Altes Handwerk neu vermarktet

In Handan, einer traditionsreichen Stadt in Chinas Nordosten, wird der Handwerkskunst wieder vermehrt Beachtung geschenkt. Mehrere Verbände rund ums alte Handwerk stehen in regelmässigem Austausch miteinander – zusammengehalten vom Verband der Übersetzer.

Beim Verband der Handwerkskünstlerinnen in Handan: Die Besucher aus Europa werden mit viel Aufwand und handgemachten Produkten empfangen.

Auch der Übersetzerverein ist hier domiziliert. So werden ein paar Worte in Englisch gewechselt.

Beim Verband der Handwerkskünstlerinnen in Handan: Grosser Empfang für die «Handelsdelegation» aus Europa.

Beim Verband der Handwerkskünstlerinnen in Handan: Grosser Empfang für die «Handelsdelegation» aus Europa.

Beim Verband der Handwerkskünstlerinnen in Handan: Die Besucher werden mit vielen handgemachten Produkten empfangen.

Beim Verband der Handwerkskünstlerinnen in Handan: Die Besucher werden mit vielen handgemachten Produkten empfangen.

Klassische KMU sind in China nicht in einem derart dichten Netz organisiert wie in der Schweiz. Hier sind kleinere Verbände auf Kommunal- oder Regionalebene oft in Personalunion miteinander «befreundet» oder sogar physisch am selben Ort verschmolzen. Daher sind wir zunächst etwas überrascht, als wir auf unserer Chinareise mit dem «Swiss China Center» in der Stadt Handan – eigentlich bekannt für die Stahlproduktion und Kohlevorkommen – in der obersten Etage eines unscheinbaren Bürogebäudes in einem grossen Raum gleich mehreren Verbänden und Berufsorganisationen vorgestellt werden. So finden sich hier der Verband der Übersetzer (Hauptfokus: Englisch) und der «Frauenverband für Handwerkskunst». Auch ein lokaler Radiosender und eine Gruppe Weinverkäufer sind ihm angesiedelt. «Wir vom Übersetzer-Verband kooperieren mit den Handwerkskünstlerinnen», meint Shi-Yun Xia (oder Alyce), Vizepräsidentin der Übersetzungsorganisation des Distrikts. Die jährlichen Verbandsbeiträge bewegten sich für Privatmitglieder zwischen 200 und 300 Yuan oder 25 bis 40 Franken, Firmen zahlten rund 2000 Yuan. Der Verband der Übersetzer sieht sich auch als Brückenbauerin für Unternehmen, die traditionelle Produkte ins Ausland exportieren möchten. «Vor allem Auslandchinesen, die etwa in Handelsorganisationen tätig sind, sorgen dafür, dass unsere Produkte im Ausland bekannter werden», so Shi-Yun Xia. Gerade Chinesen beziehungsweise Vertriebspartner entlang der neuen Seidenstrasse investierten grosszügig in chinesische Handwerkskunst.

Der lokale «Frauenverband für Handwerkskunst», der solche Aktivitäten fördert, wurde erst 2015 gegründet und hat 135 Mitglieds-KMU und darüber hinaus 235 Einzelmitglieder. Er deckt mitunter alle Textilarbeiten von Sticken, Weben, Malen, Töpfern, Tuchkunst, Schnitzen, oder Scherenschnitt-Kunst auf Papier, Gold- und Silberfolie, Rinde oder Blätter ab. Auch die Hersteller von traditionellen Cheongsam-Kleidern mit Stehkragen, bestickten Taschen, Tigerkopf-Schuhen mit ihren bunten Farben und komplizierten Mustern sind dabei. Die Schuhe sind eine traditionelle Tracht für Kinder in China, um gute Wünsche zu symbolisieren. Cheongsam-Kleider für Frauen sind im Westen bekannter, zumal die langen, bunten Kleider mit orientalischen Mustern – die inoffizielle «Nationaltracht» mit Stehkragen und Revers – mit der Globalisierung auf internationalen Modebühnen ihren Platz finden. Ein Produzent bereichert sogar mit Nahrungsmittelkunst die Kleingewerbler-Familie: Er pflegt die alte Tradition essbarer Kunstwerke aus Nudeln oder Brötchen, sogenannte «Huamo», die insbesondere im Nudeln liebenden Norden zu feierlichen Anlässen gehören. Auch die Porzellanindustrie ist hier vertreten.

Durchdrungen von Volkskunst

In vielen Städten – insbesondere in grossen Metropolen wie Shanghai oder Hongkong – hat sich einerseits in den letzten Jahren eine lebendige Kunstszene entwickelt. Doch mit dem zunehmenden Nationalismus und einer schärferen Zensur werden anderseits die Spielräume für die Künstler kleiner. Das traditionelle Handwerk in Handan scheint im Gegensatz dazu die Regierung eher als Partnerin zu sehen. «Auf Provinz- oder städtischer Ebene kümmert sich die Regierung um uns kleineren Verbände. Sie organisiert Meetings, Netzwerkanlässe und Vorträge. Beispielsweise stellen Experten neue Regulierungen vor oder Strategien, um Verbände zu führen. Denn wir müssen schliesslich über neue Richtlinien und Regulierungen Kenntnis haben, um Fehler zu vermeiden», so die Vizepräsidentin der Übersetzer, die hauptberuflich als Lehrerin arbeitet. Öfter würden Verbandsanlässe mit Spenden finanziert – nicht selten zahlten Verbandsmitglieder keine Jahresbeiträge, diese seien optional. Zum Verbandsprogramm gehören auch Unternehmensbesuche bei Mitgliedern.

