Ältere Mitarbeitende: Zu früh abgeschrieben?

Junge und ältere Mitarbeitende ergänzen sich in vielen Unternehmen besser als oft angenommen. Gerade beim Fachkräftemangel gewinnt die Erfahrung der Generation 55+ an Bedeutung.

Bild Cavan/AdobeStock

Die Balance zwischen Jung und Alt ist wichtig.

Man nennt sie die Todeszone. Wer älter als 55 ist und den Job verliert, fällt zwischen Stuhl und Bank: zu alt für den Arbeitsmarkt, zu jung für die Pensionierung. Kein Wunder, reagieren ältere Arbeitnehmende wütend auf die Diskussionen rund um die Erhöhung des Rentenalters. Die Unternehmen sollen vorher gefälligst dafür sorgen, dass ältere Arbeitnehmer bis und über das Pensionsalter überhaupt arbeiten könnten. Das sei bis heute nicht der Fall und so mache die Erhöhung des Rentenalters überhaupt keinen Sinn. Diese Forderung ist emotional nachvollziehbar, aber statistisch nicht als generelles Argument gegen ein höheres Rentenalter haltbar. Über 55-Jährige sind nicht häufiger arbeitslos als Jüngere, im Gegenteil. Sie verlieren statistisch gesehen auch seltener ihre Stelle.

Balance zwischen Jung und Alt

So hart das einzelne Schicksal auch ist, dass ältere Arbeitnehmende aussortiert werden und in der Todeszone landen, ist also nicht der Normalfall, sondern eher die Ausnahme und auch branchenabhängig. Die Balance zwischen Jung und Alt sei wichtig, sagt beispielsweise Karl Steiner, Managing Director der Kärcher AG in Dällikon. «Es ist Teil unseres Leitbildes – das Bewährte bewahren und damit auch die Erfahrung der älteren Mitarbeitenden in der Zusammenarbeit und im Austausch mit der jüngeren Generation», ergänzt er. Die fachliche Qualifikation sei in den meisten Fällen nicht vom Alter abhängig. Der älteste Mitarbeiter im Betrieb sei über 70 Jahre alt und immer noch im Schulungsbereich tätig.

Flexibler als ihr Ruf

Sind die Alten nicht unflexibel und sträuben sich gegen die Digitalisierung? «Ganz und gar nicht», sagt Karl Steiner. «Bei der Softwareumstellung in unserer Firma waren viele ältere Mitarbeiter flexibler als die meisten jüngeren», lacht er. Und sind sie nicht zu teuer? «Wenn man das Forderungspaket der jungen Generation anschaut, ist das kaum ausschlaggebend. Einem Arbeitnehmenden 55+ käme es nie in den Sinn, mehr Lohn zu fordern, nur weil er in eine teurere Wohnung umzieht oder er sich von seiner Frau trennt. Der Lohn wird einmal verhandelt und dabei bleibt es dann auch.»

«Dank ihrer Erfahrung, Gelassenheit und Loyalität gelten erfahrene Mitarbeitende als Erfolgsfaktor für Unternehmen.»

Claudia Bally, Geschäftsführerin focus50plus

Allerdings: Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Arbeitgeber mehr tun könnten: Laut einer breit angelegten Untersuchung von Swiss Life sind nur 40 Prozent der 1000 befragten Unternehmen klar bereit, Personen ab 55 neu einzustellen, weitere 38 Prozent ziehen dies immerhin in Betracht. Tatsächlich entfallen jedoch lediglich 8 Prozent der Neueinstellungen auf diese Altersgruppe. Nur jeder fünfte Betrieb betrachtet ältere Mitarbeitende zudem als wirksames Mittel gegen den Fachkräftemangel. Stattdessen dominieren Vorbehalte: hohe Lohnkosten, angeblich mangelnde digitale Kompetenzen oder geringere Flexibilität führen dazu, dass Bewerbungen Älterer oft frühzeitig aussortiert werden.

Mehr Chance als Problem

Das kann Claudia Bally, Geschäftsführerin focus50plus, nicht nachvollziehen. Für sie sind ältere Mitarbeitende keine Herausforderung, sondern eine Chance. «Dank ihrer Erfahrung, Gelassenheit und Loyalität gelten erfahrene Mitarbeitende als Erfolgsfaktor für Unternehmen. Anhand von Praxisbeispielen können wir aufzeigen, wie Generationenvielfalt gelebt werden kann; darunter finden sich auch Beispiele von Mitarbeitenden, die über das Referenzalter hinaus arbeiten», sagt sie.

Die Plattform focus50plus fördere generationenfreundliche Unternehmenskulturen, sichere Erfahrungswissen, stärke die Zusammenarbeit und begegne dem demografischen Wandel zukunftsorientiert. «Wir denken das Altersbild in der Arbeitswelt neu; Unternehmen erkennen den Wert von erfahrenen Mitarbeitenden – nicht trotz, sondern dank ihres Alters. Daraus entstehen konkrete Impulse für Unternehmen, Mitarbeitende und eine generationengerechte Arbeitskultur», ergänzt Bally.

Teil der Unternehmenskultur

Rolf Schlagenhauf, Geschäftsleiter der gleichnamigen Firma, die Maler-, Gipser- oder Maurerarbeiten ausführt, sieht es genauso. «Die Mitarbeitenden sind das Fundament eines Unternehmens, die Basis für das Fachwissen, die Kultur und den Zusammenhalt», sagt er. Viele Mitarbeitende arbeiteten seit Jahrzehnten bei ihm, einige sogar seit über 40 Jahren. Auf der Baustelle seien sie oft Vorbilder für die Lernenden und die jüngeren Mitarbeitenden. Ältere Mitarbeiter arbeiteten mit den Jahren möglichweise etwas langsamer, machten das aber mit ihrer Erfahrung wieder wett. Deshalb sei das Alter für ihn bei der Einstellung kein Thema, entscheidend sei die fachliche Kompetenz und ob die Person in den Betrieb passe.

Dass die Arbeiter auf der Baustelle über das Pensionsalter hinaus weiterarbeiten, ist für ihn allerdings nicht realistisch. «Wer jahrzehntelang auf dem Bau gearbeitet hat, ist irgendwann körperlich verbraucht. Sie haben den Ruhestand hart verdient. Deshalb ist es ihnen gegenüber nur anständig, wenn wir ihnen flexible Lösungen vorschlagen – eine leichtere Aufgabe für die letzten Arbeitsjahre zuweisen oder eine frühzeitige Pensionierung unterstützen. Das gehört ebenfalls zur Kultur eines Unternehmens.»

In der öffentlichen Meinung und den Medien gelten ältere Mitarbeitende oft als Aussenseiter: zu teuer, aussortiert oder nicht mehr marktgerecht. Die Praxis zeigt ein anderes Bild: Richtig eingesetzt, sind sie mit Erfahrung, Loyalität und Fachwissen ein Gewinn für Unternehmen. Ein Umdenken auf beiden Seiten ist dafür allerdings die Voraussetzung.

Gerold Brütsch-Prévôt

Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft

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