«Der Traum vom Glück im Nichtstun stumpft sich ab»
Viele Menschen merken erst nach der Pensionierung, dass reine Freizeit allein nicht ausreicht, um das Leben zu erfüllen. Aktiv bleiben, mitwirken und gebraucht werden, das gebe dem Alltag neuen Sinn, sagt Ludwig Hasler.
26. März 2026 Gerold Brütsch-Prévôt
Ludwig Hasler, Philosoph & Physiker, Autor des philosophischen Bestsellers «Für ein Alter, das noch was vorhat. Mitwirken an der Zukunft» (2019).
Herr Hasler, gewisse Aussagen in Ihrem Buch «Für ein Alter, das noch was vorhat. Mitwirken an der Zukunft» sorgten seinerzeit für grosse Aufregung. Hat seither Ihrer Meinung nach bei den Pensionierten ein Umdenken stattgefunden?
Ludwig Hasler: Es bewegt sich tatsächlich etwas. Nach zwei Jahren Pension merken manche: Der Traum vom Glück im Nichtstun stumpft sich ab. Auch wenn sie «es schön haben»: Sie möchten dazugehören, teilnehmen, sich nützlich machen. Das gibt dem Leben Sinn. Darum suchen immer mehr Leute freiwillige Tätigkeiten. Oder melden sich bei «Rent a Rentner». Denn bei allem Charme sogenannt ehrenamtlicher Arbeit: Lieber würden die meisten da weiterwirken, wo sie etwas können, als Fachleute.
Sie sagen: «25 Jahre ausruhen? Das halte ich für eine bescheuerte Perspektive.» Die meisten Arbeitnehmenden freuen sich jedoch auf die Pensionierung, um endlich frei und ohne Druck das Leben zu geniessen …
Hasler: Ist ja auch ein Riesengeschenk. So ein Alter gab es nie: so frei, so gesund, so sicher. 15, 20 Jahre unerhörte Freiheit! Was damit anfangen? Die Klassiker: geniessen, reisen, fit halten? Alles prima. Nur halt kein Vollprogramm. Typisch: Die bestgelaunten Alten, die ich kenne, bewegen mehr als sich selbst: betreiben eine Quartierbeiz, stärken Schüler in Mathe, in Deutsch, engagieren sich für Vogelschutz usw. Nicht aus purer Selbstlosigkeit, eher aus schlauem Egoismus: Wer sich um andere kümmert, kümmert sich am besten um sich selbst. Wer es nicht glaubt, schaut mal die Filmkomödie «Man lernt nie aus» mit Robert De Niro.
Im Alltag zeigt sich dann aber, dass vor allem 65- bis 74-Jährige ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder erhöhten Alkoholkonsum haben. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Hasler: Bei allem fidelen Rentnerleben: Wachen Sie mal 20 Jahre jeden Morgen auf – und wissen nicht wozu! Vor der Pensionierung verfluchten Sie vielleicht den Wecker. Doch Sie hatten Arbeit, eine Aufgabe, sie hatten Kollegen, eine Rolle, bestenfalls ein Werk, an dem Sie mitwirkten, das sie nun den Enkeln stolz zeigen können. Ist mit der Pensionierung alles weg. Mit einem Schlag sind Sie Passivmitglieder der Gesellschaft. Auch wenn Sie es gut haben: Sie sind privatisiert, spielen keine Rolle mehr. Eben begegnete ich zwei 75-Jährigen, die erzählten, wie sie den Garten einer kranken Frau im Quartier übernommen haben. Sie strahlten: Sie werden gebraucht, sie machen sich nützlich! Banal, aber existenziell. Sinnvoll leben heisst: eine Bedeutung auch für andere haben.
Wenn Arbeitnehmende mit 55+ entlassen werden, geraten sie in die sogenannte «Todeszone»: zu alt für den Arbeitsmarkt, zu jung für die Pensionierung. Ihr Buch zeigt einen Ausweg auf: Auch jenseits der 55 kann man aktiv bleiben – man muss nur den Mut haben, neue Wege und Formen des Mitwirkens zu entdecken.
Hasler: Es gibt schon solche traurigen Fälle. Momentan vor allem Informatiker. KI, sagt man. Aber es ist ohnehin vorbei mit der einen Qualifikation von der Schule bis zur Bahre. Der stellenlose Informatiker könnte ein prima Velomechaniker werden. Die sind gesucht, kann man lernen, ein Journalist hat das kürzlich gemacht, ist sehr zufrieden. Wenn wir schon so lange leben, könnten wir unsere Fähigkeiten variieren. Oder doch die Einsatzformen. Ich suchte lange nach einem digitalen Support, ist verdammt rar. Warum macht sich der Informatiker nicht selbständig?
In der öffentlichen Diskussion heisst es oft, Ältere seien unflexibel, teuer oder digital nicht fit. Teilen Sie diese Meinung?
Hasler: Nicht generell. Klar, die Jungen haben das frischere Wissen, mehr Elan, Illusionen (wichtig!). Bei Älteren verblasst das. Doch sie haben: Erfahrung. Die haben wir entwertet, das ist aber nicht schlau. Familiäres Beispiel: Eine Enkelin hat grad das Staatsexamen in Medizin gemacht, ist auf der Höhe des aktuellen Wissens. Ist sie darum eine gute Ärztin? Meine Hausärztin, 58, nimmt nicht mehr jede Studie ernst, hat aber Tausende Patienten gesehen, mit individuellen Krankengeschichten. Das ist Erfahrung. Kann man nicht lernen, muss man machen. Braucht Zeit. Erfahrung, praxisgesättigtes Wissen. Wäre in allen Branchen Gold wert. Fruchtbar verbinden, was die Jungen bringen (frisches Wissen etc.) und was Ältere bieten (Erfahrung).
Welche Rolle spielen die Arbeitgeber? Müssten sie Ihrer Meinung nach offener sein gegenüber älteren Mitarbeitenden – und wenn ja, wie könnte das konkret umgesetzt werden?
Hasler: Offener? Fantasievoller! Altersgrenze höher oder tiefer legen, das ist null Fantasie. Die Mehrheit will früh in Pension, ist so. Wollen wir den Leuten dann sagen: «Künftig dürft ihr zwei Jahre länger tun, was ihr schon jetzt nicht wollt?» Nein: Nicht länger – anders! Ich träume von einer Neuetappierung des Arbeitslebens: bis 25 ausbilden, dann an die Arbeit. Mit 55 nicht an Frühpensionierung denken, sondern an Modifizierung des Jobs. Richtung «Seniorpartner», zurückschrauben, Vorteil Erfahrung ausspielen. Junge mit ihren Stärken kämen früher zum Zug. Alte könnten locker bis 75 mitwirken. Ist nicht in jeder Branche so leicht zu machen wir bei Banken. Darum: bitte Fantasie!
Gerold Brütsch-Prévôt
Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft
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