gesellschaftliche Akzeptanz spielt eine Rolle. «Die Sensibilität gegenüber nächtlichem Lärm wächst», sagt Pfenninger. Unternehmen reagieren darauf mit leiseren Technologien und angepassten Zustellprozessen.
Wachsende Bedeutung für Lieferketten
Trotz dieser Hürden gehen die Anbieter von weiterem Wachstum aus. «Overnight-Services werden künftig ein noch stärkerer Bestandteil moderner Lieferketten sein», ist Esteban überzeugt. Die bessere Nutzung bestehender Infrastruktur bringe auch ökologische Vorteile.
Für Unternehmen im Raum Zürich wird die Nachtlogistik damit zunehmend zum Wettbewerbsfaktor. «Express-Logistik wird auch künftig eine Schlüsselrolle einnehmen, etwa für Medizinaltechnik oder zeitkritische Industriekomponenten», sagt Oechslin.
Gleichzeitig sieht Pfenninger auch politischen Handlungsbedarf. «Wir brauchen differenziertere und flexiblere Rahmenbedingungen, um neue Modelle zu ermöglichen», sagt er. Nachtlogistik müsse stärker als Teil der Lösung verstanden werden und nicht nur als Belastung.
Anna Birkenmeier
Redaktion Zürcher Wirtschaft
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