Ein Otelfinger Unternehmer wird zum Kantonsratspräsidenten

Der höchste Zürcher ist ein KMU-Unternehmer und Milizpolitiker durch und durch – und damit ist ein KGV-Ausschussmitglied Kantonsratspräsident: Jürg Sulser (SVP) ist am 6. Mai mit 139 von 155 Stimmen im Rat zum Kantonsratspräsidenten gewählt worden. An seinem ersten Arbeitstag gab er sich ganz staatsmännisch und mit langen Ärmeln – dafür rhetorisch weniger hemdsärmelig. Ein Opfer musste er bringen: Seine Kurzarmhemden wird er auf dem Stöckli nicht mehr tragen.

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Bodenständig und – ganz staatsmännisch – mit Langarmhemd: Jürg Sulser wurde zum höchsten Zürcher gewählt.

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Regierungspräsidentin Natalie Rickli (SVP) bei ihren Grussworten.

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Jürg Sulser bei der Begrüssungsansprache

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Der volle Mehrzwecksaal in Otelfingen feierte mit Jürg Sulser dessen Wahl.

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Jürg Sulser (SVP, Mitte) freut sich über seine Wahl zum Kantonsratspräsidenten. Als 1. Vize wurde Martin Farner (links) gewählt, zur 2. Vizepräsidentin Romaine Rogenmoser.

Er gilt als einer, der Klartext spricht. Der verbal auch mal austeilt, wenn es ihm zu ideologisch, zu langsam, oder zu unternehmerfeindlich geht. Einer, der im verbalen Wortgefecht die Ärmel hochkrempelt. Das galt bislang nur im übertragenen Sinn: Jürg Sulser mochte seine Hemden ärmellos, gern auch mal mit Krawatte an einem formaleren Anlass. Doch die kurzarmige Freiheit ist vorbei. Zumindest für ein Jahr.

Denn nun machte ihm ein erfreuliches Ereignis einen Strich durch die eigenwillige Kleiderordnung: Jürg Sulser wurde am 6. Mai zum Kantonsratspräsidenten gewählt. Staatstragend konform, will Sulser fortan mit Langarm-Hemden seine repräsentativen Aufgaben und Sitzungsleitung im Rat bewältigen.

Ende einer ärmellosen Ära?

Um jetzt nicht allzu plump in allen möglichen Ärmel-Metaphern («Zwangsjacke», «ärmellose Freiheit») zu wühlen, nur soviel: Er trägt diese kleine Beraubung seiner Freiheit mit staatsmännischer Kompromissfähigkeit. Möglich, dass er seine Ärmel im heissen Saal mal hochkrempelt. Dass ihn der Staatsapparat nun aber in neuer Rolle und mit neuer Hemdwahl unterwürfiger, leiser, konformer, glatter oder weniger hemdsärmelig werden lässt, ist zu bezweifeln. Die Kanten dürften auch weiterhin, etwa in seiner Finanz- und Gewerbepolitik, als oberster Gewerbler zu spüren sein. Ob mit oder ohne lange Ärmel.

SVP-Kantonalpräsident Domenik Ledergerber brach in der Mehrzweckhalle in Otelfingen, Sulsers Wohngemeinde, eine Lanze für seine Partei, die nicht nur mit Jürg Sulsers Wahl Verantwortung übernehme und sich auf allen Stufen für bürgerliche Politik einsetze. Mit der Wahl von mehreren SVP-Politikern in wichtige Ämter zeige die SVP Kanton Zürich, dass sie nicht nur die stärkste Partei im Kanton ist, sondern auch eine staatstragende Rolle einnehme. «Du bist jetzt der Botschafter des Kantons Zürich», meinte Ledergerber an Sulsers Adresse. Weitsicht, Kompromiss, Entscheidungsfreudigkeit und Führungsstärke brauche der wirtschaftsstärkste Kanton, um weiterhin zu florieren. Und das bringe Sulser alles mit.

Mögliches und Machbares

Der Biker-Kollege und ehemaliger Fussball-Weggefährte Hanspeter Rohrer erwähnte dann einige sportliche Lichtblicke des einstigen Stürmers Jürg Sulser, der einst beim FC Würenlos kickte. Beharrlichkeit und Bissigkeit zeichneten Sulser schon damals aus. Von seinen Kollegen erhielt er ein blauweisses Bike-Shirt mit der Aufschrift «Höchster Zürcher», das er sich kurz überstreifte.

