Die neue Loyalität
Mitarbeitende werden anspruchsvoller und selbstbewusster: Stimmen Lohn, Sicherheit, Sinn und Wertschätzung nicht mit den Erwartungen überein, springen sie ab. Für Unternehmen zunehmend eine Herausforderung.
26. November 2025 Gerold Brütsch-Prévôt
50 Prozent der Beschäftigten sind offen für eine Veränderung.
Früher liess man sich im Telefonbuch stolz beispielsweise als «Angestellter Swissair» eintragen. Man ging wohl davon aus, lebenslang bei einer Firma zu bleiben – schliesslich wurden die dicken Wälzer mit Telefonnummern auch nur alle paar Jahre neu aufgelegt. Der Job fürs Leben – 30 oder 40 Jahre beim gleichen Arbeitgeber – galt früher als Normalfall. Verlässliche Zahlen dazu gibt es allerdings nicht; sie stammen vor allem aus den Erzählungen unserer Grossväter. Die Grossmütter standen damals noch ausschliesslich am Herd.
Betriebstreue seit 1993 halbiert
Heute gibt es Zahlen dafür. Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) hatte eine Person, die in den Jahren 2022 und 2023 den Arbeitgeber wechselte, bei Austritt im Schnitt 5,6 Jahre im gleichen Betrieb gearbeitet. Dabei lag der Durchschnitt bei Männern bei 5,9 und bei Frauen bei 5,2 Jahren. 1993 bis 2021 waren es noch doppelt so viele Jahre, nämlich rund 11.
Ein Grund dafür ist möglicherweise auch, dass Betriebstreue heutzutage nicht mehr vor einer Entlassung schützt. Unternehmen sehen sich – im Gegensatz zu früher, als noch ein Patron über allem wachte – nicht mehr als so-ziale Auffanggefässe und entscheiden knallhart aufgrund ökonomischer Kriterien. Egal, ob beispielsweise ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bei der Sozialhilfe landen.
«Viele Mitarbeitende verfolgen heute ein stringentes Eigennutzkalkül.»
Martin Bürki, Leadership-Partner, Zürich
Dass die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber generell abnimmt, stellt auch Renato Peterhans von der Bank BSU in Uster fest. «Man denkt und plant heute mehr in Lebensabschnitten – ähnlich, wie man Immobilien oft nicht mehr für das ganze Leben kauft, sondern für eine gewisse Zeit. Das gilt auch für den Job», sagt er. Das passe irgendwie auch zur Swipe-Generation, die immer der Illusion des Perfekten nachrenne. «Und ja, wenn etwas nicht mehr hundertprozentig stimmt, überlegt man sich schnell einmal, ob man die Stelle wechseln soll», ergänzt er. Deshalb sei auch die Rolle der Führungsperson wichtig, die dafür sorgen müsse, dass das Umfeld stimme, die Versprechungen eingehalten und Vertrauen aufgebaut würden.
Liegt es an den Chefs?
Führung spielt tatsächlich eine zentrale Rolle. Viele Mitarbeitende verlassen nicht das Unternehmen, sondern ihre Vorgesetzten. Un-klare Kommunikation, fehlende Wertschätzung oder ein veralteter Führungsstil sind häufige Gründe. Zwischen Zielvorgaben, Fachkräftemangel, Homeoffice-Regeln und Generationenmix geraten viele Führungskräfte unter Druck – und reagieren mit Unsicherheit oder Kontrollverlust. Damit verhalten sie sich konträr zu den Erwartungen der Mitarbeitenden. Viele Angestellte definieren Loyalität heute anders. Sie sind loyal, solange sie Sinn, Entwicklung und Wertschätzung erleben. Sobald das fehlt, springen sie ab.
Dieses Verhalten beobachtet auch Dr. Martin Bürki, Leadership-Partner für obere und oberste Führungskräfte in Zürich. «Viele Mitarbeitende verfolgen heute ein stringentes Eigennutz-Kalkül», sagt er. «Während sie für Leistungsbereitschaft umgehend Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommensentwicklung erwarten, bleiben sie nur sich selbst gerecht.» Das Streben nach langfristigen Zielen sei für viele kein Thema mehr. Das bringe Unternehmen in eine unangenehme Position. Ihren langfristigen Kundenversprechen stünden kurzfristig optimierende, rosinenpickende Mitarbeitende gegenüber. Deshalb liege es auch nicht nur an den Vorgesetzten, wenn sich Firmen schwertäten, Mitarbeitende längerfristig zu halten. Diese Begründung greife viel zu kurz.
Die Hälfte will Veränderung
Gemäss einer Umfrage des Beratungsunternehmens WTW sind die Hälfte der Schweizer Arbeitnehmenden offen für Veränderungen. 16 Prozent suchen aktiv eine neue Stelle. Das müsste ein Alarmsignal für Unternehmen sein, um sofort Massnahmen zur Stärkung ihrer Arbeitgeberattraktivität zu ergreifen.
Die andere Hälfte der Beschäftigten entscheidet sich derzeit bewusst dafür, beim aktuellen Arbeitgeber zu bleiben, auch dann, wenn nicht alles stimmt. Der Lohn ist der wichtigste Treiber für die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden. In der Umfrage nannten die Befragten Lohn, Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitsumfeld zu je ungefähr einem Drittel als Hauptgründe, warum sie bei ihrem Arbeitgeber bleiben. Aber auch die Sozialleistungen gewinnen an Bedeutung, je älter die Arbeitnehmer werden und auch, wenn sie eine Familie gründen. Erstaunlicherweise rechnet ein Drittel dieser Gruppe nicht damit, vor 70 Jahren in Pension zu gehen. Viele hoffen, den Rentenbezug hinauszuschieben und dadurch ihre Rente zu erhöhen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Arbeitgeber dies unterstützt und die Weiterbeschäftigung über das Rentenalter hinaus ermöglicht.
Loyalität stark verändert
Die lebenslange Betriebstreue hat sich zu einem pragmatischen Verhältnis verändert: Man bleibt, solange Lohn, Sicherheit, Sinn und Wertschätzung stimmen. Fehlt einer dieser Faktoren, folgt der Wechsel. Dieses Verhalten bringt Firmen in Schwierigkeiten, ihre langfristigen Ziele zu erreichen. Unternehmen müssen deshalb Umfeld, Führung und Benefits gezielt verbessern, um die Bindung zu sichern und eine teure Fluktuation mit dem entsprechenden Know-how-Verlust zu verhindern.
Gerold Brütsch-Prévôt
Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft
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