Zwischen Weltunordnung und Werkbank Schweiz
Die 76. Gewerbliche Winterkonferenz des sgv in Klosters suchte Rezepte für die KMU. Im Zentrum standen die wachsende globale Unsicherheit, der zunehmende Regulierungsdruck sowie die Frage, wie die Schweiz und ihre KMU wettbewerbsfähig bleiben können.
19. Januar 2026 Mark Gasser
sgv-Präsident Fabio Regazzi bei der Begrüssung zur 76. Gewerblichen Winterkonferenz in Klosters.
Klosters ist im Januar mehr als ein Wintersportort. «Das hier ist nicht einfach eine Konferenz», sagte sgv-Präsident Fabio Regazzi zum Auftakt der 76. Gewerblichen Winterkonferenz. «Es ist ein würdiger Rahmen, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen – und um über das zu sprechen, was unser Gewerbe umtreibt.» Drei Tage lang diskutierten Unternehmerinnen, Politiker, Ökonomen und Diplomaten über die Lage der Schweizer KMU in einer Welt, die politisch instabiler, wirtschaftlich fragmentierter und regulatorisch dichter geworden ist.
Regazzi zeigte sich zufrieden mit den jüngsten Volksabstimmungen. «Alle sind so ausgegangen, wie wir es uns gewünscht haben.» Die Service-Citoyen-Initiative und die Juso-Erbschaftssteuer scheiterten, während E-ID, Eigenmietwert und weitere Vorlagen angenommen wurden. Umso schärfer fiel seine Kritik an Politik und Verwaltung aus. Die Regulierungsdichte steige weiter, die Kosten ebenso. «Bürokratie ist heute die grösste Sorge der KMU.»
«Bürokratie ist heute die grösste Sorge der KMU.»
Fabio Regazzi, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands sgv
Emotional wurde Regazzi beim Thema SRG im Hinblick auf die SRG-Abstimmung vom 8. März. Die parlamentarischen Beratungen zur SRG-Initiative seien gescheitert, «weil die SRG-Lobby alles getan hat, um das zu verhindern». Die Mini-Reform des Bundesrates reiche nicht: «80 000 Unternehmen würden weiterhin doppelt belastet.» Sein Appell an die Gewerbler war unmissverständlich: «Treten Sie den Abstimmungskomitees bei. Schreiben Sie Leserbriefe.»
Der Bündner Regierungspräsident Marco Caduff (Die Mitte) sah die Rolle der SRG hingegen als tragend für den Erhalt und die Weiterentwicklung der rätoromanischen Sprache. Die SRG übernehme eine Schlüsselrolle als Filter, Normierer und Multiplikatoro in diesem dynamischen Sprachumfeld.
Geopolitik im Grossformat
Im Anschluss präsentierte Christoph Frei, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der HSG, unter dem Titel «Ordnung oder Chaos? Anmerkungen zum geopolitischen Rahmen» seine Gedanken zur Weltlage.
Trotz Kriegen und Spannungen liefen die Börsen gut, meinte Frei – um dann zynisch zu zitieren: «Ein kleiner Krieg schadet der Wirtschaft fast nie.» Doch die «alte Ordnung» – die westlich dominierte, regelbasierte Welt – liege im Sterben. Der wichtigste Trend sei die Emanzipation des globalen Südens. «Denen sagt heute niemand mehr, was sie tun sollen.» China sei dabei nur die grösste, nicht die einzige Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig wachse im Westen der Widerstand gegen die Globalisierung. «Weil nicht jeder gewinnt.» Ungleiche Verteilung, Deindustrialisierung und kulturelle Verluste nährten den Ruf nach Schutz: my country first.
Politikwissenschafter Christoph Andermatt präsentierte unter dem Titel «Ordnung oder Chaos? Anmerkungen zum geopolitischen Rahmen» seine Gedanken zur Weltlage.