Auch der ehemalige Kantonsratskollege und Ombudsmann Jürg Trachsel lobte unter anderem Sulsers Beharrlichkeit – allerdings in der (finanz-)politischen Sphäre. Der «Eisenfuss» des FC Kantonsrats habe ihm einst gesagt: Ball oder Bein, das sei seine Devise. Aber mit der Zeit habe der Heisssporn gelernt, das Machbare, das Mögliche vom Wünschbaren und der Illusion zu trennen. Das zeige sein Einsitz in der Geschäftsleitung der SVP-Fraktion: Da würden «nicht die grössten Hitzköpfe» eingeladen.

Und auch Trachsel konnte es sich nicht verkneifen: Seit 2011 habe er Sulser nie ohne Kurzarmhemd gesehen. Immer wieder habe er auf ihn eingeredet: Kurzarmhemd und Krawatte – das geht nicht. «Und ich sehe: Du bist auch da angepasst worden. Das soll eine Referenz sein: Du musst das nicht nur heute, sondern das ganze Jahr so tragen.» Es sollen Wetten laufen, ob er das ganze Jahr durchhält – in Langarm.

Bereits letzte Woche hatte der Regierungsrat Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli zu seiner Präsidentin für das Amtsjahr 2024/2025 gewählt. Sie liess in ihren Grussworten Jürg Sulsers vergangene 13 Kantonsratsjahre seit seinem Antritt im Mai 2011 revue passieren. Sein allererster Vorstoss: «Auffallende Einnahmen bei den kantonalen Motorfahrzeugsteuern». Und zu diesen Steuereinnahmen hatte die Sulser Group mit ihrem grossen Fahrzeugpark massgeblich beigetragen. Im Januar 2014 forderte Sulser in einer Parlamentarischen Initiative eine Reduktion der Verkehrsabgaben für Lastwagen, Sattelschlepper und Gesellschaftswagen. Und die 2001 neu eingeführte LSVA hatte für Sulser schon nach der Übernahme des Unternehmens von seinem Vater finanzielle Nöte beschert. «Aber du hast nicht aufgegeben, dein Unternehmen diversifiziert und heute gehört der Sulser Group ein ganzes Firmenimperium.»

Brückenbauer im Langarmhemd

Seine Frau Bea beschrieb ihren Ehemann auf Anfrage von Rickli als ungeduldig, teilweise impulsiv – insbesondere, wenn es nicht vorwärts geht (weshalb Rickli ihm auch ein Puzzle schenkte). «Das wird dich wahnsinnig machen als Präsident des Kantonsrats.» Schon an diesem seinem ersten Tag als höchster Zürcher, der die Sitzung vorzubereiten und zu leiten hat, brach er, als kein Ende der Traktanden nicht in Sicht war, aus Zeitgründen kurzerhand die Sitzung ab und leitete zum Apéro über. Trotzdem sei sie sicher, meinte Rickli, dass er gut mit Veränderungen umgehe und auch das Präsidialjahr mit Bravour meistern werde.

Mit Sketches des lokalen Comedians «Dä Hans» (hinter der Figur steckte Maler Roger Tschirren) und der Live-Musikerin Dayana aus dem Furttal wurde der volle Saal während dem Essen, das mit Pinot Gris und einem roten, von Jürg Sulser persönlich ausgewählten Cuvée aus der Kellerei des Kloster Fahr ergänzt wurde, unterhalten. Der Wein wird nun das Jahr über an Anlässen im Rat kredenzt werden.

Daran, dass Jürg Sulser für seine Ansprache etwas leisere Töne als gewöhnlich wählte, war wohl nicht das Langarmhemd schuld. Er nehme sein Präsidialjahr mit Respekt in Angriff. Bislang habe er keinen Tag im Parlament bereut oder als überflüssig betrachtet – auch wenn sein offenkundiger Ärger und seine markanten Voten manchmal das Gegenteil vermuten liessen. Nun wolle er aber in seiner neuen Rolle ein Brückenbauer sein, um in Zusammenarbeit mit den Parteien die besten Lösungen für die Bürger zu finden. «Das Mitgestalten bei der Gesetzgebung ist kein Ort, um Zeichen zu setzen oder symbolische Entscheiden. Auch rein persönliche Interessen sind ein ganz schlechter Ratgeber», sagte Sulser. Kompromisse in den Kommissionen auszuhandeln, sei zentral für eine gute Ratsarbeit.

Er wolle sich mit Leidenschaft als Präsident dafür einsetzen, dass man gemeinsam breit abgestützte Antworten auf aktuelle Herausforderungen finde. Und damit meinte er nicht nur den Verkehr, die Verwaltung oder die Finanzen. Dass auch Sulsers Präsidialjahr nicht von Zwischenfällen und Eclats verschont sein wird, zeigte bereits sein erster Tag. Eine Gruppe Impfgegner liess Banner, die sie hineingeschmuggelt hatte, von der Tribüne hängen. Bis diese entfernt waren, verstrichen einige Minuten und verzögerten die Sitzung.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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