Sharing-Potenzial im Bauwesen
Der Markt für Baumaschinenvermietung in Europa boomt seit Jahren. Auch in der Schweiz sieht man viel Potenzial in Sharing-Modellen.
14. Januar 2026 Anna Birkenmeier
Ein Radlader Volvo L120 Electric im Rahmen der Robert Aebi Testtage.
Die Schweizer Bauwirtschaft gerät zunehmend unter Druck. Teure Maschinen, steigende Kosten und immer höhere Anforderungen an Nachhaltigkeit zwingen vor allem kleinere und mittlere Betriebe dazu, umzudenken. Gleichzeitig boomt der Markt für Baumaschinenvermietung in Europa seit Jahren: 2024 lag das Marktvolumen bei rund 33,6 Milliarden US-Dollar, bis 2029 soll es auf über 43 Milliarden anwachsen. Mieten statt kaufen ist damit längst kein Nischenthema mehr. Roger Schenk, Geschäftsführer Bautechnik Schweiz bei der Robert Aebi Gruppe, beschreibt die Entwicklung als evolutionär: «Die klassische Baumaschinenvermietung gilt als Vorläufer moderner Sharing-Modelle und verzeichnet kontinuierliches Wachstum. Doch die Zukunft geht über reine Vermietung hinaus: Mit EaaS wird nicht nur die Maschine bereitgestellt, sondern auch ein umfassender Service, der Wartung, digitale Überwachung und flexible Nutzungsoptionen einschliesst.» Für Unternehmen bedeute dies höhere Effizienz, geringere Investitionskosten, eine bessere Maschinenverfügbarkeit und dadurch eine verbesserte Planbarkeit. Grundlage für diese Entwicklung ist die Digitalisierung. «Vernetzte Maschinen, IoT-Sensorik und datenbasierte Services ermöglichen eine präzise Steuerung und Optimierung von Bauprozessen», erklärt Schenk.
Die klassische Baumaschinenvermietung gilt als Vorläufer moderner Sharing-Modelle und verzeichnet kontinuierliches Wachstum.
Roger Schenk, Geschäftsführer Bautechnik Schweiz bei der Robert Aebi Gruppe
Für KMU eröffnen sich durch Mietmodelle deutliche Vorteile. Schenk: «Baumaschinen sind Investitionsgüter und werden häufig für das sogenannte Projektgeschäft gemietet. Unternehmen können oft nicht genau vorhersagen, wann sie neue Aufträge erhalten oder eine Ausschreibung gewinnen. Um diese Unsicherheit und Auftragsspitzen abzufedern, bietet die Miete eine effiziente Lösung.» Neben der schnellen Verfügbarkeit sei dies auch eine Frage der Kapitalbindung: «Die Miete reduziert die Investitionskosten und bringt buchhalterische Vorteile. Das ist für KMU entscheidend, die ihren Cashflow sorgfältig managen müssen.»
Risikoverlagerung und flexible Anpassung
Mietmodelle, die nach Betriebsstunden oder Produktivität abrechnen, näherten sich bereits dem Prinzip von Sharing-Modellen. «Die Miete ermöglicht zudem eine Risikoverlagerung und flexible Anpassung der Kosten an die tatsächliche Produktivität», so Schenk. Doch die Umsetzung eines Peer-to-Peer-Sharing-Modells zwischen Bauunternehmen sei komplex. «Auf Baustellen mit schwankenden Startterminen, Verzögerungen und komplexer Planung ist ein direkter Tausch zwischen Unternehmen herausfordernd. Hinzu kommen branchenspezifische Faktoren wie Wettbewerbsdruck und Zurückhaltung, Maschinen an direkte Mitbewerber zu vermieten. Diese kulturellen und organisatorischen Hürden müssen aktiv adressiert werden, um ein solches Modell erfolgreich umzusetzen.» Auch die Unternehmenskultur sei entscheidend. Schenk betont: «Die grössten Herausforderungen liegen weniger in der Technik, sondern in der Branche selbst. Ein offenes Mindset, professionelles Change Management und die Bereitschaft zu Innovation und Veränderung sind zentrale Erfolgsfaktoren. Nur so lassen sich digitale Lösungen nachhaltig implementieren und neue Geschäftsmodelle erfolgreich etablieren.» Hinzu komme, dass viele Bauunternehmen noch nicht ausreichend digitalisiert seien, und dass viele Mitarbeiter im Umgang mit Mietmaschinen zurückhaltender seien als bei eigenen Geräten: «Auf Baustellen wird oft nicht so sorgfältig mit fremdem Equipment umgegangen wie mit eigenem.»