Agilität im Maschinenraum
Europa bekam in dieser neuen Welt ein hartes Zeugnis. «Europa ist ein sicherheitspolitischer Zwerg», sagte Frei. Die Schweiz wiederum lebe «als Insel der Glückseligkeit im Windschatten der Weltpolitik». Doch das sei gefährlich. «Wir müssen Aussenpolitik wieder neu lernen – sonst sind wir eine Nation, die nur auf Glück hofft.» Freis Eindruck: Die Schweiz habe kein Ziel mehr und wisse nicht, wohin sie wolle. Im Wahlkampf hörte er: Wir wollen unabhängig, unter uns, souverän, wohlhabend bleiben. «Wir reden nur noch vom Bleiben, aber nie vom Werden.» Wollten wir, dass alles so bleibe, «müssten wir fast alles in unseren Köpfen ändern».Wie sich diese grossen geopolitischen Umbrüche und neuen Herausforderungen im Alltag eines KMU niederschlagen, zeigte Nicola Tettamanti, Präsident von Swissmechanic. «Ich bin Vertreter einer Generation, die von der Öffnung geprägt wurde», sagte der 1986 Geborene. Coca-Cola, McDonald’s, American Dream – und dann der Bruch. Finanzkrise, Pandemie, Krieg, Protektionismus.
«Wir müssen Aussenpolitik wieder neu lernen – sonst sind wir eine Nation, die nur auf Glück hofft.»
Christoph Frei, Politikwissenschafter, Universität St. Gallen
Sein Unternehmen Tecnopinz verlor in der Hochphase der Globalisierung (bis zur Finanzkrise 2008) 80 Prozent des Umsatzes. «Unser Geschäftsmodell wurde zerstört.» Die Lehre daraus: Neuorientierung, Fokus auf Präzision, technologische Nischen. Die globale Wirtschaftskrise 2023–2025 stellte das Geschäftsmodell erneut infrage durch Wechselkurs, Fachkräftemangel, Energie- und Lieferkettenfragen. Der grassierende Protektionismus treffe die KMU doppelt: Zölle verteuerten Vorprodukte und erschwerten den Export von Maschinen und Anlagen.
Seine Diagnose ist ernüchternd: Allein 2025 gingen 10 000 Industriearbeitsplätze verloren. «Sind wir an der Deindustrialisierung in der Schweiz?» KMU müssten deshalb vermehrt ihre Businessmodelle anpassen und Verantwortung übernehmen. Und die Exzellenz der Schweiz sei auf Tugenden aufgebaut, an die man sich wieder zurückbesinnen müsse.
Auch binnenorientierte Betriebe spüren den Gegenwind. Diana Gutjahr, Nationalrätin und Mitinhaberin eines Metallbauunternehmens, sprach von «schlaflosen Nächten», steigenden Auflagen und Lohnnebenkosten, sinkender Investitionsfreude und Produktivitätsverlusten durch reduzierte Pensen und längere Absenzen sowie politisch gesteuerte Märkte. «Und wir verbringen Stunden mit Offerten, die niemand bezahlt.» Besonders problematisch sei die staatliche Konkurrenz. «Der Staat sollte Rahmenbedingungen schaffen – nicht mit uns konkurrieren.»
Schweiz als antifragiles System
Einen optimistischeren Ton schlug am Donnerstagmorgen Christoph Eisenring von Avenir Suisse an. Sein Schlüsselbegriff: Antifragilität als Gegenteil von Fragilität (nicht Robustheit). Diese könne man trainieren wie Muskeln im Fitnessstudio. Gerade die Schweiz werde durch Krisen stärker – dank Föderalismus, direkter Demokratie, Berufsbildung und KMU-Vielfalt. Doch diese Stärke und gutschweizerische Kompromisse (etwa Lohnverhandlungen durch die Sozialpartner) würden vermehrt untergraben. «Die Bürokratie nimmt zu, der Föderalismus bröckelt.»
Sein Vorschlag: eine «Löschwoche», in der das Parlament systematisch unnötige Gesetze streiche. Oder, wie ein Votum aus dem Publikum das Aussondern unnötigen Papierkrams formulierte: «Ein bisschen ziviler Ungehorsam schadet manchmal nicht.»
Der Donnerstagnachmittag stand im Zeichen von aussenpolitischen Herausforderungen und Chancen. Professor Reto Föllmi vom Institut für Aussenwirtschaft der Universität St. Gallen sah als besondere Herausforderung für die Schweiz als kleines Land, dass sie eine relativ grosse Handelsabhängigkeit aufweist. «Wir müssen Klumpenrisiken und strategische Erpressbarkeiten vermeiden», so Föllmi. Ein breites Netz an Freihandelsabkommen helfe dabei. «Wir müssen die Türen nach allen Seiten offen halten – und wer früh handelt, handelt mehr.»
