KMU punkto Nachhaltigkeit unter Druck

Für Kleinbetriebe ist es zwar noch nicht Pflicht – aber sicher sinnvoll, sich mit der Nachhaltigkeit und damit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen.

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Nachhaltigkeit ist für jede Betriebsgrösse und Branche ein Thema.

Wenn die Mitarbeitenden eines KMU im Klettgau wohnen, im hinteren Aargau oder in der Ostschweiz und tagtäglich mit dem Auto an den Arbeitsplatz nach Zürich und zurück pendeln, kann dies in Zukunft bald zu Auftragsverlusten führen. Emissionen aus dem Mobilitätsverhalten der Mitarbeitenden auf dem Weg ins Büro oder in die Werkstatt tragen auch zur Nachhaltigkeit eines Unternehmens bei – also nicht nur solche aus der Herstellung und dem Transport von Produkten oder dem Strom für Beleuchtung und PCs.

Definition von Nachhaltigkeit


Doch wie definiert und misst man Nachhaltigkeit? Heute besteht ein regelrechter Dschungel aus Standards, Labeln, Ratings und Zertifikaten, die nicht miteinander vergleichbar sind. Gefragt wären klar definierte, messbare Kriterien, die auch allgemein anerkannt und akzeptiert werden. International durchgesetzt haben sich die ESG-Kriterien (ESG steht für Environment, Social und Governance). Sie stehen für die betrieblichen Standards betreffend Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Die vom Bundesrat auf den 1. Januar 2024 in Kraft gesetzt «Verordnung zur verbindlichen Klimaberichterstattung» betrifft zwar nur Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden – es empfiehlt sich aber auch für KMU, sich mit der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.

«Aber Achtung – nicht alles ist grün, was als grün und nachhaltig kommuniziert wird.»

Von Scope 1 bis 3

Der Begriff «Scope», also den Umfang der Emissionen in Einheiten aufzuteilen, ist heute anerkannter internationaler Standard zur Berechnung von Treibhausemissionen. Damit kann als ganzheitlicher Ansatz genau ausgewiesen werden, welche Umweltbelastungen direkt und indirekt in der Wertschöpfungskette entstehen. Scope 1 bezieht sich auf direkte Emissionen, die durch die Aktivitäten eines Unternehmens verursacht werden, also durch firmeneigene Fahrzeuge bei der Auslieferung der Ware, Maschinen und Produktionsanlagen. Scope 2 umfasst alle indirekten Emissionen, die durch die Energieerzeugung entstehen, die ein Unternehmen nutzt – beispielsweise Strom. Scope 3 letztlich ist der umfangreichste Bereich und weist alle anderen indirekten Emissionen aus, die eine Firma verursacht. Dazu gehören etwa Emissionen der Zulieferer, die Nachhaltigkeit der Produkte, die ein Unternehmen herstellt, der Arbeitsweg, wie eingangs erwähnt, der Mitarbeiter und die Emissionen, die durch die Nutzung der hergestellten Produkte entstehen.

KMU unter Druck

KMU geraten punkto Nachhaltigkeit immer mehr unter Druck, weil sie immer mehr zu einem wichtigen Kriterium bei Submissionen von Gemeinden und öffentlichen Institutionen bei der Auftragsvergabe wird. Denn sobald eine Firma Aufträge an einen Zulieferer vergibt, die nicht nachhaltig wirtschaftet, verschlechtert sich auch ihre eigene Nachhaltigkeitsbilanz in der Einheit Scope 3. Die öffentliche Hand definiert Nachhaltigkeit in der Beschaffung so: Der Bedarf soll wirtschaftlich, ökologisch und aus sozialer Sicht optimal gedeckt werden. Damit besteht die Pflicht, umweltschonende und kreislauffähige Materialien und energieeffiziente Lösungen zu wählen. Je detaillierter und transparent ein KMU diese Anforderungen also ausweisen kann, umso grösser wird die Chance, den Auftrag zu erhalten – neben dem Preis natürlich, der leider gerade bei Submissionen von Bund, Kantonen und Gemeinden immer noch das erste und wichtigste Kriterium ist.

«Auch Stellensuchende prüfen,
wie nachhaltig ein Unternehmen aufgestellt ist.»

Für Stellensuchende wichtig

Fachleute sind überzeugt, dass eine detaillierte und vor allem vergleichbare Nachhaltigkeitsberichterstattung in ein paar Jahren selbstverständlich sein wird – auch für kleinere KMU. Für Grossbetriebe und internationale Konzerne gehört sie bereits zum Standard.
Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist es wichtig zu wissen, dass auch Stellensuchende prüfen, wie nachhaltig ein Unternehmen aufgestellt ist. Gemäss einer Umfrage des Stellenportals JobCloud wollen 53 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht bei einer Firma arbeiten, die diesbezüglich nicht ihren Vorstellungen entspricht.

Nicht alles ist grün

Aber Achtung – nicht alles ist grün, was als grün und nachhaltig kommuniziert wird. Greenwashing ist das Thema. Sobald diese von den Auftraggebern, Konsumenten und Mitarbeitenden entlarvt wird, ist es aus mit dem guten Image. Das erleben sogar Grosskonzerne wie Coop und Migros. Ihnen werfen die Umweltschutzorganisationen Intransparenz und Augenwischerei vor, wenn es um nachhaltige Produkte geht. Es würden schwammige Begriffe benutzt oder Versprechen gemacht, die sich schwer überprüfen liessen. Und manchmal wird sogar nur um ein einzelnes Wort gestritten, wenn Migros in ihrer schweizweiten Werbekampagne behauptet «meh für d’Schwiiz» zu machen. Was genau heisst «mehr»? Es werden klare Zahlen verlangt, wie sich Kriterien wie Verpackung, Anteil pflanzenbasierter Produkte, Regionalität wirklich vom vorherigen Wirtschaften unterscheiden. Auch die EU schaut Firmen auf die Finger, auch solchen, die in den EU-Raum liefern, und hat festgestellt: In 42 Prozent der Fälle waren Behauptungen zur Nachhaltigkeit «übertrieben, falsch oder irreführend». Diese ökologische Schönfärberei der Firmen, das sogenannte «Greenwashing», habe in den letzten Jahren klar zugenommen.

Gerold Brütsch-Prévôt

Redaktioneller Mitarbeiter Zürcher Wirtschaft

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