Potenzial in Sharing-Ansätzen
Auch der Schweizerische Baumeisterverband sieht Potenzial in Sharing-Ansätzen, insbesondere für schwere Maschinen im Tiefbau. Johanne Stettler vom Baumeisterverband erklärt: «Das Mieten beziehungsweise Leasen von Baumaschinen wird bereits intensiv genutzt, um Kapazitätsspitzen abzufedern. Besonders kleinere Firmen können dadurch Investitionskosten sparen, während grössere Unternehmen Leerlaufzeiten reduzieren.» Die gemeinsame Nutzung von Maschinen steigere die Kosteneffizienz, ermögliche eine bessere Maschinenauslastung und könne dem Fachkräftemangel entgegenwirken. «Sharing und Leasing leisten zudem einen Beitrag zu gesellschaftlichen Nachhaltigkeitszielen», so Stettler.
«Das Mieten beziehungsweise Leasen von Baumaschinen wird bereits intensiv genutzt, um Kapazitätsspitzen abzufedern. Besonders kleinere Firmen können dadurch Investitionskosten sparen, während grössere Unternehmen Leerlaufzeiten reduzieren.»
Johanne Stettler vom Baumeisterverband
Die Praxis zeigt jedoch Grenzen. In der Schweiz sei der Maschinenmarkt stark geprägt von klassischer Vermietung über Anbieter mit grossem Maschinenpark. «Solche Mietmodelle entsprechen nicht unbedingt dem klassischen Sharing-Economy-Modell, bei dem Unternehmen ihre eigenen Maschinen direkt untereinander oder über digitale Plattformen teilen – erfüllen aber denselben Zweck: flexible Nutzung statt Kauf», erklärt Stettler. Die grössten Hürden sieht der Verband in fehlenden standardisierten digitalen Prozessen, ungleichen digitalen Reifegraden sowie rechtlichen und versicherungsbezogenen Unsicherheiten: «Wer haftet bei einem Schaden? Wer trägt die Verantwortung, wenn im Submissionsverfahren Emissionsangaben nicht eingehalten werden können, weil eine Maschine getauscht wurde?» Daneben sei der wirtschaftliche Nutzen solcher Modelle nicht immer klar nachweisbar, was die breite Einführung bremsen könne.
Vorsichtig optimistisch
Schenk zieht ein vorsichtig optimistisches Fazit: «Grundsätzlich ist das Konzept interessant und könnte zusammen mit KMUs getestet werden. Besonders bei intelligenten, digital vernetzten Maschinen, etwa im Bereich Elektromobilität, bietet Sharing-Potenzial. Für herkömmliche Maschinen ist es weniger naheliegend.» Die Entwicklung zeige jedoch klar: «Die Branche muss technische Lösungen, kulturelle Veränderungen und organisatorische Anpassungen zusammendenken, um das volle Potenzial von Sharing-Modellen auszuschöpfen.» Sharing-Modelle sind also mehr als nur ein Trend: Sie könnten die Schweizer Bauwirtschaft effizienter, flexibler und nachhaltiger machen. Für KMU, die mit schwankenden Auftragslagen und knappen Budgets kämpfen, bieten digitale Plattformen, flexible Mietlösungen und EaaS-Modelle bereits heute konkrete Chancen, die Rentabilität und Planbarkeit zu verbessern – während grössere Unternehmen Leerlaufzeiten minimieren und ihre Maschinen besser auslasten können.
Anna Birkenmeier
Redaktion Zürcher Wirtschaft
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