In eine ähnliche Richtung argumentierte Botschafter Ivo Germann, Leiter der Direktion Aussenwirtschaft des SECO. «Gute Rahmenbedingungen sind zentral.» Wichtig sei, dass sich die Schweiz nicht einem Block anschliesse. Etwa drei Viertel des Handels würden mit Freihandelsabkommen abgedeckt.
Germann gab auch Einblick in die mit den USA ausgehandelte Absichtserklärung bei den Zöllen. Handelsgewichtet liegen diese nicht bei 15 Prozent, sondern bei rund 7 Prozent. «Wir sind damit unter den Allerbesten.» Die Verhandlungen mit den USA sollten nun zeitnah geführt werden, damit bald wieder Klarheit herrsche. Das Ziel sei es, noch weitere Zoll-Ausnahmen zu erreichen.
Europa, Verträge und viel Streit
Heftig diskutiert wurde das neue EU-Vertragspaket. Während das SECO von gesichertem Marktzugang sprach, warnte Unternehmer Marco Sieber, der Teil der Gegenbewegung «Kompass Europa» ist, vor einem «bürokratischen Monster». «Diesen Vertrag mit 5000 Verweisen zu überblicken, ist unmöglich.» Economiesuisse-Vertreter Rudolf Minsch hielt dagegen: «Wir übernehmen weniger als ein Prozent der EU-Binnengesetzgebung.» Ohne bilaterale Stabilisierung drohe schleichende Erosion.
Der sgv bleibt grundsätzlich beim bilateralen Weg – fordert aber Kompensation. «Mehr Bürokratie, weniger Mitbestimmung und mehr Verwaltung müssen innenpolitisch abgefedert werden», sagte sgv-Direktor Urs Furrer. Eine allfällige Zustimmung ist jedoch an Bedingungen geknüpft. «Es braucht eine spürbare Entlastung der KMU.» Ausserdem lehnt der sgv den Ausbau des Kündigungsschutzes ab und fordert ein Ständemehr. Die definitive Position wird die Schweizerische Gewerbekammer, das Parlament des sgv, nach Abschluss der parlamentarischen Debatte festlegen.
Regulierungen messen
Die Messbarkeit und Vergleichbarkeit von Regulierungen sowie deren Treiber und Auswirkungen waren dann am letzten Tag das Thema von Mark Schelker, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg. Die Explosion der Regulierungsaktivität ist Tatsache: Sie ist vor allem auf der Verordnungsebene messbar.
Sicherheit ist auch Wirtschaft
Gerade nach der Abschaffung des obligatorischen Gesetzesreferendums nahm die Regulierung sprunghaft zu. Das ermöglichte das Erlassen von Gesetzen, die nicht mehrheitsfähig gewesen wären.Zuletzt sprach Bundesrat Martin Pfister über Sicherheit und meinte, dass diese nicht allein militärisch definiert werden könne. «Sicherheit bedeutet Resilienz von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.» Wirtschaftliche Abhängigkeiten seien verwundbar. Cyberangriffe nähmen massiv zu: «Letztes Jahr gingen 65 000 Meldungen ein – 6500 betrafen Unternehmen.»
«Es fehlt in unserem Land an Mediatoren für gute Lösungen.»
Martin Pfister, Bundesrat und Verteidigungsminister
Seine Kernforderungen: Fähigkeitslücken schnell schliessen, Munition, Systeme und Ausrüstung beschaffen. Technologische Anpassung: die Armee agiler machen, gesetzliche Grundlagen stärken, sprich Kriegsmaterialgesetz und Exportmöglichkeiten sichern. Breites Sicherheitsverständnis: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft müssen gemeinsam handeln. Wirtschaftliche Resilienz: strategische Abhängigkeiten reduzieren, Innovationskraft und Know-how in der Schweiz halten.
Sein Wunsch ans Gewerbe: mehr Engagement, mehr Vermittlung, mehr Lösungen. «Es fehlt in unserem Land an Mediatoren für gute Lösungen.» Oder, wie es während der Konferenz mehrfach anklang: Die Schweiz darf nicht nur vom Bleiben reden. Sie muss wieder vom Werden sprechen.
Bundesrat Martin Pfister, Chef des VBS, sprach zum Abschluss der Winterkonferenz.
Mark Gasser
Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft
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