Revival des Polit-Pop

Wahlen lassen immer auch einen gewissen Spielraum für Sauglattismus, wie ein Kollege jeweils die Bemühungen bezeichnet, die Öffentlichkeit als Spielwiese für persönliche Kreativergüsse zu nutzen, die nicht wehtun – und die es im Idealfall sogar in die Schlagzeilen schaffen.


Mit einer Urheberrechtsklage konfrontiert, überarbeitete die SVP ihren Wahlkampfsong von 2019 und bastelte daraus für die Wahlen 2023 den aktuellen Polit-Popsong «Das isch d’SVP» unter Federführung von Nationalrat Thomas Matter alias DJ Tommy. Mit neuen Akkorden musikalisch entschärft, ist «Das isch d’SVP» zwar immer noch stark angelehnt am Welthit «We are Family». Aber man spürt die Eingriffe durch die SVP-Family im Tonstudio. Dazu die Anweisung im Refrain – passend zur gleichzeitig lancierten Tanz-Challenge: «Eimal ufe, eimal abe, kein Schritt links und zwei Schritt rechts!» Weltwoche-Journalist Hubert Mooser jedenfalls findet den Song «genial», während bei der SP sowieso alles bierernste Spassbremsen seien.
Musikalisch ist tatsächlich von den Sozialdemokraten dieses Jahr wenig gekommen – ausser vielleicht der Streetparade-Auftritt von Bundesrat Alain Berset (der von vielen nicht nur als musikalischer Fehlgriff gedeutet wurde).

«Welcome to SVP»


Statt, wie 2015 im Hit «Welcome to SVP» bloss mitwippende Politiker in Krawatte, Sonnenbrille und verschränkten Armen zu zeigen, versuchen sich die SVP-Politgrössen dieses Jahr immerhin beim Tanzen – ob es Selbstironie ist oder ernst gemeinte Anbiederung an die tanzfreudigen jüngeren Wähler, weiss man nicht so genau. Der musikalisch entschärfte Song beweist aber leider auch: Im Dossier Popmusik hat die Kreativfraktion der SVP etwas geschlafen. Freilich sind sie da mit den WM-Hymnen von Fussballstars in guter Gesellschaft. Wir hätten uns gewünscht, dass der ehemalige Barpianist und SVP-Ständeratskandidat Gregor Rutz in die Tasten greift. Das wäre wirklich «genial» gewesen, zumindest originell.
An den meisten Wahlkampf-Songs, die über die Jahre geschrieben wurden, fällt einem im Bereich Text auf: Politbegriffe sind nicht sehr lyrisch. So etwa bei Beat Flachs (GLP) Song aus dem Jahr 2015 mit dem holprigen Refrain «Drum wähled mir Grüenliberal» und gespickt – um nicht zu sagen überladen – mit gebrummten Schlagworten wie «Nachhaltigkeit» «Natur», «zerstören».

Songs und Deepfakes von tanzenden Politikern


Fast ein Ohrwurm ist da der aktuelle Song aus eigener Küche von drei Zürcher FDP-Nationalratskandidierenden: Wer sich «Original Liberal» reinzieht, entdeckt im Refrain des Rocksongs Ähnlichkeiten zu Mundartrock-Riffs aus den 1970er-Jahren. Doch die Stimme zum rassigen Song – gesungen wie getextet von Esther-Mirjam de Boer – ist etwas monoton geraten.
Der aktive Gebrauch von KI-basierten Programmen ist bei den Parteien noch nicht weit verbreitet. Aber gut möglich, dass künstliche Intelligenz im Wahlkampf bald eine Rolle spielen könnte. Songs und dazu noch Deepfakes von tanzenden Politikern könnte etwa die KI generieren. Trotz allem bevorzugen wir dann doch das Original.

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