Frauenverbände wie dieser mobilisieren oft auch ihre Mitglieder, um Frauen im ländlichen Raum und in ärmlichen Verhältnissen die Heimarbeit zu ermöglichen – und gleichzeitig den technologischen Wandel nicht zu verpassen. Viel wird hier auch mit Stoffen und Rohmaterialien aus der Region gearbeitet. Die nahe Region Wu’an ist bekannt für ihre Baumwolle, aus der bereits vor 2000 Jahren und in der Ming- und Qing-Dynastie Stoffe hergestellt wurden. Auch heute noch wird die Baumwolle in der Provinz Hebei gepflückt und selbst gesponnen.

China konsumiert die Hälfte des Getreides weltweit, wie vor allem im Zusammenhang mit der Ukrainekrise bekannt wurde. Weniger bekannt ist, dass hier auch viele Kleinunternehmer von der Strohweberei leben und mit Getreide und Nahrungsmitteln allgemein viel Kunst entsteht. So schafft in Handan ein Unternehmer aus Pflanzensamen – etwa Weizen, Reis oder Mungobohnen – mosaikartige Kunstwerke, sogenannte «Kornmalerei», und lässt damit Gemälde oder Küchenaccessoir entstehen. Traditionell wird auch die Modellierung von Teig, Klebreis oder klaren Nudeln gepflegt, woraus dann «Teigskulpturen» – meist Blumen oder Tiere – entstehen. Zu den exotischen Kunsthandwerken gehört auch die Kürbiskunst: Mit Lötkolben werden durch Brandmalerei-Technik die Kürbisse reich verziert. Es entstehen realistische Werke, die braunen Skizzen oder Lithografien ähneln.

Verbandsstruktur in der 10-Millionen-Stadt

Der Saal, wo uns ein langer Tisch voller lokaler Handwerkskunst – von bestickten Handtaschen über Schmuck hin zu Kleidern – erwartet, dient auch als Kurszentrum. Dass der Verband der Übersetzer als Rahmenorganisation fungiert, ist kein Zufall: «Wenn die Gewerblerinnen und Gewerbler ihre Produkte ins Ausland verkaufen wollen, müssen sie Englisch beherrschen», sagt Shi-Yun Xia. Doch für die meisten der 200 bis 300 KMU-ler, die in Kleinstmengen produzieren, kommt das nicht infrage. Anders bei «Mister Hao», der zwar keine Frau ist, kein Englisch spricht und im Rollstuhl sitzt, aber landesweit ein bekannter Schmuckproduzent ist: Er hat mit rund 30 000 Mitarbeitenden, viele davon wie er selber behindert, bereits ein grosses Vertriebsnetz und Absatzkanäle im In- und Ausland erschlossen.

Der städtische Industrieverband hat insgesamt rund 200 Unterverbände, darunter auch (Berufs-)Verbände oder Vereine für Kalligraphen, Taxifahrer, Verträgerorganisationen, öffentliche Sicherheit oder Onlinehandel. Der Charme des Verbands der Handwerkskünstlerinnen besteht darin, dass er aus einer scheinbar bunt zusammengewürfelten, auf traditionelles Handwerk fokussierten Gemeinschaft besteht, die sich gegenseitig unterstützt – auf Märkten, bei der Suche nach Vertriebskanälen, Rohstoffen oder Produktionsstandorten. Auch der Staat ist involviert, wenn auch nicht offiziell mit Direktbeiträgen. Es winken Subventionen von der Regierung für den Export beziehungsweise für Explorationsreisen: Die Miete sowie die Hälfte der Kosten übernimmt die Regierung etwa bei Expo-Auftritten im Ausland.

Verein für Auslandchinesen

Das bringt uns zur nächsten und letzten Station an diesem Tag: Die staatliche Unterstützung ist keine Einbahnstrasse für Exportprodukte. Der wirtschaftliche Patriotismus erstreckt sich auch auf chinesische Firmen im Ausland. Wir sind beim Verein für Auslandschinesen gelandet. Auch dieser empfängt uns mit Tee und einigen obligaten Begrüssungsansprachen im Sitzungszimmer. Der noch junge Verein wird von der Regierung bestückt und finanziert, schliesslich hat diese auch ein Interesse daran, die erfolgreichen chinesischen Unternehmer im Exil zurück ins Land zu holen. Beispielsweise wäre Xiaoying Jaun-Li, Direktorin des Swiss China Center, wegen ihrer weiteren Unternehmen (u.a. im Medizinal- und Kosmetikbereich) eine willkommene Rückkehrerin. Grosszügig werden wir auch hier mit lokalen Spezialitäten bewirtet. Wie hoch die Quote der Rückholaktionen, versüsst durch Steueranreize, schlanke Abläufe und weitere Goodies ist, lässt sich wegen der sprachlichen Hürden an diesem Abend allerdings nicht ausfindig machen. Was wir aber erfahren: Die Rückkehr nach China ist auch mit Risiken verbunden. Den chinesischen Markt zu bedienen, bedingt zudem je nach Branche oft ein exorbitantes Wachstum. «Wenn man Stabilität und Sicherheit sucht, bleibt man als Unternehmen wohl besser in Europa oder im Westen», erklärt Michael Wu, der wie Jaun-Li Standortförderer, KMU und Investoren zusammenbringt.

Auch der Übersetzerverband hat mit Auslandchinesen Kontakt – doch eher als exportfördernde Massnahme. So gehört ihm als Unterorganisation das «Haus der Übersee-Chinesen» an. Aber es gibt viele weitere Initiativen und staatliche geförderte Institutionen, um Auslandchinesen, insbesondere erfolgreiche, schnell wachsende oder innovative Jungunternehmer zurückzuholen. So etwa der Overseas Students Pioneer Park of China in Beijing, über den wir bereits im August berichteten.

Mark Gasser

Chefredaktor
Zürcher Wirtschaft

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